Fall Amanda Knox: Urteil kassiert, Justiz blamiert

Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom

Ist Amanda Knox doch schuldig? Italiens höchstes Berufungsgericht hat den Freispruch aufgehoben, der spektakuläre Prozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher wird neu aufgerollt. Durch das Votum gerät das Urteil der Vorinstanz zur Farce.

Warum, fragten die Richter, sollten "zwei junge, gute und offene Menschen plötzlich entschieden haben, etwas Böses um des Bösen willen zu tun, ohne jeden anderen Grund"? Es war eine rhetorische Frage, damals, im Oktober 2011: Das Berufungsgericht sprach Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito vom Mord an Meredith Kercher frei, zugleich nahm es den vorinstanzlichen Schuldspruch nach allen Regeln der Kunst auseinander.

Doch der selbstbewusste Auftritt der Richter entpuppt sich nun als Farce. Die Frage nach dem Warum, die Frage nach der Schuld von Knox und Sollecito stellt sich erneut: Das Oberste Kassationsgericht in Rom hat am Dienstag entschieden, dass der Fall neu verhandelt werden muss. Die Staatsanwaltschaft und die Eltern Kerchers hatten Berufung eingelegt. Die Gründe will das Gericht noch bekanntgeben, sicher ist: Die blamable Vorstellung der italienischen Justiz geht in die Verlängerung.

Beobachter rechnen damit, dass der Prozess im kommenden Jahr beginnen soll, der Ort steht bereits fest: Florenz. Es könnte Jahre dauern, bis das Verfahren abgeschlossen ist.

Weltweite Aufmerksamkeit

In erster Instanz waren die Amerikanerin Amanda Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito für schuldig befunden und zu 26 beziehungsweise 25 Jahren Haft verurteilt worden.

Am 2. November 2007 war die damals 21-jährige britische Erasmus-Studentin Meredith Kercher mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt, halbnackt in ihrer Wohnung in der Via Pergola Nummer 7 in Perugia gefunden worden. Ihr Körper wies zahlreiche Messerstiche und Verletzungen auf. Eine Nachbarin will Schreie gehört haben.

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"Engel mit Eisaugen": Der Fall Amanda Knox
Die grausige Tat und mehr noch die folgende polizeiliche und juristische Aufarbeitung des Falls sorgten für weltweite Aufmerksamkeit. Das lag an immer neuen Ermittlungspannen der italienischen Polizei, aber wohl auch an der hübschen und sympathischen Hauptverdächtigen, Amanda Knox, die in den Medien bald der "Engel mit den Eisaugen" getauft wurde.

Die damals 20-jährige Studentin aus Seattle wohnte in derselben Wohnung wie die getötete Meredith, gemeinsam mit zwei weiteren jungen, italienischen Frauen. Die Polizei fand ihr DNA-Profil auf dem Griff eines Küchenmessers - der mutmaßlichen Tatwaffe - und DNA-Spuren ihres damaligen Freundes, des 23-jährigen Musikers Raffaele Sollecito, auf der BH-Schnalle des Opfers.

Triumphzug in die Heimat

Beide wurden auf der Grundlage solcher Indizien im Dezember 2009 verurteilt. Sie saßen insgesamt, die Untersuchungshaft eingerechnet, vier Jahre ein - bis rund zwei Jahre später die zweite juristische Instanz das Urteil ihrer Kollegen auf 143 Seiten zerfetzte.

Amanda Knox kehrte damals heim in die USA, nach Seattle. Es war ein regelrechter Triumphzug, begleitet von den Medien, bejubelt von vielen.

Nun geht es weiter, doch Knox wird zumindest vorerst nicht nach Italien zurückkehren. Italien kann sie nicht zwingen. Auch im Fall eines Schuldspruchs ist eine Auslieferung unwahrscheinlich. Knox' Anwalt sagte, Italien könnte dies dann zwar beantragen, die USA könnten darüber jedoch frei entscheiden.

Käme es dazu, drohte der Fall erneut die Beziehungen zwischen den USA und Italien zu belasten. Die Berichte über den Prozess fütterten Vorbehalte gegenüber dem Rechtssystem Italiens, die Reaktionen waren zum Teil äußerst undiplomatisch.

Enorme mediale Aufbereitung

Bestätigung fanden die Kritiker in der Deutlichkeit, mit der die Berufungsrichter den Schuldspruch aufhoben: Das Urteil sei "nicht untermauert von irgendeinem objektiven Beweis". Es gebe keine eindeutig identifizierte Mordwaffe, kein Motiv.

Rund 400 Journalisten aus aller Welt saßen damals im und vor dem Gerichtssaal und verbreiteten den "Freispruch für Amanda" wie eine Siegesmeldung von der Olympiade. Amerika feierte ihre "unschuldig eingesperrte" Tochter.

Und die Tochter ließ sie nicht los: Der Fall wurde wie kaum ein anderer zuvor von Beteiligten medial aufbereitet. Raffaele Sollecito schilderte in seinem Buch "Honor Bound" ("Der Ehre verpflichtet") die Nacht, in der Kercher starb. Der Vater des Opfers veröffentlichte seine Sicht der Dinge in "Meredith: Der Mord an unserer Tochter und die herzzerreißende Suche nach der Wahrheit".

Dritter Verurteilter ohne Chancen auf neues Verfahren

Und Knox selbst wurde zur Hauptfigur eines Kinofilms - Titel natürlich: "Der Engel mit den Eisaugen" - und hat ihre Version der Geschichte aufgeschrieben. Das Buch soll in Kürze erscheinen, die erste Tranche des Honorars von etwa vier Millionen Dollar sei bereits ausbezahlt, heißt es.

Nun beginnt die Suche nach dem oder den Schuldigen aufs Neue.

Dabei hat die italienische Justiz zwischenzeitlich einen anderen - oder einen weiteren - Schuldigen gefunden und abgeurteilt: Rudy Guede, zum Tatzeitpunkt 21 Jahre alt, geboren in der Elfenbeinküste, mit sechs Jahren nach Italien gekommen. Als er unter Verdacht geriet, weil die Polizei seine DNA-Profile auf und in Meredith Kercher fand, flüchtete er nach Deutschland, wurde dort gefasst, ausgeliefert und in Italien als - vermutlich nicht alleiniger Täter - zunächst zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Die Strafe wurde auf 16 Jahre reduziert, weil er in einem "verkürzten Verfahren" ein Geständnis ablegte. Sein Anwalt hatte ihm dazu geraten. Er habe ohnehin keine Chance, freigesprochen zu werden, habe der seinem Mandanten gesagt. Jetzt sagt Rudy Guede, er sei unschuldig, er habe nur aus Angst gestanden. Er forderte ebenfalls ein neues Verfahren. Aber das gibt es bei solchen Justiz-Deals nicht. Die Strafe ist endgültig.

Amanda Knox sagte laut ihrem Anwalt nach der Entscheidung vom Dienstag, sie sei enttäuscht. Sie habe in den USA eine schlaflose Nacht in Erwartung des Urteils verbracht. Auch der in Verona studierende Sollecito hatte gehofft, "man könnte einen Schlussstrich unter diese Sache ziehen". Man kann nicht.

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insgesamt 76 Beiträge
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1. optional
iradei 26.03.2013
Naja, da kann sie ja froh sein, das Italien nicht so vorgeht wie die USA. Anstatt Auslieferungsanträge schicken die sofort Drohnen zu Tatverdächtigen.
2. Blinde Justiz
sirisee 26.03.2013
... die schöne Amanda hat es schwer, aber - anders als der dunkelhäutige Mann - immerhin eine Chance. So kommt es zur Gefängnisbelegung: Schöne junge Frauen sitzen selten, dunkelhäutige Männer häufig. Wetten, dass sich für ein Buch von Herrn G. nicht einmal Verlage finden lassen, die Schund, z. B. das Zeugs von Marina und Julia, verlegen?
3.
julia-s12345 26.03.2013
Zitat von iradeiNaja, da kann sie ja froh sein, das Italien nicht so vorgeht wie die USA. Anstatt Auslieferungsanträge schicken die sofort Drohnen zu Tatverdächtigen.
Ich weiß nicht, ob die Dame schuldig ist oder nicht, aber das ganze wirkt auf mich wie ein Affentheater.
4. Richtig so
hermes69 26.03.2013
Ich hoffe das diese Person endlich Ihre gerechte Strafe erhält. Der Prozess war von vorne bis hinten ein Witz. Die Dame und Ihr Komplize hätten niemals freigelassen werden dürfen.
5. Ein seriöses Nachrichtenmagazin
buergerin.mit.meinung 26.03.2013
wäre sich zu gut, einen Menschen mit dem Begriff "Engel mit Eissaugen" vorzuverurteilen. Das ist dümmste aber auch schlimmste Regenbogenpressemanier. Als ich mir den Videobeitrag anhörte, der Kommentar, vorgelesen von einer Frau, war ich gespannt, ob die Jungens aus der Redaktion einer Sprecherin diese Begrifflichkeiten zugemutet haben. Gott-sei-dank, nicht! Aber ... andererseits: Vielleicht wäre manch anderem Menschen so die Augen aufgegangen, denn eine Frau wäre nie auf die Idee gekommen, eine andere Frau als "Engel mit Eisaugen" zu bezeichnen. Es klänge befremdlich, das mit einer Frauenstimme zu hören. Also: Das ist ein Beispiel von echtem 2013-Sexismus. Und das: im SPIEGEL 2013. Noch neulich hatte ich über ein Spiegel-Abo nachgedacht. Das überlasse ich nun BLÖD-Zeitungslesern.
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