Entführter Kapitän Somalische Geiselnehmer narren US-Marine

Nervenkrieg vor der Küste Somalias: Obwohl die US-Marine Hubschrauber und drei Kriegsschiffe einsetzt, konnte sie die vier Piraten bisher nicht bewegen, ihre Geisel freizugeben - den Kapitän Richard Phillips. Die Amerikaner fürchten, dass er bald an Land gebracht und verschleppt wird.


Washington/Nairobi - Der von somalischen Piraten verschleppte US-Kapitän ist allem Anschein nach am Leben. Amerikanische Marinesoldaten hätten den 53-Jährigen am Sonntag gesichtet, teilte die Reederei mit. Weitere Einzelheiten wurden nicht bekanntgegeben. Das Rettungsboot, auf dem vier somalische Seeräuber den Kapitän seit Mittwoch gefangen halten, trieb auf die somalische Küste zu.

US-Marinesoldaten vor der Küste Somalias (Archivbild): Gelingt Stammesältesten aus Somalia ein Vermittlungserfolg?
REUTERS

US-Marinesoldaten vor der Küste Somalias (Archivbild): Gelingt Stammesältesten aus Somalia ein Vermittlungserfolg?

Die amerikanischen Kriegsschiffe - darunter auch der Zerstörer "USS Bainbridge" - hielten Tuchfühlung zum dem hilflos im Meer treibenden Rettungsboot. Wie US-Militärvertreter der Nachrichtenagentur Reuters sagten, hat das kleine Boot keinen Treibstoff mehr. Möglicherweise hofften die Entführer darauf, die Küste zu erreichen, um dann zu Fuß mit ihrer Geisel fliehen zu können. Sollte Phillips an Land verschleppt werden, sinken die Chancen auf eine schnelle Lösung, denn im unzugänglichen Hinterland der Region mit vielen Bergdörfern und Höhlen gibt es zahllose Schlupfwinkel.

Die Seeräuber fordern zwei Millionen Dollar Lösegeld für Kapitän Richard Phillips und ihre eigene Sicherheit. Am Samstag warnten sie zwei zur Hilfe geeilte US-Kriegsschiffe, ein gewaltsamer Befreiungsversuch werde katastrophale Folgen haben.

Der 53-jährige Philipps ist eine von rund 270 Geiseln, die sich derzeit in den Händen von Piraten befinden. Erst am Samstag brachten sie einen unter italienischer Flagge fahrenden Schlepper mit 16 Besatzungsmitgliedern in ihre Gewalt.

In Somalia überflogen offenbar zwei Hubschrauber etwa eine halbe Stunde lang die Piraten-Stadt Haradheere. Augenzeugen zufolge befanden sich in mindestens einem von ihnen Soldaten. Ihre Nationalität und ihr Auftrag blieben zunächst unklar. Einwohner Haradheeres gingen aber davon aus, dass die beiden Hubschrauber von amerikanischen oder anderen ausländischen Kriegsschiffen gestartet waren. "Wir dachten, es gibt heute Morgen einen Luftangriff. Die Stadt ist voller Piraten", sagte der Augenzeuge Ahmed Haji Abdi. Anwohner flohen in Panik. Fischer seien aus Angst nicht auf Fang gefahren.

In der Umgebung von Haradhere soll sich auch der Anfang April gekaperte Frachter "Hansa Stavanger" mit fünf deutschen Seeleuten an Bord befinden. "Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes bemüht sich weiterhin intensiv um eine Lösung des Falles", sagte die zuständige Sprecherin in Berlin dazu am Sonntag.

Das Containerschiff von Kapitän Phillips, die am Mittwoch rund 500 Kilometer vor der Küste Somalias gekaperte "Maersk Alabama", war am Samstag sicher in den kenianischen Hafen Mombasa eingelaufen. Seine 20 amerikanischen Besatzungsmitglieder hatten sich zuvor gegen die Angreifer gewehrt und konnten den Frachter wieder unter ihre Kontrolle bringen. Nur ihren Kapitän mussten sie gehen lassen.

Stammesälteste nahmen erneut Verhandlungen über die Freilassung des Amerikaners auf. Der britische Sender BBC berichtete, die Clanvertreter seien in Booten zum Rettungsschiff aufgebrochen.

Stammesälteste, die in der somalischen Gesellschaft hohes Ansehen genießen, hatten bereits zuvor erfolgreich zwischen Piraten und Reedern vermittelt. Einem Bericht der "New York Times" zufolge hatte eine Gruppe von Stammesältesten zuvor Gespräche zur Freilassung von Phillips abgebrochen, da US-Unterhändler auf der Festnahme der Seeräuber beharrten. Wenige Stunden zuvor hatte sich kurz nach Sonnenaufgang ein kleines Boot der US-Marine den Piraten und ihrer Geisel genähert. Die Seeräuber feuerten dem Bericht zufolge Warnschüsse. Daraufhin seien die Soldaten zur "USS Bainbridge" zurückgekehrt, ohne das Feuer zu erwidern.

Während in US-Medien zuerst von einer versuchten Befreiungsaktion die Rede war, hieß es später, der Trupp habe eine Kontaktaufnahme mit den Entführern geplant oder sei auf einer Aufklärungsmission gewesen. In die Verhandlungen ist auch die US-Bundespolizei FBI eingeschaltet.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

itz/Reuters/dpa

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