Kriminalitätsstatistik Darum explodieren die Einbruchszahlen

Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland ist massiv gestiegen. Ermittler führen das auf marodierende Banden zurück - und haben Vorschläge, wie dem beizukommen ist.

Einbruch (Illustration)
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Es ist noch nicht allzu lange her, da hörten Ermittler den Einbrechern beim Abstecken ihrer Reviere zu. Aus einem Auto heraus sprachen Täter in einem Wohngebiet in Westfalen Bekannte aus ihrer albanischen Heimat an. Sie sollten gefälligst verschwinden, die Gegend sei ihr Revier, riefen die Platzhirsche aus dem Fenster. Was sie nicht ahnten: Das Auto war verwanzt - und die Beamten staunten, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kriminellen ihr Tun besprachen.

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Heft 21/2016
Alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, der Staat lässt seine Bürger allein

Am Montagmittag hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin die neue Kriminalstatistik vorgestellt. Zum wiederholten Male musste der CDU-Politiker dabei auch verkünden, dass sich die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland abermals erhöht habe. Mehr als 167.000 versuchte und vollendete Taten registrierten die Beamten, das sind 50 Prozent mehr als noch 2008.

"Gerade beim Wohnungseinbruch zeigt sich eine überproportionale Zunahme organisierter, reisender Tätergruppen aus Südost- und Osteuropa", so erklärt de Maizière den Zuwachs der Zahlen. Das gebe "Anlass zur Sorge" und "zum entschlossenen Gegensteuern", sagt er.

"Kommt nach Deutschland - hier passiert euch nichts"

Im Düsseldorfer Landeskriminalamt (LKA) teilt man diese Ansicht. Zwar sei die Aufklärungsquote gering und das Dunkelfeld groß, doch sowohl Erkenntnisse aus Ermittlungsverfahren als auch vergleichbare Vorgehensweisen sowie Tatortspuren ließen den "begründeten Schluss" zu, dass "reisende Einbrecher vorrangig für den Anstieg der Zahlen verantwortlich sind", sagt der Leitende Kriminaldirektor Joachim Eschemann. Zumal sich der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger seit 2009 von 27,9 Prozent auf 48,5 Prozent erhöht habe.

Die fünf Staaten, aus denen tatverdächtige Einbrecher in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr am häufigsten stammten, sind demnach: Serbien, Rumänien, Türkei, Albanien, Georgien. Die Zahl der rumänischen Verdächtigen habe sich in fünf Jahren verdreifacht, die der Albaner verachtfacht und die der Georgier sogar verzehnfacht, so Eschemann. "Unsere Sanktionsmöglichkeiten schrecken niemanden in den Hauptherkunftsstaaten der Einbrecher ab", sagt der Kriminalist. Dort werde sogar damit geworben: "Kommt nach Deutschland - hier passiert euch nichts."

In einer vertraulichen Analyse kommt auch das Bundeskriminalamt (BKA) zu dem Ergebnis, dass die von Georgiern in Deutschland begangenen Einbrüche und Ladendiebstähle "professionell geplant und arbeitsteilig" ausgeführt würden. Täter würden gezielt angeworben und kämen als Flüchtlinge nach Deutschland. So steige die Zahl der georgischen Asylbewerber seit Jahren, obwohl kaum einer von ihnen anerkannt werde. Die Schutzquote liegt bei 0,4 Prozent. Die Schleusungen kosteten jeweils etwa 5000 Euro, die "abgearbeitet" werden müssten, so das BKA.

"Lukrative Form der Kriminalität"

Die Ermittler unterscheiden zwischen den "Ameisen", den Arbeitern, die einbrechen, und den Nutznießern im Hintergrund. An sie ist kaum heranzukommen. Es fehlt an Personal für die komplexen und aufwendigen Ermittlungen. Die Täter kommunizieren hochmodern und verschlüsselt.

Das Grundproblem aber sei, sagt Kriminalist Eschemann: "Die Kriminellen können samt Beute problemlos kreuz und quer durch die EU reisen. Die Ermittlungsbehörden aber arbeiten erst einmal national." Das Überschreiten jeder Grenze koste sehr viel Zeit. Daher müsse die internationale Zusammenarbeit, der schnelle Datenaustausch, dringend verbessert werden: "Der Haftrichter in NRW muss auch Informationen über Taten in anderen EU-Staaten bekommen können", sagt Eschemann.

Auch bei Europol geht man davon aus, dass der in Westeuropa zu beobachtende Anstieg der Einbruchszahlen auf reisende Täter zurückgeht. "Das Eindringen in Privatwohnungen ist eine sehr risikoarme und trotzdem lukrative Form der Kriminalität", sagt der Abteilungsleiter für Schwere und Organisierte Kriminalität bei Europol, Michael Rauschenbach.

"Wir müssen ein Umdenken bei Polizei und Politik erreichen"

Rauschenbach geht davon aus, dass die professionell agierenden Gruppen "über ein schier unendliches Potenzial von Soldaten" verfügten. Dafür sorge das Wohlstandsgefälle sowohl innerhalb der Europäischen Union als auch im benachbarten Ausland.

Für die Ermittler ist es schwierig, hinter der einzelnen Tat die Banden zu erkennen. Vielfach werden Einbrüche oder Ladendiebstähle als einzelne Bagatelldelikte verbucht, Ermittlungen finden oft in zu geringem Umfang statt. "Wir müssen ein Umdenken bei Polizei und Politik erreichen", sagt Rauschenbach. "Nur wenn wir die organisierte Kriminalität hinter der Massenkriminalität erkennen wollen, werden wir sie auch erkennen können", sagt Rauschenbach. Dazu gehöre auch, sich in Europa auf eine einheitliche Definition von organisierter Kriminalität zu verständigen.

Die Innen- und Justizminister der EU hätten schon vor Jahren die Eigentumskriminalität zur Priorität erklärt, so Rauschenbach. Guten Erfolg habe Norwegen, das seine Gangart gegen Einbrecher verschärft habe. Dort würden Personen, die mit dem Ziel eingereist seien, Straftaten zu begehen, inzwischen eher in Haft genommen und schneller ausgewiesen als früher. Die Niederländer wiederum seien in der Präventionsarbeit stark. Dort organisiere die Polizei unter anderem Nachbarschaftswachen und schärfe die Wachsamkeit der Bürger. "Aber wenn wir weiterhin erfolgreich sein wollen", sagt Rauschenbach, "müssen die Strafverfolger in Europa noch enger und schneller zusammenarbeiten."


Zusammengefasst: Seit Jahren steigt die Zahl der Einbrüche in Deutschland deutlich an, die jüngste Erhebung aus der Polizeilichen Kriminalstatistik bestätigt den Trend. Ermittler führen den Anstieg vor allem auf professionelle, hochmobil agierende Banden aus dem Ausland zurück. Um besser gegen sie vorgehen zu können, sollte die Zusammenarbeit der Strafverfolger in Europa verbessert werden, sagt der Abteilungsleiter für Schwere und Organisierte Kriminalität bei Europol, Michael Rauschenbach.

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