Interviews mit 30 Tätern Warum Einbrecher durch Deutschland reisen

Osteuropäische Banden gelten vielen als Hauptgrund für die enorm hohen Einbruchszahlen. Doch eine neue Studie weckt Zweifel, ob der Anteil der organisierten Kriminalität wirklich so groß ist.

Einbruchsszene (Symbolbild)
DPA

Einbruchsszene (Symbolbild)

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Vor einer Woche feierte die Münchner Polizei einen bundesweit beachteten Erfolg: Die Ermittler überführten einen Familienclan aus Osteuropa, der während der mehrwöchigen Ermittlungen bis in den Sommer 2016 hinein für jeden fünften Einbruch in Deutschland verantwortlich sein könnte. Mehr als 20 mutmaßliche Täter kamen in Haft, darunter einige junge Frauen.

Seit Jahren machen Politiker und Experten osteuropäische Banden für den zwischenzeitlich enormen Zuwachs bei Einbrüchen in Deutschland verantwortlich - auch wenn die offizielle Statistik kaum Zahlen liefert. Der Münchner Fall schien da ein willkommener Beleg.

Einbruchsatlas Deutschland

Nun zieht eine Studie des renommierten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) die These in Zweifel. Dass ausländische Täter in erster Linie Osteuropäer seien, die "in festen Bandenstrukturen durch Deutschland ziehen", werde "nicht durch die Daten gestützt", heißt es in dem 128-Seiten-Werk.

Erstmals in der Forschung, sagt Studienleiterin Gina Rosa Wollinger, habe man in umfangreichen Interviews insgesamt 30 reisende und zugereiste Einbrecher befragt, die in deutschen Gefängnissen eine Haftstrafe verbüßen. Demnach seien Täter aus dem Ausland oft auch allein unterwegs oder in wechselnden Gruppen, "je nach Gelegenheit".

Wollinger räumt ein, dass die Studie nicht repräsentativ sein könne, weil nur überführte Täter befragt wurden. Generell gilt es als schwierig, allgemeine Aussagen über Einbrecher zu treffen, weil die Dunkelziffer hoch ist. Noch nicht einmal drei Prozent aller Täter werden verurteilt. Dennoch könne die Studie wichtige Informationen über die Handlungslogik von Einbrechern liefern, sagt Wollinger.

Die Studienautoren haben in der Gruppe der reisenden und zugereisten Einbrecher drei Tätertypen ausgemacht: Typ eins komme in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland, wolle bleiben - und werde dann "aus der Not heraus" straffällig. Wie der 45-jährige Kroate, der in der Studie das Kürzel "P103" trägt.

Der Mann schilderte den Forschern, er habe eine reguläre Stelle bei einer Firma von zwei Cousins in Deutschland in Aussicht gehabt. Hier angekommen, habe er aber vergeblich eine Arbeitserlaubnis beantragt - und sei finanziell in die Klemme geraten. "Also ich habe [...] drei Monate lang keine Wohnung gezahlt, und ich habe einfach Geld gebraucht und dann bin ich einfach einbrechen gegangen."

Täter vom Typ zwei sehen Einbrüche laut Studie als Weg "zum schnellen Geld". Ein Rumäne etwa erklärte, er habe Geld gewollt, um sich in der Heimat ein Haus zu kaufen. Unter Typ drei fassen die Forscher Profi-Einbrecher, die Einbruch als Beruf sehen.

Überraschend sei, so Wollinger, wie schnell ausländische Täter in Deutschland "Anschluss an ein kleinkriminelles Milieu vor Ort" fänden. So sei es oft ein Leichtes, Diebesgut bei Hehlern und Pfandhäusern rasch zu Geld zu machen.

Generell sei "ein niedriges Entdeckungsrisiko" für Täter aus dem Ausland ebenso wichtig wie für deutsche Täter, so Wollinger.

Häftling "AT103" aus Albanien berichtete, die Dämmerung sei für ihn wichtig. "Wenn es ein bisschen dunkel ist und die Wohnungen die Lichter anmachen, weil du am besten guckst, wer das Licht aus hat und dort klingelst du." Wenn dann niemand aufmache, sei er kurz davor einzusteigen.

Licht anlassen

Täter "PU03" aus Polen sagte, in Deutschland sei "die Sache mit den Einbrüchen" ganz einfach zu lösen: "Einfach wenn die Leute Licht anlassen. Das ist billiger als jede Alarmanlage, es kostet vielleicht ein paar Euro Strom."

Der Slowake mit dem Kürzel "MB02" berichtete, er könne in drei Sekunden jedes Kunststofffenster ohne Sicherung aufbrechen. "Ein altes Haus, das ein Holzfenster hat, ist schwieriger aufzumachen als das Kunststofffenster." Für Holz brauche man zehn Minuten. Viel zu lang.

Der Niederländer "GW02" gab zu Protokoll, es sei wichtig, einen Eindruck davon zu haben, wie sich Besitzer um ihr Haus kümmerten. "Falls man einen schönen Garten hat, weiß ich, dass man zu Hause viel Geld hat. Ich suche es mir anhand dessen aus."

Abgesehen haben es die Täter laut Studie in der Regel auf leicht tragbares Diebesgut, Geld, Schmuck, Gold. Und viele Täter haben offenbar Deutschland ausgewählt, weil sie es mit Wohlstand und Reichtum verbinden.

Forscherin Wollinger sagte, die Studie liefere auch Stoff für die Politik. Es zeige sich, wie wichtig mechanische Sicherungen an Fenstern und Türen seien, um Einbrecher zu bremsen. Sie plädierte für eine Einbruchsschutzverordnung, die vergleichbar mit einer Brandschutzverordnung auch Mietwohnungen sicherer mache.

Klar sei, dass die jüngst beschlossene Erhöhung der Mindeststrafen keine Abschreckung bedeute. "Die Täter denken darüber gar nicht nach."

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