Tod von Elias und Mohamed Grab in der Gartenlaube

Der gewaltsame Tod der Jungen Elias und Mohamed erschüttert Deutschland. Die Ermittler kamen dem Täter erst spät auf die Spur - wohl auch, weil der Mann so unscheinbar war.

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Die letzte Gewissheit lässt am Nachmittag noch auf sich warten. Sandra und Eileen, zwei junge Mütter, bringen trotzdem zwei weiße Rosen und drei Kerzen zur Laubenkolonie im brandenburgischen Luckenwalde.

Sie kommen nur bis zum Absperrband. "Wir wollen das abstellen für den kleenen Elias", sagen sie. Eine Polizistin entgegnet: "Wir wissen ja noch gar nicht, wo er ist." Die Frauen ziehen wieder ab.

Der sechsjährige Elias aus Potsdam. Seit fast vier Monaten wird der Junge vermisst. Jetzt ist jede Hoffnung dahin, ihn lebend zu finden. Der 32-jährige Wachmann Silvio S. hat gestanden, neben dem Flüchtlingsjungen Mohamed auch Elias getötet zu haben.

Die Polizei gräbt am Nachmittag die Parzellen in Luckenwalde durch, das gut 50 Kilometer südlich von Berlin liegt. Hier hat S. seit einem Jahr ein Grundstück gepachtet, hier hat er nach eigener Aussage Elias verscharrt. Irgendwann am Nachmittag schieben Männer eine Bahre, auf der ein blauer Sack liegt, durch die Gärten. Eine Leiche sei gefunden worden, teilt die Polizei am Abend mit. Ob es sich wirklich um Elias handelt, muss jetzt die Obduktion klären.

Die Fälle berühren die Grundängste aller Eltern

Elias und Mohamed - der Tod der beiden Kinder erschüttert das Land. Auch deshalb, weil die Fälle die Grundängste aller Eltern berühren: Einmal nicht hingeguckt, schon ist das Kind weg. Von einem Fremden gelockt. Verschleppt. Getötet.

Am 8. Juli tobt Elias auf einem Spielplatz im Potsdamer Stadtteil Schlaatz, seine Mutter kann ihn durch das Küchenfenster sehen. Um Viertel vor sieben am Abend ist Elias plötzlich weg. Die Polizei startet unmittelbar eine große Suche, lässt Taucher in die nahen Flüsse steigen. Geht ins Fernsehen. Bildet die Sonderkommission (Soko) "Schlaatz".

Doch von Elias keine Spur. Mitte August sagt der Soko-Chef, man glaube nicht mehr, dass Elias am Leben sei. Es ist die Erfahrung der Kriminologen. Wenn jemand verschwindet, findet man ihn entweder schnell unversehrt wieder. Oder es ist etwas Schlimmes passiert. Der Fall Elias bleibt lange ein Rätsel.

Am 1. Oktober verschwindet in Berlin der Flüchtlingsjunge Mohamed. Es herrscht großes Gedränge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), wo sich die Flüchtlinge melden müssen. Die Mutter lässt Mohamed kurz aus den Augen. Am 4. Oktober leitet die Polizei eine Fahndung ein. Später werden die Beamten sagen, sie hätten zunächst Ungereimtheiten in der Aussage der Mutter klären müssen.

Am 8. Oktober veröffentlichen die Ermittler Bilder aus einer Videokamera des Lageso, die Mohamed an der Hand von Silvio S. zeigen. Aber niemand meldet sich, der den Mann erkennt. In der vorigen Woche durchkämmt eine Hundertschaft das Gebiet um das Lageso-Gelände - und bemerkt, dass der Wirt einer nahe gelegenen Eckkneipe Passanten filmt. Auf den Bildern: Silvio S., gestochen scharf.

Dann geht alles ganz schnell. Am Dienstag werden die Bilder veröffentlicht. Am Mittwoch geht bei der Berliner Polizei ein erster Hinweis auf Silvio S. ein. Am Donnerstagvormittag schließlich meldet sich seine Mutter bei der Polizei. Ihr Sohn habe mit dem Verschwinden von Mohamed zu tun.

Silvio S. lebt noch bei seinen Eltern, in der brandenburgischen Gemeinde Niedergörsdorf. Unscheinbar sei er, schüchtern, fast ängstlich, das sagen Nachbarn dem SPIEGEL. Silvio S. ist 32 Jahre alt, mittelgroß, schmal, die Polizei kennt ihn nicht als Sextäter. Er sei ein "unbeschriebenes Blatt", sagen die Ermittler.

Als die Beamten am Donnerstag vor der Tür stehen, lässt sich S. widerstandslos festnehmen. Er räumt ein, Mohamed getötet zu haben. Und zeigt den Beamten die Leiche des Kindes, die er in den Kofferraum seines Dacia gelegt hat.

Ein Stofftier als Köder

Beim Verhör erzählt er, dass er am 1. Oktober mit Stofftieren auf das Lageso-Gelände gegangen sei, um Flüchtlingen eine Freude zu machen. Er sagt, er habe Mohamed ein Stofftier gegeben und ihn im Auto mit nach Hause genommen. Am Abend und in der Nacht habe er das Kind missbraucht. Am nächsten Tag erdrosselt er Mohamed mit einem Gürtel - weil er "gequengelt und gemault" habe, wie Oberstaatsanwalt Michael von Hagen später berichtet.

Am Ende der Vernehmung fragen die Beamten nach anderen Taten. Silvio S. sagt, er habe einen Elias getötet. Die Ermittler zeigen ihm das Fahndungsfoto des Sechsjährigen aus Potsdam. Silvio S. sagt: "Ja, das ist der Junge." Und Silvio S. markiert auf einer Skizze das Grab von Elias. Als Silvio S. am Freitagmorgen erneut vernommen werden soll, schweigt er.

Es bleiben viele Fragen. Ob auch Elias missbraucht wurde, zum Beispiel. Ob es noch mehr Opfer gibt. Warum die Polizei Silvio S. nicht schneller fand, einen Mann, der doch offenbar kein verschlagener Krimineller war - sondern ein einfacher Wachmann aus einem brandenburgischen Kaff. Oder war er gerade deshalb so schwer zu finden?

André Schulz, Chef vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, nimmt die Kollegen in Schutz: Silvio S. sei "der Tätertypus, der Ermittlern immer wieder die größten Probleme bereitet: der unbescholtene Nachbar, dem keiner schwere Straftaten zutraut".

Luckenwalde ist etwa 20 Kilometer von Niedergörsdorf entfernt. Am Freitag hört man vor der Laubenkolonie oft den Satz: "Der wohnt ja nicht hier." Niemand der Anwohner will Silvio S. gekannt haben. Auf dem Parzellenplan am Eingang ist sein Name nicht zu finden - die Aufstellung datiert von 2013.

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat am Freitag Haftbefehl beantragt.

insgesamt 4 Beiträge
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KapArkona 30.10.2015
1. Welche Worte soll man finden.
Alle Attribute versagen bei solchen Taten. Schwer gestörte Menschen wird es immer geben, leider, ja und die die wie immer gesagt wird: Er hat immer freundlich gegrüßt, hat mir meine Einkäufe hoch getragen, er war ein sehr reizender Mensch diese Menschen sind schwer als Psychopaten zu erkennen. Aber, und auch das muß gesagt werden, diese Taten hat es immer gegeben, sie sind nicht neu und jetzt fallen viele in den Aufpassmodus. Das Recht von Kindern einfach so wie ich es kannte im Freien umherzutollen, zu spielen wird weiter eingeschränkt. Mir tun in dem Sinne alle Kinder leid. Das Leid der Eltern die ihre Kinder auf so grausame Weise verloren haben gehört mein volles Mitgefühl. MfG
mahatma99 30.10.2015
2. Unfassbar
Wie kann ein Mensch nur so etwas tun? Er nimmt nicht nur das Leben zweier Kinder, sondern beendet auch das bisherige Leben der Eltern und der Familien. Mein Mitgefühl an all diese armen Menschen. Ich habe selbst Kinder und kann den Schmerz nicht ermessen. Mein Mitgefühl gilt aber auch allen Polizisten, Feuerwehrmännern und Frauen, Sachverständigen, Richtern und allen anderen, die sich in den nächsten Jahren mit diesen schlimmen Bildern und Ereignissen beschäftigen müssen. Bei der Bestrafung eines solchen "Menschen" fallen mir leider nur unchristliche Methoden ein.
Das Pferd 30.10.2015
3.
Mein Beileid den Familien. Und ich hoffe inständig, daß nicht irgend ein Idiot sein ideologisches Süppchen darauf kocht, aus welcher Richtung auch immer.
Lisa_can_do 30.10.2015
4. Noch schlimmer als wenn das eigene Kind stirbt
Ich dachte immer, dass es die furchtbarste menschliche Katastrophe ist, wenn das eigene Kind vor der Mutter/ Vater stirbt oder gar missbraucht und getötet wird. Aber den eigenen Sohn bei der Polizei melden zu müssen, weil dieser 2 Kinder missbraucht und getötet hat, ist wohl eine ähnliche menschliche Katastrophe, was einer Mutter passieren kann. Wie soll man das selbst überleben? Das System, die Gesellschaft, also wir, haben wieder mal versagt. Wir dürfen uns keinesfalls damit zufrieden geben zu statuieren, dass es solche kranken Menschen immer geben wird.
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