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18. August 2006, 18:57 Uhr

Ende eines Justizdramas

Zweifache Kindsmörderin Monika Böttcher ist frei

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Es war eines der aufsehenerregendsten Justizdramen der Nachkriegsgeschichte: 20 Jahre nach der Tat ist der Fall Weimar nun zu Ende. Die wegen des Mordes an ihren beiden Töchtern verurteilte Monika Böttcher, die früher Weimar hieß, wurde heute aus der Haft entlassen.

Hamburg - Die Tat ereignete sich im August 1986, vor 20 Jahren also, und wurde damals relativ schnell aufgeklärt. Ein Gericht verhandelte in angemessener Zeit darüber und kam 1988 zu einem gut begründeten Urteil. Es ging nicht etwa um ein noch nie da gewesenes Verbrechen oder etwas ganz besonders Bizarres, nicht Vorstellbares, sondern um eine jener heillosen Geschichten, von denen fast wöchentlich in den Medien die Rede ist: um ein Familiendrama, dem die Unschuldigsten, nämlich die Kinder, zum Opfer gefallen waren, wie so oft, wenn die Erwachsenen mit ihrem Leben nicht zu Rande kommen.

Monika Böttcher: In zahlreiche Widersprüche verstrickt
REUTERS

Monika Böttcher: In zahlreiche Widersprüche verstrickt

Dennoch haben kaum eine Straftat und die daraus resultierenden Folgen derart das Interesse der Öffentlichkeit auf sich gezogen und die Justiz der Nachkriegszeit in Turbulenzen versetzt wie der "Fall Weimar". Allenfalls die Morde der Vera Brühne brachten es zu vergleichbar fragwürdiger Publizität. Das lag nicht nur an der langen Dauer des Verfahrens, das von 1986 bis 2000 die Justiz plagte, sondern auch an den über Jahre von der Verteidigung nach amerikanischem Vorbild genährten und bei manchen zur Gewissheit erstarkten Zweifeln an der Schuld der Angeklagten, die der damaligen emanzipationspolitischen Debatte Stoff in Fülle lieferte - an der aber tatsächlich nicht zu zweifeln war.

Am 4. August 1986, einem Montag, gegen 13.30 Uhr wurden die fünf und sieben Jahre alten Geschwister Karola und Melanie Weimar aus dem osthessischen Weiler Nippe bei Philippstal nahe der DDR-Grenze als vermisst gemeldet. Sie hatten vormittags im Sandkasten am elterlichen Wohnhaus gespielt, wo sie von Nachbarn und weiteren Personen beobachtet wurden, während ihre Mutter Monika Weimar laut eigenen Angaben mit dem Auto zum Einkaufen fuhr. Als sie gegen Mittag zurückkam, waren die Kinder verschwunden.

Tags darauf erfuhren die Beamten der Kriminalpolizei Bad Hersfeld von Eheproblemen in der Familie Weimar. Der erste Verdacht der Polizei richtete sich gegen die Eltern, vor allem die Mutter, die mit einem in Bad Hersfeld stationierten amerikanischen Soldaten ein intimes Verhältnis pflegte. Man hielt es nicht für ausgeschlossen, dass die Mädchen im Zuge der Auseinandersetzungen der Eheleute entführt und vor dem Vater versteckt worden waren, der nicht widerstandslos Frau und Kinder dem Amerikaner überlassen wollte.

Er oder sie?

Von Montag bis Mittwochabend durchkämmten der Vater, Polizei, Feuerwehr , Bundesgrenzschutz und Angehörige der US-Streitkräfte die Umgebung: Kleine Mädchen, so die Überlegung, laufen nicht kilometerweit fort, es sei denn, sie werden von einem Unbekannten mitgenommen, wofür es aber keinen Anhaltspunkt gab. Die Mutter verhielt sich seltsam unbeteiligt.

Am 7. August stieß man auf die Leichen. Ein Busfahrer fand Melanie an einem Parkplatz in der Nähe der Untertage-Deponie Herfa-Neurode unweit des Elternhauses. Eineinhalb Stunden später fand die Polizei an einem weiteren Parkplatz Karola. Die Mädchen waren, ohne dass besondere körperliche Gewalt angewendet worden war, um die Zeit ihres "Verschwindens" herum erstickt und/oder erwürgt worden.

Am 28. August, also rund drei Wochen später, wurde Monika Weimar, die bis dahin unbeirrt an der Version des mysteriösen Verschwindens der Kinder aus dem Sandkasten am Morgen des 4. August festgehalten hatte, als Beschuldigte angehört. Dann wurde sie festgenommen, hatte sie sich doch in zahlreiche Widersprüche verwickelt und nachweislich Falsches ausgesagt.

Nach der ersten Nacht in U-Haft bezichtigte sie am 29. August 1986 überraschend ihren Ehemann der Taten: Sie schilderte die sogenannte Nachtversion, wonach sie die Mädchen angeblich bereits tot in ihren Betten vorgefunden habe, als sie nächtens von ihrem amerikanischen Liebhaber heimkehrte. Der Ehemann habe die Kinder sodann mit dem Auto weggebracht und gesagt: "Jetzt bekommt keiner von uns die Kinder."

Der "Fall Weimar" war geboren. Denn von da an lautete die Frage: Er oder sie? Bis heute halten nicht wenige Menschen eine Frau, eine Mutter einer solchen Tat grundsätzlich nicht für fähig, selbst wenn die Kriminalstatistik, ja allein schon die Zeitungslektüre oder die Fernsehnachrichten sie immer wieder eines anderen belehren müssten. Frau gleich Opfer, Mann gleich Täter - dieses Klischee bedienten die Blondine "mit den aquamarinblauen Augen", wie sie in einem Plädoyer mal beschrieben wurde, und ihr wenig geschmeidiger, unattraktiver Ehemann perfekt. Monika Weimar passte überdies auch in das Klischee des von einer Männerjustiz verfolgten unschuldigen Ami-Flittchens, das nichts Schlimmeres getan hatte, als aus der traditionellen Frauen- und Mutterrolle auszubrechen.

Dubiose neue Zeugen

Der ermittelnde Staatsanwalt Raimund Sauter, er stieg später zum Generalstaatsanwalt von Thüringen auf, sah aufgrund der neuen Einlassung damals sogleich keinen dringenden Tatverdacht mehr gegen die Frau und ließ sie frei. Nun wurde der Vater zum Beschuldigten. Unter den Ermittlungsbehörden entbrannte ein hitziger Streit. Staatsanwalt und Haftrichter waren sich uneins. Ein von Sauter beantragter Haftbefehl gegen den Mann wurde nicht erlassen, Beschwerden dagegen nicht stattgegeben.

Am 27. Oktober kam Monika Weimar in Haft, Staatsanwalt Sauter wurde der Fall entzogen. Am 9. Dezember 1986 wurde Anklage wegen zweifachen Mordes gegen sie erhoben. Der Prozess vor dem Landgericht Fulda begann am 23. März 1987 und endete nach 44 Verhandlungstagen am 8. Januar 1988 mit einer Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen heimtückisch begangenen Doppelmordes. Das Tatmotiv, so die Fuldaer Strafkammer mit dem Vorsitzenden Richter Klaus Bormuth, sei letztlich nicht zu klären gewesen.

Im Februar 1989 verwarf der Bundesgerichtshof das Revisionsbegehren der Angeklagten, eine Verfassungsbeschwerde blieb ebenfalls ohne Erfolg. 1992 beantragte einer der Verteidiger, dem Fall widmeten sich inzwischen zwei Hamburger Anwälte, beim Landgericht Gießen eine Wiederaufnahme des Verfahrens: Neue Zeugen seien aufgetaucht, denen der Vater der Kinder angeblich die Tat gestanden habe; ein neues Fasergutachten erschüttere überdies das Fuldaer Urteil.

Die Gießener Kammer verwarf diesen Antrag ein Jahr später als unbegründet, da die neuen Zeugen höchst dubioser Art waren und das Gutachten forensischen Ansprüchen nicht genügte. Warum ausgerechnet die Staatsanwaltschaft beim Frankfurter Oberlandesgericht, das über die Beschwerde gegen diesen Beschluss zu entscheiden hatte, sich nach einem Gespräch mit dem hessischen Generalstaatsanwalt plötzlich um 180 Grad drehte und das Anliegen der Verteidigung unterstützte, so dass das OLG 1995 die Wiederaufnahme anordnen konnte - es gab vielerlei Spekulationen dazu, auch politischer Natur, die allesamt der hessischen Justiz nicht zum Ruhme gereichten. Monika Weimar wurde von einem Tag auf den anderen aus dem Gefängnis entlassen, in dem sie schon neun Jahre verbracht hatte. Sie wurde zum Medienstar, zur Ikone der verfolgten Unschuld. Ihre Anwälte, jetzt Staranwälte, pokerten hoch.

Keine besondere Schwere der Schuld

Im Gegensatz zum ersten Prozess in Fulda machte die Frau vor dem Landgericht Gießen, vor dem am 5. Juni 1996 die neue Hauptverhandlung begann, keine Angaben mehr. Auch ihre Angehörigen, so weit sie noch lebten, schwiegen. Ihr einstiger Ehemann war mittlerweile psychisch krank und daher vernehmungs- und verhandlungsunfähig. Das Gericht mit dem Vorsitzenden Wilfried Weller kam nach 57 Verhandlungstagen unter dem Jubel von Monika Weimars Fangemeinde zum Freispruch.

Die beiden Schöffinnen weinten bei der Urteilsverkündung. Der Berichterstatter Heinrich-Hermann Brinker, der die schriftliche Urteilsbegründung hätte schreiben sollen, er gelangte nur bis Seite 50, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die in sich widersprüchliche Urteilsbegründung, die das offensichtlich zwischen Berufs- und Laienrichtern umstrittene Beratungsergebnis wiedergab, hatte vor dem Bundesgerichtshof erwartungsgemäß keinen Bestand. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft (die vorher die Wiederaufnahme gewollt, nun aber auch den Freispruch nicht wollte) wurde das Urteil aufgehoben und die Sache zur Neuverhandlung nach Frankfurt am Main verwiesen. Die Kammer dort, Vorsitzender war Heinrich Gehrke, stellte am 22. Dezember 1999 mit unmissverständlichen Worten das Fuldaer "Lebenslang" wieder her.

Im Gegensatz zu den Fuldaer Richtern hätten die Frankfurter die Möglichkeit gehabt, die besondere Schwere der Schuld festzustellen, was für die Angeklagte bedeutet hätte, nicht schon nach einer Verbüßungszeit von 15 Jahren in Freiheit zu kommen. Unter "großen Bedenken" kamen sie aber zu dem Schluss, es war der einzige Spielraum, der angesichts der eindeutigen Beweislage blieb, dass der Angeklagten eine akute Konfliktsituation zum Tatzeitpunkt zugute gehalten werden könne.

Sie hatte kurz vor der Tat erfahren, dass aus dem Traum einer gemeinsamen Zukunft mit dem amerikanischen Geliebten samt Kindern nichts werden würde, da der vielfache Familienvater entgegen dem, was er glauben gemacht hatte, keineswegs geschieden war und demnächst in die ferne Heimat zurückgeschickt werden würde; dass er auch anderen jungen Frauen Avancen machte und so fort. Am 2. November 2000 trat die Frau, die einst Monika Weimar war, wieder die Strafhaft an, nachdem der Bundesgerichtshof nun zum zweiten Mal ihre Revision verworfen hatte.

Heute sind die "lebenslangen" 15 Jahre verbüßt. Rückfallgefahr besteht nicht. Die Frau trägt längst wieder ihren Mädchennamen. Von heute an ist sie wieder ein freier Mensch. Der Fall Weimar ist zu Ende.

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