Kinderporno-Plattform "Elysium" Die Geschichte vom angeblichen Privatermittler

Im Prozess um die Missbrauchsplattform "Elysium" haben die Angeklagten vor Gericht ausgesagt. Der Administrator der Seite lieferte eine absurd anmutende Erklärung für sein Mitwirken.

Angeklagte in Limburg (Archiv)
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Angeklagte in Limburg (Archiv)

Von , Limburg


Frank M. ist ein ehrenwerter Mann. So stellt sich der 40-jährige Kfz-Mechaniker aus dem hessischen Bad Camberg zumindest dar. Spätestens nach seinem Urlaub habe er die Missbrauchs-Plattform "Elysium" auffliegen lassen wollen. Die Polizei kam ihm zuvor: Im Mai 2017 wurde Frank M. verhaftet, am 2. August begann in Limburg der Prozess gegen ihn und drei weitere Männer.

Alle Beschuldigten haben angekündigt, vor Gericht zur Sache auszusagen - und ein wenig Licht in die dunkelsten Ecken des Darknet zu bringen. Den Anfang machte nun ein Mann, der als Administrator aufgetreten, die Server bereitgestellt und damit erst die technische Infrastruktur für den massenhaften Vetrieb von kinderpornografischem Material ermöglicht hat: Frank M.

Zunächst verlas sein Anwalt eine Erklärung, wonach der zweifache Familienvater seine Schuld teilweise einräumt. Er habe aber keinerlei pädophile Neigungen. Kinderpornografie lehne er ab. Danach stand Frank M. selbst Rede und Antwort. Über spezielle Chats für Rollenspieler, in denen von entsprechenden Fantasien die Rede war, sei er auf die Szene aufmerksam geworden. Aus Interesse habe er sich dann autodidaktisch in die Szene "reingewurschtelt" und immer "stören wollen".

Um seine Familie aus dem Spiel zu lassen, habe er bei seiner "privaten Ermittlungstätigkeit" den Server in seiner Werkstatt stehen gehabt. Unter anderem habe er versucht, "Sicherheitslücken in den Scripten" der Chats und Foren zu finden. Zu diesem Zweck habe er sich "in der Hierarchie hochgearbeitet", sei für die Registrierung neuer Nutzer zuständig gewesen und habe auch selbst kinderpornografisches Material verschickt.

Nickname "Berndinihr"

Ihm sei gesagt worden, dass es sich "für einen leitenden Administrator nicht gut macht, wenn er nicht selbst etwas postet". Unter dem Nickname "Berndinihr" habe er sich ferner eine Legende zurechtgelegt, eine zweite Existenz, mit der er im Netz aufgetreten sei. So habe er sich als IT-Experte ausgegeben, der "sehr zurückgezogen" lebe, zwei Master-Titel habe und selbst als Neunjähriger missbraucht worden sei.

Über Wochen hat Frank M. auch intensiv mit Christian L. gechattet, dem Missbrauchstäter von Staufen - angeblich, um Schlimmeres zu verhindern. Neben Scripten und Protokollen habe er auf seinem Server auch Nutzer- und Verbindungsdaten gesammelt. Angeblich stand er kurz davor, das komplette Material den Behörden zu übergeben. "Ich weiß, wie sich das anhört. Ich weiß auch ganz genau, was jeder hier denkt", sagte Frank M. abschließend.

Tatsächlich führten seine Einlassungen sogar "auf der Anklagebank zu einiger Erheiterung", wie der Vorsitzende Richter Marco Schneider feststellte. Er fragte den Angeklagten: Warum hat es Monate gedauert, ohne dass sich Frank M. den Ermittlern anvertraut hat? Warum hat er sich überhaupt niemandem anvertraut? "Das wäre auch eine Absicherung gewesen", so der Richter, "dann hätten Sie einen Zeugen gehabt". Eine klare Antwort blieb M. schuldig.

Staatsanwältin Julia Bussweiler brauchte nur wenige Hinweise auf Details in der 60-seitigen Anklageschrift, um die Darstellung von Frank M. nachhaltig zu beschädigen. Warum war er selbst im Besitz von Kinderpornografie, wenn er sie doch so verabscheute? Warum gab er monatlich rund 400 Euro für die IT-Sicherheit eines Systems aus, das er doch "hochgehen" lassen wollte?

Weitere Geständnisse

Nach Frank M. äußerte sich der 47-jährige Bernd M. und räumte ein, "dass er der Panda ist". Unter diesem Nickname waren auf "Elysium" zahllose Threads gepostet worden.

Bernd M. ist ebenfalls über Rollenspieler-Chats zu "Elysium" gekommen, nachdem er sich zuvor "querbeet durchgeklickt" habe durch die einschlägigen Seiten im Darknet. Frank M., den er seinen Angaben zufolge nur als "Berndinihr" kannte, habe ihm eines Tages im Chat anvertraut, dass es da "etwas Neues" geben würde und gefragt: "Hättest du Lust, den Anstandswauwau zu spielen?"

In der Hierarchie auf "Elysium" war Bernd M. fortan ein "Registered Member Plus" mit der Aufgabe, die Postings auf Spam oder unerwünschte Inhalte zu prüfen. Wer auf Stalin oder Hitler anspielte, "flog raus", sagte Bernd M. und machte eine entsprechende Handbewegung.

Die Inhalte selbst hätten ihm nicht gefallen, so Bernd M. Manchmal habe er sich bei den "Großen Administratoren" rückversichert, ob ein Teilnehmer gesperrt werden dürfe. Zu seinen Aufgaben gehörte es demnach auch, "Sicherheitshinweise" und "Etikette" aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen: "Das habe ich mir hier und da zusammengeklaubt".

Der Verhandlungstag endete mit der Einlassung des dritten Angeklagten, dem 58-jährigen Joachim P. aus dem Kreis Tübingen in Baden-Württemberg. Ihn schilderte sein eigener Anwalt als "Messi", der in prekären Verhältnissen gelebt und hinter zugezogenen Rollladen beim Aufbau von "Elysium" geholfen habe. P. hatte Frank M. akquiriert und in technischen Fragen assistiert. Das Unrecht sei ihm damals nicht bewusst gewesen, er bereue sein Tun.

Am 28. August wird als letzter Angeklagter ein 62-Jähriger aus Landsberg am Lech aussagen. Der Mann ist einschlägig vorbestraft und soll selbst Kinder missbraucht und davon Foto- und Filmmaterial angefertigt haben. Insgesamt ist der Prozess noch auf 13 weitere Verhandlungstage angesetzt.

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