Ende eines Eklat-Prozesses Lebenslänglich für den "Jungfrauen-Mörder"

Höchststrafe für Michel Fourniret und seine Frau: Ein Gericht in Charleville-Mézières hat den Serienmörder zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Genugtuung für die Angehörigen hält sich in Grenzen: Der Sexualtäter zeigte keine Reue, kein Bedauern, keine Scham.

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Hamburg - Das Urteil ist hart, es ist das höchste, was das französische Strafrecht vorsieht: Zu lebenslanger Haft hat das Schwurgericht in Charleville-Mézières Michel Fourniret und seine Frau Monique Olivier verurteilt. Fourniret, 66 Jahre alt, wird mindestens die nächsten 30 Jahre - und somit vermutlich den Rest seines Lebens - hinter Gittern verbringen. Für die 59 Jahre alte Olivier verhängte das Gericht eine Mindesthaftdauer von 28 Jahren. Das Strafmaß entsprach somit fast den Forderungen von Generalanwalt Francis Nachbar.

Für Prozessbeobachter ist das Urteil wenig überraschend: Fourniret hatte gestanden, in den Jahren 1987 bis 1991 sieben junge Frauen in Belgien und Frankreich vergewaltigt und ermordet zu haben. Olivier - daran hatten auch die Richter keine Zweifel - war bei allen Taten dabei, eines der Mädchen hatte sie gar selbst ermordet. Beide seien kaltblütige und grausame Serienmörder, wie es sie in Frankreich noch nicht gegeben habe, sagte Nachbar in seinem abschließenden Plädoyer. Eine Aussage, die zusammenfasst, was die vergangenen zwei Monate gezeigt haben: Fourniret und Olivier haben ihre Taten akribisch geplant und mit einer Kaltblütigkeit ausgeführt, die nur schwer zu ertragen und kaum zu begreifen ist.

Der Unmensch und sein Opfer

Auch der Prozess hat es nicht geschafft, das Handeln Fournirets und seiner Komplizin, denen Gutachter eine weit überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt haben, verständlicher zu machen. Im Gegenteil: Fourniret hat jede sich ihm bietende Chance genutzt, um sich als Unmensch zu inszenieren, Olivier mimte das Opfer - jedoch ohne Erfolg. Zu aktiv war sie im Beschaffen und Gefügigmachen der Mädchen, als dass man ihr diese Rolle abgenommen hätte.

Das "Monster der Ardennen" - wie französische Zeitungen Michel Fourniret nennen - tat alles in seiner Macht stehende, um seinem Ruf gerecht zu werden. Er gab sich kalt, gar stolz auf seine Taten.

Die ersten vier Wochen des Prozesses schwieg er. "Ohne Ausschluss der Öffentlichkeit bleibt mein Mund verschlossen", so Fournirets simple Botschaft, die er am ersten Verhandlungstag auf einen Zettel gekritzelt dem Richter entgegenhielt - und der er auch konsequent folgte. Für seine Opfer war das Schweigen eine Provokation. Denn entscheidend war auch, was der 66-Jährige nicht kommunizierte: keine Reue, kein Bedauern, keine Scham.

"In dieser Lage haben Worte keinen Sinn"

Erst Mitte Mai brach Fourniret für drei Tage sein Schweigen - weil seine inzwischen 36 Jahre alte Tochter ihn darum gebeten hatte. Jedoch nur, um das Geschehen wenig später wieder teilnahmslos zu verfolgen. Mit tränenerstickter Stimme sagte er: "In dieser Lage haben Worte keinen Sinn, außer um dir zu sagen, dass ich dich liebe. Und selbst wenn ich draufgehen werde, werde ich dich für immer lieben." Es sollten die einzigen Emotionen sein, die Fourniret im Prozess zeigte.

Die restlichen Äußerungen festigten den Eindruck des kaltblütigen Monsters, das die Details seiner Taten mit perfider Akribie zu schildern vermag, dessen Stolz die Zuhörer entsetzt - und der genau dies für sich nutzt: Der Tod der Mädchen sei eine "bedauerliche Folge" seiner "Suche nach Reinheit", sagte Fourniret. Wie ein "Wilderer" sei er auf die Jagd gegangen, unwissend, ob er ein "Kaninchen, einen Fasan oder gar nichts zurückbringen" würde.

Auf die Frage, ob er die Familien der Mädchen um Verzeihung bitte, erwiderte der schmächtige Mann mit dem Dreitagebart, dies sei unmöglich bei solch "unentschuldbaren Taten".

Für Fourniret muss es ein stiller Triumph gewesen sein, als sich am Ende auch Staatsanwalt Nachbar auf die Rhetorik der Medien und Fournirets Inszenierung einließ und ihn als "Teufel", "Monster" und "das absolut Böse" bezeichnete. Die Gerichtspsychiater hatten dieser Meinung zuvor in ihrem Gutachten Vorschub geleistet: Fourniret sei "unheilbar pervers" und "manipulierend".

Seine Opfer mussten ihn um die Vergewaltigung bitten, sich am Ende bei ihm bedanken. Gegenüber den Opfern, die als erwachsene Frauen im Zeugenstand aussagten, sprach Fourniret vor Gericht von den "Augenblicken, die wir miteinander teilen durften". Er selbst habe nie das Gefühl gehabt, aggressiv zu sein.

Olivier mimte das Opfer - vergeblich

So absurd eindeutig das Bild von Fourniret zu sein scheint, so widersprüchlich ist das, was von Olivier bekannt ist. "Häftling möchte mit einer Frau korrespondieren, um die Einsamkeit zu vergessen", hieß es in dem Inserat, das Fourniret aus dem Gefängnis in der katholischen Zeitung "Der Pilger" aufgab - und auf das sich Olivier vor Jahren meldete. Zwei gescheiterte Ehen hatte sie zu dem Zeitpunkt hinter sich - zwei Ehen, in denen sie weniger Partnerin als Opfer ihrer Männer war.

Aber welche Rolle kam ihr über Jahre hinweg in den Vergewaltigungen zu? Die 59-Jährige fungierte bei den Verbrechen als zweites Gesicht Fournirets, so die Überzeugung des Gerichts: Was er nicht zu tun vermochte, tat Olivier. Sie lockte die Mädchen wieder und wieder unter einem Vorwand ins Auto und kutschierte sie zu ihrem Vergewaltiger. Sie beruhigte die Opfer mit Schlaftabletten und stimulierte Fourniret, um ihn nach dessen Aussage "in die Lage zu versetzen", die Mädchen zu vergewaltigen. Eines der Mädchen wusch sie und band es am Bett fest, bevor sie es ihrem Mann überließ. Die Qualen jungen Frauen zu verkürzen - das kam Olivier, selbst Mutter, nie in den Sinn.

Beim Prozess inszenierte sie sich als Opfer ihres dominanten Mannes, sie selbst habe Angst gehabt, "er würde dasselbe" mit ihr machen. Die Taten bedaure sie.

"Diese Frau ist genauso schuldig wie ihr Mann"

Fourniret versuchte jedoch gezielt, Olivier als Komplizin für seine Taten mit verantwortlich zu machen. Im achten Monat schwanger habe sie 1988 die damals 20 Jahre alte Fabienne Leroy während der Vergewaltigung mit einer Waffe in Schach gehalten, sagte er aus.

Doch in Verbindung mit Fourniret ist Olivier weit mehr als nur Opfer: Sie ist selbst zur Täterin geworden, immer und immer wieder. Nachbar verglich das Paar mit Spinnen: Olivier habe Fourniret die Opfer ins Netz geschafft. Sie sei die "treibende Kraft" gewesen. Der Anwalt eines der ermordeten Mädchen sagte gar an Olivier gerichtet: "Diese Frau ist genauso schuldig wie ihr Mann".

Fournirets will seinem Pflichtverteidiger Pierre Blocquaux zufolge keine Berufung einlegen. Dass er die Strafe annehme, sei vielleicht "sein einziges Signal an die Angehörigen". Man dürfe nicht vergessen, dass Fourniret trotz seiner Taten ein menschliches Wesen sei.

Fourniret selbst gab sich in den vergangenen acht Wochen jedoch größte Mühe, weniger Mensch denn Monster zu sein - zumindest in der Wahrnehmung der Beobachter.



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