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Eltern des NSU-Terroristen Böhnhardt: "Er war unser Liebling"

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Ihr Sohn war Mitglied der NSU-Zelle: Im ARD-Magazin "Panorama" sprechen Brigitte und Jürgen Böhnhardt über ihr Kind, den rechtsextremen Terroristen, und seine Freunde Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Zum letzten heimlichen Treffen brachten sie Kuchenrezepte mit, beim Abschied flossen Tränen.

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NDR

Die Eltern des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt: "Wir können nicht um Verzeihung bitten"

Noch immer spürt Brigitte Böhnhardt den Druck, als Uwe Mundlos, der Freund ihres Sohnes, sie ein letztes Mal umarmt. Fast zehn Jahre ist das nun her. Es war eines dieser heimlichen Treffen in einem Park, zu dem Brigitte Böhnhardt gemeinsam mit ihrem Ehemann Jürgen gefahren war, um ihren Sohn, der im Untergrund lebte, zu sehen.

In der NDR-Sendung "Panorama", die am Donnerstag in der ARD um 21.45 Uhr ausgestrahlt wird, sprechen die beiden 67-Jährigen über ihren Jüngsten, ihren Kleinsten, ihr Nesthäkchen, wie sie sagen. "Er war unser Liebling, wenn Sie so wollen", sagt Brigitte Böhnhardt.

Ihr Liebling war, als sie ihn das letzte Mal trifft, bereits am kaltblütigen Mord an vier Menschen beteiligt gewesen. Er und Mundlos begehen noch sechs weitere Morde, in drei Fällen machen sie nach den tödlichen Schüssen noch ein Foto der Opfer. Menschenverachtende Trophäen rechtsextremer Terroristen.

Bis zum 5. November 2011 haben sie nicht geahnt, welches Leben ihr Sohn im Verborgenen führte, sagen Brigitte und Jürgen Böhnhardt in der Dokumentation. An jenem Samstag klingelt um 7 Uhr das Telefon. Beate Zschäpe sagt: "Frau Böhnhardt, der Uwe kommt nie mehr zurück."

"Ist der Uwe tot?"

"Ja, der Uwe ist tot, er kommt nicht wieder zurück."

"Wann? Warum?"

"Die beiden Jungs haben sich das Leben genommen, sie haben keinen Ausweg mehr gesehen und wollten aber auch nicht ins Gefängnis gehen."

Zschäpe informiert an jenem Morgen auch Mundlos' Eltern. "Der einzige Grund, warum ich anrufe, ist, weil der Uwe euch sehr lieb gehabt hat und es war ihm wichtig, dass Sie das erfahren", sagte Zschäpe nach SPIEGEL-Informationen. Sie werde "nie wieder anrufen" und "nie wieder zurückkommen", habe sie mit selbstbewusster Stimmlage gesagt, so gibt es Uwe Mundlos' Mutter später zu Protokoll.

In den Tagen und Wochen nach dem morgendlichen Telefonat erfahren beide Eltern, wie ihr Uwe und seine beiden Verbündeten insgesamt 14 Jahre lang in der Illegalität lebten, keine 80 Kilometer von ihren Familien in Jena entfernt, wie sie grausam mordend und raubend durch die Republik zogen.

So etwas Kaltblütiges könne sie ihrem Sohn nicht zuordnen, sagt Brigitte Böhnhardt im NDR-Film. "Glauben Sie, ich hätte meinen Sohn umarmt, wenn ich irgendetwas geahnt hätte?"

Sie selbst arbeitete als Lehrerin mit Kindern, die Probleme in der Schule haben. Mit ihrem Sohn, der Probleme in der Schule hat, kommt sie nicht zurecht. In der Dokumentation beschreibt die Rentnerin, wie ihr die Erziehung ihres eigenen Kindes missglückte, wie sie es als Niederlage empfand, wenn sie ihn von einem Polizeirevier abholen musste und wie sie sich nicht zu helfen wusste, als er immer wieder straffällig wurde. Regelrecht erleichtert scheint sie gewesen zu sein, als Uwe Böhnhardt bereits mit 15 Jahren für vier Monate ins Gefängnis kam. Er habe "einen Schuss vor den Bug" gebraucht.

Es hilft nichts. Uwe Böhnhardt gleitet in die rechte Szene ab, vertreibt sich die Zeit, die er zuhauf hat, weil er keine Arbeit findet, auf Nazi-Demos. Den Eltern bleibt seine Gesinnung nicht verborgen. Auch zu Hause grölt er Parolen wie "Ausländer raus" und "die Juden haben an allem Schuld". "Kennst du überhaupt Juden?", fragt Brigitte Böhnhardt ihren Sohn. Es scheint ihm gleich, was die Mutter sagt.

Wie sich "der liebe Uwe" verwandelte

Die rechtsextremistische Karriere von Uwe Böhnhardt beginnt laut einem vertraulichen Bericht des Thüringer Verfassungsschutzes, der dem SPIEGEL vorliegt, spätestens 1993, als er als Gast einer Geburtstagsfeier des späteren NPD-Funktionärs Ralf Wohlleben auffällt. 1995 soll Böhnhardt dann mit Zschäpe ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Rudolstadt geschändet und begonnen haben, regelmäßig an Treffen der militanten Neonazi-Gruppe "Anti-Antifa Ostthüringen" teilzunehmen.

Er hängt einen Puppentorso mit zwei Davidsternen an eine Autobahnbrücke, erhält Hausverbot in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, weil er mit einer SA-Uniform bekleidet war. In seinem Auto findet die Polizei eine Sturmhaube, Handbeile, ein Faustkampfmesser sowie weitere Waffen.

Seine Eltern stehen dennoch zu ihm. So sagt es Brigitte Böhnhardt nach SPIEGEL-Informationen in einer Zeugenbefragung. "Wir haben ihm immer gesagt, dass unser Haus offen steht für ihn. Wir haben ihn immer unterstützt." Für sie sei er wie eine "zwiegespaltene Persönlichkeit" gewesen: "Solang er hier zu Hause war, war er der liebe Sohn, hat sich um alles gekümmert." Sobald es aber unten an der Tür geklingelt habe, "dann war er plötzlich nicht mehr der liebe Uwe, sondern verwandelte sich". Zwischenzeitlich habe er auch für eine Drückerkolonne gearbeitet. "Das muss wohl ganz, ganz schlimm für ihn gewesen sein."

Uwe Böhnhardt gefällt sich in der Rolle des rabiaten Schlägers und buhlt damit um Anerkennung bei den Älteren. Diese hätten ihn jedoch ausgenutzt, gibt Brigitte Böhnhardt nach SPIEGEL-Informationen zu Protokoll. "Er fühlte sich da groß und gebauchpinselt." Seine Mutter weiß, er will dazugehören, um jeden Preis. So ist sie erleichtert als er Uwe Mundlos kennenlernt, den klugen Professorensohn aus der Nachbarschaft in Jena-Lobeda.

Mundlos sei ein "charmanter, junger, intelligenter Mann" gewesen, der studieren wollte. "Vielleicht zieht er unseren Uwe mit", habe sie gehofft - er tut es auch, tief in die rechte Szene hinein. In der NDR-Dokumentation klingt es so, als hätten sich Brigitte und Jürgen Böhnhardt in ihrer Verzweiflung blind auf Dritte verlassen. Auch auf Beate Zschäpe setzen sie ihre Hoffnung, bei Familienfesten hält sie Uwes Hand. Vor dem letzten heimlichen Treffen bittet Zschäpe Böhnhardts Mutter, sie möge ihre Rezepte von Kuchen und Plätzchen mitbringen, Uwe würde sie gerne mal wieder essen.

Sehnsucht nach Mamas Keksen

Sie habe ihr Backbuch mitgebracht, sagt Brigitte Böhnhardt. Mundlos habe bei einem Rezept gerufen: "Oh, mein Lieblingskuchen!" Alle drei hätten sich richtig gefreut. Erst danach erzählen sie dem Ehepaar, dass dies das letzte Wiedersehen bleiben wird. Dass sie für immer verschwinden wollen.

"Es war ein furchtbarer Abschied", erinnert sich Brigitte Böhnhardt. "Wir haben alle fünf geheult." Mundlos habe ihr aufgetragen, sie solle seine "Mutti" grüßen. Sie habe ihm aufgetragen: "Du bist der Älteste, pass auf den Uwe auf."

Dass Böhnhardts Eltern bis 2002 Kontakt zu den Untergetauchten hielten, blieb dem Thüringer Verfassungsschutz verborgen, obwohl Böhnhardt bereits 1997 eine Woche lang observiert wurde.

Das erste heimliche Treffen hatte das Trio eingefädelt, indem sie den Böhnhardts einen Zettel in den Briefkasten warfen - mit Uhrzeit und Standort einer Telefonzelle. Bibbernd hätten sie dort auf einen Anruf gewartet. Danach hätten sie bei jedem Wiedersehen einen neuen Termin vereinbart, zu dem immer das Ehepaar und das Trio erschienen.

Einmal habe sie Zschäpe gefragt, ob sie die Hausfrau sei. "Ja!", habe diese entgegnet. Und mit wem sie eine Beziehung führe, wollte die Mutter wissen. Sie seien drei Freunde, mehr nicht, habe Zschäpe geantwortet. Jeder habe sein eigenes Zimmer, selbst Zschäpes zwei Katzen.

Im Jahr 2000 soll bei einer Verabredung auch über einen Ausstieg aus der Illegalität gesprochen worden sein. Ihr Sohn und Beate Zschäpe hätten sich stellen wollen. "Aber der Uwe Mundlos war nicht bereit", sagt Brigitte Böhnhardt.

Ratlos, verzweifelt sitzen Brigitte und Jürgen Böhnhardt in ihrem Wohnzimmer während des Interviews mit dem NDR-Team. "Wir können nicht um Verzeihung bitten", sagt sie. "So etwas kann man nicht verzeihen. Man kann doch niemandem verzeihen, der den Vater oder den Ehemann umgebracht hat."


"Panorama", Donnerstag 19. April, 21.45 Uhr, ARD

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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.


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