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12. Juni 2012, 20:38 Uhr

EM-Spiel gegen Russland

Polnische Rechte randalieren in Warschau

Aus Warschau berichtet Rafael Buschmann

Offen, tolerant, gastfreundlich - Polen wollte sich bei der EM von seiner besten Seite zeigen. Vor dem Spiel gegen Russland ist das nicht gelungen. Hooligans lieferten sich auf Warschaus Straßen Prügeleien, radikale Rechte skandierten: "Polen gehört den Polen."

Das russische Mädchen, höchstens sechs Jahre alt, schreit. Sein Vater reißt es zu sich. Er bedeckt den Kopf der Kleinen mit seinem Oberkörper. Keine zehn Meter hinter den beiden explodiert ein riesiger Böller. Polnische Nationale, Hooligans und Rechte, zumeist breitschultrig und vermummt, skandieren dazu: "Polen gehört den Polen."

Was die fast 6000 russischen Fans auf dem Weg zum Nationalstadion erleben, gleicht einem Spießrutenlauf. Dort treffen am Dienstagabend die polnische und die russische Fußball-Nationalmannschaft aufeinander - angesichts der Geschichte beider Staaten eine brisante Konstellation, und das auch noch am russischen Nationalfeiertag.

Am Warschauer Kreisverkehr "Charles de Gaulle" positionieren sich Hunderte polnische Rechte, bewaffnet mit Pyrotechnik, Böllern und Schlagstöcken. Sie stellen sich an beide Seiten der "Aleje Jerozolimskie" und skandieren minutenlang rechtes Liedgut. Zunächst bewerfen sie die zumeist friedlich vorbeigehenden Russen mit Flaschen und Steinen, zweimal eskaliert die Situation. Polnische Vermummte springen über die Absperrungen, laufen hinter der russischen Gruppe her. Tritte und Schläge folgen, mehrere Russen bleiben blutend am Boden liegen.

"Ich würde nicht mehr wieder kommen"

"Das ist eine Sauerei. Wir waren hier mit Frauen und Kindern. Wir wollten Fußball gucken und uns nicht prügeln", sagt Andrej Lukaschkow. Er ist extra für dieses Spiel mit seinen beiden Söhnen aus Moskau angereist. "Nach der Erfahrung würde ich das niemals wieder tun."

Die Russen wollen an ihrem Nationalfeiertag gemeinsam durch Warschaus Straßen zum Stadion ziehen - deklariert als "Marsch der Russen". Für viele Polen ist das eine Provokation. "Sie sind hier schon vor 60 Jahren durchmarschiert, haben unsere Frauen vergewaltig und gelacht. Jetzt sollen wir uns das wieder bieten lassen?", schreit einer der Böller-Werfer.

Die Situation zwischen beiden Ländern ist seit Jahrhunderten belastet. Warschau hatte während der polnischen Teilung vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkrieg zum Zarenreich gehört und war nach dem Zweiten Weltkrieg bis kurz nach dem Mauerfall 1989 Bestandteil des kommunistischen Sowjetblocks. Für die Russen hingegen sind die Polen undankbar, weil sie vergessen haben, dass es Russland war, das sie von Hitler befreite.

All dies ist den muskelbepackten Halbwüchsigen, die die russischen Fans brutal angreifen, möglicherweise unbekannt. Oder es ist ihnen egal. Sie nutzen vielmehr diese Bühne, um für Krawall zu sorgen. Von Gastfreundlichkeit, Wärme oder Toleranz - den Werten, die zur EM eigentlich hochgehalten werden - ist in diesem Moment nichts zu spüren.

Für die EM bleibt ein fader Beigeschmack

"Es sind immer die Gleichen, die uns Probleme machen. Wir kennen viele von diesen Menschen. Sie fahren immer dahin, wo es Ärger gibt und machen diesen dann noch größer", sagt einer der Warschauer Einsatzleiter. Er erklärt auch, dass die Angreifer nicht ausschließlich aus dem Bereich der Fußball-Hooligans kommen, sondern dass sich für solche Termine politische und unpolitische Chaoten bewusst verabredeten. "Sie wollen sich einfach nur prügeln. Unter der Flagge des Rassismus ist das natürlich am einfachsten", sagt der Polizist.

Dabei waren die Ordnungshüter gut vorbereitet: Den ganzen Tag über kontrollierten polnische Polizei-Sonderkommandos mutmaßliche Gewalttäter. Bereits weit vor der Warschauer Stadtgrenze wurden verdächtige Pkw von der Straße gewinkt, die Papiere der Insassen kontrolliert. Im Stadtkern wurden insbesondere Männergruppen überprüft, immer wieder wurden bekannte Krawallmacher in die Einsatzwagen verfrachtet. "Wir haben die Situation größtenteils im Griff ", sagt der Warschauer Polizeisprecher.

Nach Polizeiangaben mussten 15 Verletzte in Krankenhäusern behandelt werden, unter ihnen war auch ein Deutscher. Die Polizei nahm mehr als 130 polnische und russische Hooligans fest. Weitere Festnahmen wurden am Dienstagabend nicht ausgeschlossen. Die Beamten feuerten Gummigeschosse und Tränengas auf die Randalierer. Diese hatten die Polizisten offenbar mit Flaschen angriffen.

Für die EM bleibt ein fader Beigeschmack. Seit Monaten laufen bereits Debatten über rassistische Ausschreitungen in polnischen Stadien, die BBC dokumentierte dies sogar mit drastischem Bildmaterial. Der ehemalige englische Nationalmannschaftskapitän Sol Campbell gab seinen Landsleuten aufgrund der TV-Bilder sogar den Tipp, die EM komplett zu boykottieren, "wenn ihr nicht im Sarg nach Hause kommen wollt."

Die russischen Fans können nun erahnen, was mit diesen Worten gemeint war.

Mit Material von dpa/AP

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