"Ehrenmord"-Verdacht: Bedroht, verschleppt, getötet

Von , Düsseldorf

Musste sie sterben, weil sie den falschen Mann liebte? Arzu Ö. aus Detmold wurde getötet, ihre Leiche fand die Polizei auf einem Golfplatz. Fünf Geschwister der 18-Jährigen gelten nun als dringend tatverdächtig, bislang schweigen sie.

Getötete Arzu Ö.: "Lebensfroh, herzlich, offen" Fotos
DPA

Was für ein Mensch war Arzu?

Die Bäckersfrau Kathrin Sander schweigt für einen Moment, wiederholt dann die Frage, ringt mit der Vergangenheitsform und sagt schließlich mit zitternder Stimme: "Sie war lebensfroh, herzlich, zuverlässig und offen. Wir haben sie alle sehr gemocht."

Arzu ist tot. 18 Jahre alt wurde die Schülerin aus Detmold, ihre Leiche fand man auf einem Golfplatz bei Lübeck, und wenn es sich bewahrheiten sollte, wovon die Ermittler bislang ausgehen, dann musste Arzu Ö. sterben, weil sie einen Mann liebte, den ihre Nächsten nicht für den richtigen hielten.

Die junge Frau, die neben der Schule in Sanders Bäckerei jobbte, stammte aus einer großen Familie. Sie hatte neun Geschwister, fünf von ihnen sitzen nun in Untersuchungshaft. Ihre Großeltern und Eltern kamen vor etwa 25 Jahren aus einem kleinen Ort im kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland. Die älteste Schwester Sirin, 27, arbeitet inzwischen bei der Stadtverwaltung, im Fachbereich 3, zuständig für Bürgerservice, Ordnung, Feuerwehr und Rettungsdienst, der Bruder Elvis, 21, ist Heizungsbauer.

"Paradebeispiel für gelungene Integration"

"Meiner Ansicht nach schienen sie ein Paradebeispiel für gelungene Integration zu sein", so der Rechtsanwalt Carsten Ernst, der Sirin Ö. vertritt. Sie hätten an Nachbarschaftsfesten teilgenommen und sich nicht abgekapselt. Auch der Oberstaatsanwalt Michael Kempkes sagt: "Sie wirkten sehr gut integriert, arbeiteten, hatten eigene Häuser." Und die Bäckersfrau Sander weiß: "Sie waren hilfsbereit, freundlich und sind bei uns seit vielen Jahren ein- und ausgegangen."

Und doch scheint sich hinter der Fassade der Familie etwas abgespielt zu haben, wovon ihr Umfeld nichts ahnte. Die Ö.s sind Jesiden, sie gehören einer uralten Religionsgemeinschaft mit vorislamischen Wurzeln an, in der man unter sich bleiben will. Eine Heirat mit einem Andersgläubigen führt zwangsläufig zum Ausschluss. Und der 23-jährige Bäckergeselle Alexander ist kein Jeside.

Vielleicht hat Arzu geahnt, worauf sie sich einlässt, als sie sich mit ihm einließ. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde, so erinnert sich Kathrin Sander, aus Zuneigung und Sympathie mehr. Irgendwann erzählten sie in der Bäckerei von ihrer Beziehung, und bald wusste es auch die Familie. "Das Mädchen ist dann bedroht, bedrängt und auch geschlagen worden", sagt Oberstaatsanwalt Kempkes.

Flucht ins Frauenhaus

Arzu flüchtete in ein Frauenhaus, schnitt sich die Haare ab, färbte sie blond. Eine andere Frau, der sie sich dort anvertraute, berichtete später der Presse, die 18-Jährige habe große Angst vor ihren Verwandten gehabt. Sie sei eingesperrt und verprügelt worden, man habe ihr den Kontakt zu Alexander verboten. Demnach sagte Arzu: "Wenn ich verschwinden sollte, bin ich entweder tot oder in der Türkei verheiratet worden."

Intensiv habe die Familie nach Arzu gesucht, so der Leiter der Sonderkommission in der "Lippischen Landes-Zeitung": "Frauenhäuser angeschrieben, das Umfeld befragt." Doch die 18-Jährige blieb unauffindbar. Zunächst.

Doch Anfang November tat Arzu etwas, was sie vermutlich das Leben kostete. Sie besuchte ihren Freund Alexander in der Detmolder Talstraße. Es war 1.30 Uhr in der Nacht, als nach Angaben der Ermittler fünf Geschwister der jungen Frau die Wohnung stürmten. Hatten sie den Bäcker beschattet? Jedenfalls drohten sie wohl mit einer Waffe, brachen dem jungen Mann einen Finger und entführten die Schwester. Kirer, 25, Osman Ö., 22, und Sirin brausten womöglich mit dem Opfer davon, Kemal, 24, und Elvis fuhren nach Hause.

Das "Westfalen-Blatt" berichtete am Dienstag, Osman Ö. habe Arzu noch in derselben Nacht erschossen, doch Oberstaatsanwalt Kempkes mochte das auf Anfrage nicht bestätigen. "Dazu machen wir aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit keine Angaben." Nur so viel: Die 18-Jährige sei gewaltsam ums Leben gekommen.

Und wann?

"Kein Kommentar."

Und wo?

"Nicht auf dem Golfplatz."

Der Schwester den Kopf waschen

Die Geschwister, die nun erneut vernommen werden sollen, sitzen seit geraumer Zeit in Untersuchungshaft. Nur einer der Brüder räumte vor mehreren Wochen ein, dass man Arzu den Kopf habe waschen wollen. Mit der Entführung habe er jedoch nichts zu tun, beteuerte er. Alle anderen verweigerten bislang die Aussage zur Sache. "Man muss nun hinterfragen, ob das weiterhin Sinn macht", sagt Rechtsanwalt Ernst.

Doch auch in der weitverzweigten Familie scheint der Wille, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, wenig ausgeprägt zu sein. Die Beamten stießen nach eigenen Angaben bislang auf eine "Mauer des Schweigens". Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland distanzierte sich derweil deutlich von jeglicher Gewalt: Es gebe keinen "Ehrenmord" im Jesidentum, hieß es.

Das Vorgehen der Behörden wiederum sorgte bereits Ende Dezember für Aufsehen, als die Staatsanwaltschaft das Büro der Bielefelder Anwälte durchsuchte, die die Geschwister Ö. vertreten. Die Ermittler gingen nach eigenen Angaben damals davon aus, dass eine Juristin den Aufenthaltsort der Vermissten kannte, ohne ihn den Beamten zu melden.

Und Alexander?

Kurz zuvor allerdings hatte die Staatsanwaltschaft die Haftbefehle gegen die fünf Geschwister auf Geiselnahme mit Todesfolge erweitert, worin die Anwälte einen Widerspruch sehen: Wie kann man einerseits eine Razzia mit der Sorge um Leib und Leben einer Vermissten rechtfertigen, wenn man zugleich von deren Tod ausgeht? Die Durchsuchung jedenfalls verlief ergebnislos und brachte der Behörde lediglich eine Beschwerde der Strafverteidiger ein.

Und Arzus Freund Alexander?

Der arme Junge sei "völlig fertig", sagt seine Chefin Kathrin Sander. Er wolle aber tapfer sein und ringe um Fassung. Die Frage sei, wie lange er das durchhalten könne. Vielleicht gehe es ihm ähnlich wie ihnen allen in der Bäckerei? "Wir können nicht fassen, was passiert ist. Wir verstehen es einfach nicht."

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insgesamt 30 Beiträge
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1. t
urban4fun 17.01.2012
Zitat von sysopMusste sie sterben, weil sie den falschen Mann liebte? Arzu Ö. aus Detmold wurde getötet, ihre Leiche fand die Polizei auf einem Golfplatz. Fünf Geschwister der 18-Jährigen gelten nun als dringend tatverdächtig, bislang schweigen sie. "Ehrenmord"-Verdacht: Bedroht, verschleppt, getötet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,809667,00.html)
In eine fremde Wohnung einbrechen, dann Körperverletzung (Fingerbuch an einem fremden Mann), dann erst Entführung der eigenen Schwester, um sie schließlich zu ermorden. Und nun sagen diese fünf Herrschaften keinen Ton und sind so klein mit Hut. Diese Männer haben keine Ehre und sind eine Schande. Das ist Feigheit, nicht s weiter.
2. "Ehrenmord"
somasemapsyches 17.01.2012
Zitat von sysopMusste sie sterben, weil sie den falschen Mann liebte? Arzu Ö. aus Detmold wurde getötet, ihre Leiche fand die Polizei auf einem Golfplatz. Fünf Geschwister der 18-Jährigen gelten nun als dringend tatverdächtig, bislang schweigen sie. "Ehrenmord"-Verdacht: Bedroht, verschleppt, getötet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,809667,00.html)
Welch ein perverser Begriff!! Dagegen klingt Dönermord geradezu lieblich.
3.
bayrischcreme 17.01.2012
Zitat von urban4funIn eine fremde Wohnung einbrechen, dann Körperverletzung (Fingerbuch an einem fremden Mann), dann erst Entführung der eigenen Schwester, um sie schließlich zu ermorden. Und nun sagen diese fünf Herrschaften keinen Ton und sind so klein mit Hut. Diese Männer haben keine Ehre und sind eine Schande. Das ist Feigheit, nicht s weiter.
Wie große muss der Minderwertigkeitskomplex von Menschen sein, die wegen ihrer vermeintlichen Ehre ihre Kinder oder Schwestern ermorden.
4. Unterhaltung für die breite Masse.
franzdenker 17.01.2012
Zitat von sysopMusste sie sterben, weil sie den falschen Mann liebte? Arzu Ö. aus Detmold wurde getötet, ihre Leiche fand die Polizei auf einem Golfplatz. Fünf Geschwister der 18-Jährigen gelten nun als dringend tatverdächtig, bislang schweigen sie. "Ehrenmord"-Verdacht: Bedroht, verschleppt, getötet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,809667,00.html)
Was wären die deutschen Medien ohne ihre Schauergeschichten über die bösen Migranten. Wenn eine überforderte deutsche Mutter wieder einmal ihren Säugling aus dem Fenster wirft kräht kein Hahn danach, nur wenn irgendein Ali oder Mehmet zum Mörder wird, sind alle zur Stelle.
5.
jenzy 17.01.2012
Zitat von franzdenkerWas wären die deutschen Medien ohne ihre Schauergeschichten über die bösen Migranten. Wenn eine überforderte deutsche Mutter wieder einmal ihren Säugling aus dem Fenster wirft kräht kein Hahn danach, nur wenn irgendein Ali oder Mehmet zum Mörder wird, sind alle zur Stelle.
das sehe ich nicht so. wie oft durften wir die horrorgeschichten von verbuddelten, eingefrorenen... säuglingen in den letzten jahren lesen. wäre es ihnen lieber solche nachrichten auf der letzten seite zu bringen?
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