Enkeltrick-Mafia Ein Clan, eine Masche, ein Millionenvermögen

Die mutmaßlichen Drahtzieher der Enkeltrick-Mafia sind gefasst. Wie der Clan von Polen aus Rentner in ganz Deutschland ausgenommen haben soll und wie die Opfer gelitten haben, zeigt SPIEGEL TV.

Von Roman Lehberger und Thomas Heise


Sie waren gerade beim Buchstaben W angekommen. W wie Walther, davon gibt es einige im Ruhrgebiet. Dann hatten sie nach alten Vornamen gesucht, nach Adolf, Alfred oder Egon. Thomas oder Silke schieden aus, waren mit blauem Kugelschreiber durchgestrichen. Zickzack. Wer so heißt, gehört nicht zur Zielgruppe der Enkeltrick-Mafia. Potenzielle Opfer haben wohl ein Kreuz vor den Namen bekommen, wer gleich abwimmelte, wurde durchgestrichen. Das Durcharbeiten deutscher Telefonbücher muss mitunter auch langweilig gewesen sein. Blaue Wolken sind am Rand gekritzelt, eine Seite ziert ein Spinnennetz.

Die Arbeitsweise der Enkeltrick-Mafia zu durchleuchten, ist ein schwieriges Unterfangen. Seit mehr als 18 Monaten ist SPIEGEL TV an dem klandestin operierenden Roma-Clan dran, hat sich mit Fahndern und Informanten getroffen, Aktenkonvolute gelesen, Gerichtsprozesse besucht. Am vergangen Mittwoch war es so weit. Exklusiv konnten wir an verschiedenen Orten in Polen und Deutschland beim Zugriff durch die Ermittler dabei sein. In Warschau wurde Arkadiusz "Hoss" Lakatosz verhaftet, mutmaßlicher Erfinder des Enkeltricks. Kathrin Hennings, Vizechefin der Abteilung Organisierte Kriminalität im Hamburger LKA ist sich sicher, dass Hoss der Chef der mafiösen Bande ist. "Er hat seinen Modus Operandi immer weiter professionalisiert. Er hat auch die Strukturen aufgebaut, diese Hierarchie, die ihm unterstand."

"Die hatten richtige Bürozeiten"

Monatelang hatten deutsche Ermittler die Telefone der Tatverdächtigen abgehört. "Die benahmen sich, als wenn sie zur Arbeit gehen würden", erzählt ein Fahnder. "Die hatten richtige Bürozeiten." Die Gespräche mit den potenziellen Opfern in Deutschland begannen immer gleich: "Rate mal, wer hier ist!" Hundertfach findet sich der perfekte Gesprächseinstieg so oder so ähnlich in den Akten. Wenn das Opfer einen Verwandten zu erkennen glaubte, zogen die Anrufer es in ihren Bann. Geschickt drehte es sich im Telefonat dann um eine Immobilie zum Schnäppchenpreis oder einen tragischen Unfall. Dringend sei Bargeld erforderlich. Notfalls würde auch Schmuck gehen. Die, die in Polen den Anruf tätigen, werden im Roma-Jargon "Keiler" genannt.

Sobald Oma versprochen hatte, das Geld zu besorgen, informierte der "Keiler" den "Logistiker", einen Komplizen, der ein Netz von Abholern in Deutschland dirigierte. Kuriere brachten den Großteil der Beute sofort nach Polen.

Die Schnelligkeit und Chuzpe der Enkeltrick-Betrüger war selbst für erfahrene Polizisten erstaunlich. Einmal hörten die Fahnder am Telefon - der "Logistiker" wurde belauscht - live mit, wie eine Rentnerin 40.000 Euro von ihrer Bank abholte, um es dem Roma-Clan zu übergeben. "Wir suchten wie verrückt nach dem Übergabeort. Wir wussten den Stadtteil und dass da ein Supermarkt ist. Als wir endlich ankamen, war schon alles vorbei." Geld, Kurier, Logistiker - weg.

Ein einträgliches Geschäft

Es war, so belegen es die sichergestellten Autos, ein einträgliches Geschäft. Die Bande fuhr nur mit der mobilen Spitzenklasse durch die Gegend: S-Klasse Mercedes, Ferrari, Lamborghini. Auch die Partys des Clans sind legendär. Die besten Szenen sind auf Video zu bestaunen. Es geht zu wie in einem Mafia-Film. Dickbäuchige Herren im Anzug und mit dunklen Sonnenbrillen küssen einander zur Begrüßung, es gibt Kaviar und Austern satt, Champagner edelster Marken fließt in rauen Mengen. Gäste werden mit einem Helikopter eingeflogen.

Als am Mittwoch in Essen die Handschellen für "Remek" den "Logistiker" klicken, kommen nach ein paar Minuten in einem goldfarbenen Mercedes ein paar Helfer vor der Wohnung an. "Haut ab, ihr Missgeburten", brüllt eine ältere Dame und wirft den rechten Schuh.

Was sie zu den Vorwürfen sagt und wie die Opfer unter den Betrügern gelitten haben, zeigt das SPIEGEL TV Magazin auf RTL am Sonntag um 22.30 Uhr.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ontwoone 01.06.2014
1. Dank dem Spiegel!
Vielen Dank für euren mutigen, investigativen Journalismus. Es wurde Zeit diesen Lumpen ein Ende zu setzen.
nops-1 01.06.2014
2. sind wir nich alle ein bischen dummdumm
Ich habe mal Hütchenspieler beobachtet, war Alles überzeugend, dann habe ich mitgespielt und 200 Euro verloren. Wenn Omi auf Grund eines Telefonanrufes, in der ihr eine schöne Geschichte erzählt wird, 40.000 Euro abhebt und verliert, dann ist das zwar bedauerlich, letztlich hat Omi -so wie ich damals 200 Euro- nun ihrerseits ein 40.000 Euro-Lehrgeld gezahlt. Das Leben ist dazu da, das man wach ist, kritisch hinterfragt und lernt - ein Leben lang. Wenn jetzt also jemand kommt und sagt: der Euro ist sicher und Griechenland über den Berg ... dann kann man diesem Menschen glauben oder auch nicht. Ich habe bereits 200 Euro Lehrgeld gezahlt. Das reicht!
mikezulu 01.06.2014
3. Und nun?
Was wird jetzt passieren? Die Opfer werden entschädigt? Die Täter bestraft? Nein! Das Geld ist längst versaubeutelt, über Strohmänner davongeschafft. Die Täter leisten sich die besten Anwälte, verhöhnen die machtlose Justiz. Gegen diese Clans hat der deutsche Rechtsstaat lange kapituliert. Siehe Abu-Chaker-Clan in Berlin oder Miri-Clan in Bremen. Gewöhnt euch dran Deutsche! Das ist eure Zukunft...
Qual 01.06.2014
4. optional
2 Sachen: Zuerst muss man sich fragen wie wir ältere Bürger so ausgrenzen konnten, dass das überhaupt möglich war. Und dann, bitte nicht vergessen: Auch wenn sie oft nicht so schmierig aussehen, die Banken haben weit mehr Schaden nicht nur an alten Leuten angerichtet. Also die Empörung bitte verhältnismäßig ausrichten!
xcountzerox 01.06.2014
5.
Zitat von nops-1Ich habe mal Hütchenspieler beobachtet, war Alles überzeugend, dann habe ich mitgespielt und 200 Euro verloren. Wenn Omi auf Grund eines Telefonanrufes, in der ihr eine schöne Geschichte erzählt wird, 40.000 Euro abhebt und verliert, dann ist das zwar bedauerlich, letztlich hat Omi -so wie ich damals 200 Euro- nun ihrerseits ein 40.000 Euro-Lehrgeld gezahlt. Das Leben ist dazu da, das man wach ist, kritisch hinterfragt und lernt - ein Leben lang. Wenn jetzt also jemand kommt und sagt: der Euro ist sicher und Griechenland über den Berg ... dann kann man diesem Menschen glauben oder auch nicht. Ich habe bereits 200 Euro Lehrgeld gezahlt. Das reicht!
es geht aber nicht ein "Leben lang". ältere menschen lassen nach in ihrer perzeption. was bleibt, ist der gedanke an angehörige und die hilfsbereitschaft. diesen umstand haben diese roma-abzocker schamlos ausgenutzt. zum glück ist diese ganze bande jetzt hinter gittern. witzigerweise stellen sich wieder alle behindert, bzw psychisch benachteiligt. diese dümmliche masche ist einfach lächerlich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.