Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Eliteschule Collegium Josephinum: Anzeige gegen Pater Pädo

Von , Bonn

Das Collegium Josephinum, eine katholische Jungenschule in Bonn, gilt als Eliteschmiede. Nun haben Eltern Anzeige erstattet wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Die Schulleitung wiegelt ab - und suspendiert einen Pater.

Collegium Josephinum in Bonn: "Unüblich, Kindern in diesem Alter Zäpfchen zu verordnen" Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Collegium Josephinum in Bonn: "Unüblich, Kindern in diesem Alter Zäpfchen zu verordnen"

Der Kelch ist nicht an ihnen vorübergegangen, so scheint es. Als der Missbrauch an katholischen Schulen im Sommer 2010 die Kirche erschütterte und nahezu täglich neue Skandale aufkamen, konnte das Collegium Josephinum in Bonn darauf verweisen, dass es dort lediglich drei Fälle von sexueller und körperlicher Misshandlung gegeben habe - und das in den fünfziger und sechziger Jahren.

Dann korrigierte Hermann-Josef Merzbach, Direktor des Amtsgerichtes Leverkusen und vom katholischen Orden beauftragt, seinen Bericht vor wenigen Wochen: 28 ehemalige Internatsschüler seien Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, zuletzt 1968.

Und nun das. Zwei Elternpaare haben Anzeige erstattet, weil ein Pater ihre Kinder missbraucht haben soll - und zwar in den vergangenen drei Jahren. Der Pater wurde bereits suspendiert. "Auf Anraten der Bezirksregierung" habe ihn der Ordensprovinzial von seinen Dienstpflichten entbunden, sagt Schulleiter Peter Billig. "Das dient der Fürsorgepflicht und ermöglicht ein unbeeinflusstes Ermittlungsverfahren. Aus Sicht des Betroffenen mag das eine unverhältnismäßig harte und sachlich unangemessene Entscheidung sein", da es sich um Vorfälle handele, die sich im Sanitätsdienst zugetragen haben sollen.

Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt. "Uns sind zwei Sachverhalte bekannt, die nun überprüft werden", bestätigt Oberstaatsanwalt Fred Apostel. Den Straftatbestand könne man bisher allerdings nicht benennen.

Das Collegium Josephinum im Norden von Bonn, von allen nur CoJoBo genannt, ist eine katholische Privatschule nur für Jungen, staatlich anerkannt, mit exzellentem Ruf. Insgesamt 1200 Jungen besuchen Gymnasium und Realschule unter der Führung von 100 Mitarbeitern.

Träger ist der Redemptoristenorden, wenige Lehrer sind Patres und wohnen im angrenzenden Kloster, sie gelten als liberal. Die Schulordnung ist es weniger. So dürfen die Schüler beispielsweise erst beim Klingeln das Gebäude betreten, selbst bei minus fünf Grad, Sturm oder Hagel.

Wie an jeder Schule wird auch am CoJoBo jeder Neue mit Legenden, vielleicht sogar Mythen konfrontiert. In diesem Fall trifft es einen jungen Diplom-Theologen, der im Rahmen seines Promotionsstipendiums für nur ein Jahr an der Schule als Lehrer anheuert.

Unerwünschte Recherche

Der "Aushilfslehrer" habe, so sagt Schulleiter Billig, "Nachforschungen" betrieben. Das klingt nach unliebsamem Engagement. Kollegen sagen, jener "Aushilfslehrer" habe keine Wahl gehabt, sich der "vielleicht unangenehmen Wahrheit" zu entziehen.

Die Schüler wählen den Neuling aus Köln zum Vertrauenslehrer, ein Amt, das er ernst nimmt. Bei einem Wochenende mit Mitgliedern der Schülervertretung Ende November hört er erstmals dort die "Geschichte von den Zäpfchen". Pater K. und Pater L. sollen Schülern mehrfach Zäpfchen verabreicht haben - meist persönlich. Der Vertrauenslehrer ist irritiert: Ist das ein geschmackloser Scherz? "Er war verunsichert, nahm die Vorwürfe jedoch ernst", berichtet ein Kollege.

Zurück in Bonn macht der Vertrauenslehrer mit einem Kollegen Stichproben, in einer Hofpause befragen sie wahllos einige Schüler - und finden prompt einige, denen von den Patres Zäpfchen verabreicht wurden.

Der eine berichtet den beiden Lehrern, wie Pater K. ihm ein Zäpfchen verabreicht habe, als er wegen Unwohlseins im Zimmer des Schulsanitäters erschienen war. Aus Scham habe er sich seinen Eltern nicht anvertraut. Diese haben nun Strafanzeige erstattet.

Ein anderer gibt an, er habe sich vor wenigen Jahren als Fünftklässler wegen Bauchschmerzen an den Schulsanitätsdienst gewandt. Pater K. habe daraufhin einen weiteren Schüler beauftragt dem Jungen ein Zäpfchen einzuführen - unter der Aufsicht des Paters, der dies "besonders intensiv" beobachtet haben soll.

Ein anderer Junge sagt, dass er stets vermieden habe, mit Pater K. allein in einem Raum zu sein und als letzter das Klassenzimmer zu verlassen, weil dieser ihm des Öfteren an den Po gefasst habe. Ein weiterer Schüler erzählt, auch ihm habe jener Pater ein Zäpfchen verabreicht und kurz darauf noch einmal überprüft, ob dieses auch "richtig drin" sei - und mit dem Finger nachgeschoben. Der Junge ist damals elf Jahre alt.

"Es ist völlig unüblich, Kindern in diesem Alter Zäpfchen zu verordnen", sagt Stefan Renz, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Sprecher des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hamburg. Zudem hätten Kinder einen eigenen Willen. "Wenn man sie fragt, ob sie lieber Tabletten, Saft oder Zäpfchen wollen, entscheiden sie sich immer gegen Zäpfchen."

"Pater Pädo"

Pater K., der im Kloster wohnt, unterrichtet Religion und Musik. Ehemalige Schüler nennen ihn "Pater Pädo" und erzählen, dass er meist die Klassenfahrten begleite. Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit, auf die die beiden Lehrer im Rahmen ihrer "Nachforschungen" stoßen.

Pater K. soll auch im Unterricht eigenwillige Methoden anwenden: Gern gebe er stupide Strafarbeiten auf, bei denen Schüler seitenlange Texte abschreiben müssen. Wer sich allerdings von dem Pater an den Po fassen lasse, dessen Strafarbeit reduziere sich.

Schulleiter Billig kennt diese Gerüchte. "Angeblich hat Pater K. mal gesagt, man könne wählen zwischen Strafarbeit und einem Klapps auf den Po." Darauf angesprochen habe der Pater ihm gegenüber jedoch bestritten, das jemals getan zu haben.

Je nach Laune soll Pater K. seine Schüler auch gern durchkitzeln - oder ihnen Ohrfeigen verpassen. Einer Lehrerin gegenüber soll er diese Erziehungsmethode eingeräumt haben. Auch davon ist der Schulleitung nichts bekannt.

Pater K. leitet die Mensa. An Tagen, an denen Pommes Frites auf dem Speiseplan stehen, herrscht reger Betrieb. Schüler berichten nun, Pater K. soll die Kinder in befremdender Art und Weise beim Warten dirigieren, sie anfassen, fast umarmen. "In der Mensa sind 80 Schüler, 20 Lehrer und fünf Frauen, die das Essen ausgeben", sagt Schulleiter Billig. "Pater K. sucht nicht die körperliche Nähe zu Kindern."

Die Lehrer tragen ihre Rechercheergebnisse zu einer Art Dokumentation zusammen und informieren die Schulleitung. Der stellvertretende Direktor wiegelt ab. Das mit den Zäpfchen sei "üblich" und "mit den Eltern abgesprochen".

Bei der Bezirksregierung, der obersten Schulaufsichtsbehörde, geht kurz darauf ein anonymer Hinweis ein. Zeitgleich schickt der Provinzial der Redemptoristen, Johannes Römelt, einen Brief an Eltern, Schüler und Kollegen wegen angeblicher "Vorbehalte" gegen das Medikamentenkonzept des Schulsanitätsdienstes, speziell die Anwendung von "Suppositorien". Er kündigt eine Überprüfung durch eine externe Gutachterin, die Kölner Sozialpädagogin Michaela Schumacher, an, deren Hauptauftraggeber aus dem Umfeld der katholischen Kirche kommen.

"Es geht immer nur um das Image der Schule"

Der Brief sorgt für Unruhe bei Eltern. Viele sagen, sie hätten von der jahrelang praktizierten Zäpfchengabe an kranke Schüler keine Ahnung gehabt. Ein Junge vertraut sich schließlich seiner Mutter an, berichtet ihr, Pater K. habe ihn im Sanitätsraum im Schambereich berührt. Der Junge hatte sich wegen Bauchschmerzen dort gemeldet. Seine Eltern erstatten ebenfalls Anzeige.

Mitte Januar gibt Johannes Römelt, der Provinzial der Redemptoristen, das Zwischengutachten von Schumacher bekannt: Demnach kam es am CoJoBo zu keinen sexuellen Übergriffen. Es sei zu keinen Straftaten gekommen, lediglich zu "pädagogischen Unklarheiten und heute nicht mehr angebrachtes burschikoses Verhalten". Als der junge Vertrauenslehrer nachhakt, bekommt er coram publico die Dienstanweisung, zu schweigen. Fünf Tage später wird ihm eine Abmahnung angedroht, weil er einen schlecht bewerteten Test einer Klasse im Zug liegen gelassen hatte. Betroffene dürfen den Bericht - auch in anonymisierter Form - nicht einsehen.

Schüler berichten, dass sie oder ihre Eltern vor und während der Untersuchung am CoJoBo von einem Lehrer einen Anruf erhielten, keine Aussage zu den Vorfällen zu machen. "Das ist mir nicht bekannt", sagt Schulleiter Billig.

Eltern bitten den Schulpflegschaftsvorsitzenden Stefan Queng, Richter am Landgericht Köln, um einen Erfahrungsaustausch aller Betroffener. Doch dieser habe abgelehnt, sagen sie. "Er verhält sich wie der verlängerte Arm der Schulleitung", konstatiert ein Vater. "Es geht immer nur um das Image der Schule und des Ordens - nie um die Kinder oder gar die mutmaßlichen Opfer." Darauf angesprochen, sagt Queng: "Ich weiß nicht, welche Fälle gemeint sind und gebe am Telefon keine Stellungnahme ab."

Auch Pater Jürgen L., Leiter des Sanitätsdienstes am CoJoBo und selbst einst Schüler dort, hat die umstrittene Zäpfchenmethode als Medikation praktiziert. Einen Tag nach dem Brief des Provinzials räumte er ein, selbst Zäpfchen verabreicht zu haben. Nach der Kritik im Jahr 2010 habe er dies durch andere Schüler durchführen lassen.

Nach Auskunft des Schulleiters gibt es momentan keine Vorwürfe gegen ihn. "Die Zäpfchen wurden immer nur in Akutfällen verabreicht, immer nur im Sanitätsbereich und immer nur in Anwesenheit einer dritten Person", sagt Billig. Rechtsanwalt Wolf Büsing von der Kanzlei van Sambeck, Fritsch & Büsing in Bonn, der die Eltern der mutmaßlichen Opfer vertritt, sagt: "In einem Fall, in dem eine Zäpfchenvergabe angedacht war und es zu einem anderen Übergriff gekommen ist, war das Vier-Augen-Prinzip nicht gewahrt."

Warum hat man den Kindern also nicht einfach Tabletten verabreicht, die sie selbst zu sich nehmen können? "Wenn sie ihnen helfen wollen, gibt es bei Akutfällen keine Alternative", sagt Schulleiter Billig. "Spritzen dürfen nur Ärzte verabreichen und Tabletten entfalten ihre Wirkung erst erheblich später." Das umstrittene Medikamentenkonzept sei jedoch vorerst ausgesetzt und werde gemeinsam mit Eltern überarbeitet.

Anmerkung der Redaktion: Nach Erscheinen dieses Artikels wollte Schulpflegschaftsvorsitzender Stefan Queng doch eine Stellungnahme abgeben. Per Mail erklärte er nun, dass an ihn "keine Eltern herangetreten sind und um einen Erfahrungsaustausch aller Betroffenen gebeten haben". Er habe "zu keiner Zeit" ein Gespräch mit Eltern abgelehnt.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: