Erfolglose Ermittler Der verzweifelte Kampf gegen die Einbrecher

Kaum eine andere Straftat wird so schlecht aufgeklärt wie der Einbruch - auch weil den Ermittlern die Mittel fehlen: Der Staat gibt seinen Beamten zu wenig, um ihre Arbeit gut zu machen.

Ermittler nach Einbruch
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Ermittler nach Einbruch

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Was sie in den überwachten Telefonaten hören mussten, wird die Polizisten frustriert haben. Da palaverten die mutmaßlichen Einbrecher freimütig darüber, ihre Luxuskarossen deutscher Bauart zugunsten italienischer Sportwagen aufzugeben. Da fachsimpelten die Männer, die offiziell von Sozialhilfe lebten, über Uhrenmodelle des Herstellers Rolex und besprachen, welche Häuser sie wo kaufen wollten.

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Heft 21/2016
Alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, der Staat lässt seine Bürger allein

Es wird sie niemand daran gehindert haben.

Die Ermittlungen gegen die Bande um einen Mann, der sich "Boss" nannte, wurden eingestellt. Es fehlte der Polizei an Personal und Technik.

Aus internen Dokumenten der Kriminalisten, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, geht hervor, in welchem Ausmaß die Gruppierung wohl stahl und betrog - und wie machtlos der Rechtsstaat dem Treiben gegenüberstand. Nach Einschätzung von Fachleuten sind die Probleme, mit denen die Ermittler im Fall des "Bosses" zu kämpfen hatten, durchaus beispielhaft für den schwierigen Kampf gegen marodierende Einbrecherbanden. Und sie erklären daher auch, weshalb gerade einmal 15 Prozent der mehr als 167.000 Einbrüche im vergangenen Jahr in Deutschland aufgeklärt wurden - und warum noch nicht einmal drei Prozent der Täter verurteilt wurden. (Lesen Sie dazu die Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL.)

Mehr als 50 Einbrüche

Die Männer um den "Boss" sollen mehr als 50 Einbrüche begangen haben. Sie hebelten Eingangstüren auf, schlugen Scheiben ein, kletterten auf Balkone und öffneten gekippte Fenster. Sogar am Heiligabend schlugen sie zu. Wie die meisten Profis hatten auch sie es vor allem auf Bargeld, Schmuck und Elektronik abgesehen. Einmal erbeuteten die Täter mehr als 40.000 Euro in einem Einfamilienhaus, oft waren es immerhin Tausende Euro, manchmal gingen sie leer aus.

Einzelne Einbrecher konnte die Polizei festnehmen, doch ihre Hintermänner verrieten diese nicht. Die aber waren das erklärte Ziel der Ermittler. Sie wollten nicht nur die "Soldaten" von der Straße fangen, sondern an die Profiteure herankommen.

Und tatsächlich schienen die Beamten auf einem guten Weg zu sein. Er habe den Eindruck, notierte ein Ermittler in einem Vermerk zu abgehörten Telefonaten, dass es dem "Boss" und seiner Sippe "fast rund um die Uhr nur um die Vorbereitung und Durchführung von Straftaten geht". Das Familienoberhaupt des Clans veranlasse Einbrüche, Taschen- und Ladendiebstähle, Kontoeröffnungsbetrügereien und erschleiche Sozialleistungen. In den Telefonaten der Männer purzelten die Nullen, es ging um Hunderttausende, zuweilen um Geschäfte im Millionenbereich.

Ermittlungen eingestellt

Doch trotz der erstaunlichen Liquidität der Dauerarbeitslosen wurden die Ermittlungen am Ende eingestellt. Es war ein Ressourcenproblem, es fehlte der Polizei an Personal, Technik und Geld für die komplexen Recherchen: allein die Telefonüberwachungen Dutzender Anschlüsse, die Übersetzungen aus dem Rumänischen, Italienischen und aus Romanes seien ungeheuer zeitintensiv, schrieb der Chefermittler.

Zudem kommunizierten die Täter am Telefon zumeist nur über Unverfängliches und verabredeten sich immer wieder zu Gesprächen bei Skype und WhatsApp, die die Polizei nicht abhören könne. Und die Observationen, die jedes Mal neue Ermittlungsansätze gebracht hätten, seien künftig nicht mehr möglich, weil das Mobile Einsatzkommando zum Staatsschutz abgezogen worden sei, so der Beamte. Der Kampf gegen den Terror stach den Kampf gegen Einbrecher.

"Die Ressourcen reichen hinten und vorne nicht mehr. Das ist der wahre Grund dafür, warum wir mit der Kriminalitätsentwicklung nicht mehr Schritt halten können", sagt der NRW-Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler. "Die Politik lässt die Bevölkerung, die für ihre Sicherheit viele Steuern zahlt, im Stich." In NRW fehlten Tausende Kriminalbeamte, so Fiedler.

"Höchste Priorität"

Auch NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) weiß, wie aufwendig und anspruchsvoll Ermittlungen gegen mobile Einbrecherbanden sind. "Das sind Profis: straff organisiert und bestens vernetzt. Nicht selten bestehen Familienbande", so Jäger. Mit dem sogenannten Einbruchsradar, das Hotspots im Internet anzeigt, will er die Bevölkerung sensibilisieren. Und er verspricht: "Für die NRW-Polizei hat der Kampf gegen Einbrecher höchste Priorität." Vielleicht sollte Jäger dann einmal mit seinem Parteifreund Heiko Maas über die Vorratsdatenspeicherung sprechen?

In der Praxis wirkt sich die Neufassung dieses Gesetzes extrem nachteilig auf den Ermittlungserfolg der Behörden aus. So sieht der Paragraf 100g der Strafprozessordnung nicht mehr vor, nach einem einfachen Einbruch auf Standortdaten von Handys zugreifen zu können. Er setzt inzwischen den Verdacht voraus, dass eine Bande die Tat begangen hat.

Da aber beißt sich die Katze in den Schwanz: Bislang haben die Ermittler in Fällen, in denen ein besonders professionelles Vorgehen bei einem Einbruch den Eindruck erweckte, eine Bande könnte zugeschlagen haben, die Funkzelle am Tatort abgefragt und die Nummern mit ähnlichen Tatorten verglichen. Waren Handys an mehreren Tatorten zu den jeweiligen Tatzeiten eingeloggt, wurden die Anschlüsse forthin überwacht. Inzwischen aber geht das nicht mehr. Der einzelne Einbruch bleibt für die Ermittler zwangsläufig so lange eine Einzeltat, bis der Kommissar Zufall ihnen vielleicht eine DNA-Spur oder einen Fingerabdruck beschert, der auch an anderen Tatorten aufgetaucht ist. Die Auswertung einer solchen Spur kann dann allerdings wieder Monate dauern.

"Man könnte sagen", formuliert es ein Beamter spitz, "dass der faule politische Kompromiss zur Vorratsdatenspeicherung den Einbrechern viel mehr hilft als uns."

Einbruchsatlas Deutschland

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