Ehrenmord Sorgerechts-Gezerre um Hatun Sürücüs Sohn

Es ist ein zynischer Streit um ein kleines Kind: Ein Berliner Gericht hatte jüngst entschieden, der Familie Sürücü nicht das Sorgerecht für den Sohn der ermordeten Hatun Sürücü zu übertragen. Pünktlich zwei Jahre nach dem Mord an der jungen Frau will deren Schwester der Entscheidung widersprechen.

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Berlin - Es ist zwei Jahre her, dass der kleine Can seine Mutter verlor. Im Februar 2005 wurde sie auf offener Straße an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof von ihrem eigenen Bruder ermordet. Mit drei Schüssen in den Kopf wurde die 23-jährige Hatun Sürücü umgebracht, "weil sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt", wie der Richter später erklärte. Das heißt: weil sie ihren kleinen Sohn allein großzog, das Kopftuch abgelegt hatte, eine Ausbildung machte, selbst bestimmen wollte, welchen Mann sie liebt.

Mordopfer Hatun Sürücü: Vom Bruder erschossen
DDP

Mordopfer Hatun Sürücü: Vom Bruder erschossen

Seit dem Tod seiner Mutter lebt der heute siebenjährige Can fern von seinen Tanten und Onkel aus dem Sürücü-Clan bei einer Pflegefamilie. Aber die Sürücüs wollen sich nicht damit abfinden und Can zurückbekommen. Den ersten Versuch startete Arzu Sürücü, Hatuns jüngere Schwester, direkt nach dem Urteil gegen ihren eigenen Bruder im Frühjahr 2006. Sie beantragte, künftig für ihren Neffen sorgen zu dürfen.

Eine Forderung, mit der sie im ersten Anlauf scheiterte: Kurz vor Weihnachten hat das Familiengericht in Tempelhof-Kreuzberg die Übertragung der Vormundschaft für Can zurückgewiesen. Es würde nicht dem Willen der ermordeten Mutter Hatun entsprechen, dass Can bei der Familie Sürücü aufwachse, hatte das Gericht geurteilt. Hatun Sürücü hatte laut Gericht einem Dritten erklärt, sollte ihr etwas zustoßen, wolle sie nicht, dass ihr Sohn bei der Familie aufwachse. Außerdem müsse der Schutz des kleinen Can gewahrt werden, so die Rechtsprecher. Das wäre bei einem Leben bei der Familie kaum möglich, dort würde er mit Einzelheiten der Umstände des Todes seiner Mutter konfrontiert.

"Arzu will Widerspruch einlegen"

Dieses und die Tatsache, dass noch nicht rechtskräftig feststeht, dass nicht doch mehrere Mitglieder der Sürücüs in den Mord verwickelt waren, scheint Hatuns jüngere Schwester Arzu nicht davon abzuhalten, weiter zu kämpfen - sie will das Urteil des Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg nicht akzeptieren. "Arzu Sürücü will Widerspruch einlegen", sagte der Familienberater der Sürücüs, Zakaeira Wahbi, heute gegenüber SPIEGEL ONLINE. Eine Frist, um gegen das Urteil anzugehen, habe das Gericht seines Wissens noch nicht festgelegt. "Sie will das Kind alleine, nicht mit der gesamten Familie, aufziehen." Er bestätigt aber auch, dass Arzu noch bei ihrer Familie lebe. "Wenn Arzu aber das Sorgerecht für Can bekommt, dann will sie sich eine eigene Wohnung suchen", so Wahbi. Es herrsche bei den Sürücüs nach wie vor "große Trauer" über den Tod Hatuns. Zu dem kleinen Can gebe es seines Wissens keinen Kontakt, erklärte der Berater. Nach der Urteilsverkündung hatten mehrere Mitglieder der Sürücüs im Gerichtssaal gejubelt, weil aus Mangel an Beweisen nur ein Sohn, Hatuns Mörder Ayhan, eine Jugendstrafe bekam. Die anderen Brüder Hatuns wurden freigesprochen. Die Revision läuft.

"Dass Arzu Sürücü weiterhin versucht, das Sorgerecht für Can zu bekommen, ist absolut unmoralisch", sagte Seyran Ates, Berliner Juristin, die als Anwältin stets für die Rechte türkischer Frauen in Berlin gekämpft hat, heute zu SPIEGEL ONLINE. Die Schwester Hatun Sürücüs handle nicht im Interesse Cans, sondern nur in ihrem eigenen.

Die zuständige Jugendstadträtin aus Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler, sagte zu SPIEGEL ONLINE, sie sei offiziell noch nicht über die von Arzu Sürücü geforderte Neuauflage informiert worden. Und solange der Prozess nicht endgültig abgeschlossen sei, würde sie auch keine Bewertung dazu abgeben.

"Das ist nicht zum Wohle des Kindes"

Das Entsetzen jedenfalls war schon vor dem ersten Verfahren um den Verbleib Cans groß: Politiker aller Parteien zeigten sich erschüttert über die Forderung Arzu Sürücüs, das Sorgerecht für Can zu bekommen. Der Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu sagte, es sei eine "Katastrophe", dass die Schwester der Ermordeten das Sorgerecht für Can beantragen wolle. "Das ist nicht zum Wohl des Kindes, wenn es nach den Wertvorstellungen der Familie erzogen wird." Der Junge dürfe nicht in die Familie zurück. Und die Berliner FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben erklärte: "Das kann doch nicht im Sinne seiner erschossenen Mutter sein." Evrim Baba von der Linkspartei/PDS zeigte sich empört: "Die Mutter des Jungen wurde regelrecht hingerichtet", zitierte der "Tagesspiegel" die Politikerin. Can sollte lieber in der Pflegefamilie bleiben. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und der CDU-Politiker Friedbert Pflüger hatten der Familie Sürücü die Ausreise aus Deutschland empfohlen.

Am Mittwoch dieser Woche jährt sich der Mord an Hatun Sürücü zum zweiten Mal. Die Grünen-Fraktion des Berliner Abgeordneten-Hauses will eine Mahnwache an dem Ort halten, wo die junge Frau erschossen wurde. Arzu Sürücü, die dem kleinen Can wie eine Mutter sein will, wird laut "Tagesspiegel" nicht an der Gedenkfeier teilnehmen. "Ich gehe nicht hin. Ich mache das auf meine Weise", sagt Arzu Sürücü. Sie wolle "familiär und religiös" um ihre Schwester trauern. Ihre Schwester, so hatte Arzu letztes Jahr zur Presse gesagt, sei "im Paradies. Ihr geht es gut".



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