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Entführtes deutsches Schiff: Tödliches Feuergefecht um gekaperte "Beluga Nomination"

Der Piratenangriff auf die "Beluga Nomination" verlief nach SPIEGEL-Informationen dramatischer als bekannt. Ein Kriegsschiff und ein Patrouillenboot versuchten, den Frachter zu befreien, es gab mehrere Tote - dann bekamen die Seeräuber Verstärkung. Inzwischen gelang zwei Gefangenen die Flucht.

Piraten vor Somalia: Neuer Seekrieg Fotos

Hamburg - Der Piratenangriff auf die "Beluga Nomination" erfolgte auf hoher See - und mit dramatischen Szenen: Somalische Piraten hatten den Frachter am Samstag vor einer Woche rund 700 Kilometer nördlich der Seychellen im Indischen Ozean gekapert. Zweieinhalb Tage später hatten die Seeräuber den Schutzraum der Besatzung aufgeschweißt und das Schiff in ihre Gewalt gebracht. Am Mittwoch dann erreichten ein dänisches Kriegsschiff und ein Patrouillenboot der Seychellen die "Nomination".

Nach Informationen von Sicherheitsexperten der Bundesregierung waren es die Männer von den Seychellen, die schließlich das Feuer auf die Piraten eröffneten. Sie töteten einen oder zwei der Seeräuber, auch zwei Männer der Besatzung starben offenbar. Mehreren anderen Matrosen gelang es, in das sogenannte Freifallrettungsboot am Heck des Frachters zu flüchten, damit katapultierten sie sich ins Meer.

Am Tag danach stoppten die Maschinen der "Nomination", Insider mutmaßen, die Piraten hätten wohl den sogenannten Tagestank leergefahren. Aber wenige Stunden später kam den Seeräubern das neue Piraten-Mutterschiff "York" zu Hilfe, ein kürzlich entführter Gastanker. Danach gingen beide Schiffe auf Kurs Richtung Somalia.

Zwei Seeleute der "Beluga Nomination" sind nach Angaben der Beluga-Reederei mittlerweile frei. Die beiden seien in einem Rettungsboot entdeckt worden, sagte eine Sprecherin am späten Freitagabend. "Den zwei Seeleuten, die im Rettungsboot auf Hilfe gewartet hatten, geht es aktuell den Umständen entsprechend gut", teilte das Unternehmen weiter mit. Ein Team der Reederei sei telefonisch durch den Kommandanten des dänischen Kriegsschiffs "HDMS Esbern Snare" darüber informiert worden, dass das Rettungsboot im Indischen Ozean etwa 300 Seemeilen von der somalischen Küste entfernt geortet und sicher geborgen worden sei.

Die beiden Seeleute würden zunächst an Bord der dänischen Fregatte betreut und versorgt. Die Reederei wünsche sich inständig, "dass alle unsere Kollegen auf See wohlauf sind und gesund die noch andauernde Krisensituation überstehen".

Weiteres deutsches Schiff entführt

Am Freitag entführten somalische Piraten gegen 9 Uhr morgens ein weiteres deutsches Schiff, die "New York Star" der Hamburger Reederei CST. Die Mannschaft flüchtete ebenso wie zunächst die der "Beluga Nomination" in einen Sicherheitsraum, der Reeder hatte zeitweise keinen Kontakt mehr zu seinem Schiff. Am Samstag teilte CST mit, dass alle Crew-Mitglieder den Angriff der Seeräuber unverletzt überstanden hätten. Das Schiff wurde demnach von der niederländischen Marine aus der Hand der Piraten befreit.

Dass die Piraten rauer agieren, zeigt jetzt der Fall des deutschen Schiffs "Marida Marguerite". Der Chemietanker wurde im Mai entführt und erst vor rund fünf Wochen gegen Lösegeld freigelassen. Inzwischen haben deutsche Fahnder die Crew vernommen, die Seeleute berichteten von massiver Folter. Manche mussten demzufolge bis zu 40 Minuten nackt in der Gefrierkammer des Schiffs ausharren, sie wurden geprügelt und mit Kabelbindern um die Genitalien gefoltert. Es gab Scheinhinrichtungen, und ab und zu stülpten ihnen die Piraten Plastiktüten über den Kopf, "bis kurz bevor sie erstickten", so ein Behördenbericht.

Im Indischen Ozean vor Somalia liegen die gefährlichsten Wasserwege der Welt. Dem Internationalen Schifffahrtsbüro (IMB) zufolge ereigneten sich dort im vergangenen Jahr rund 90 Prozent aller weltweit registrierten Piratenüberfälle. Demnach wurden 2010 vor der somalischen Küste 49 Schiffe gekapert und 1016 Seeleute verschleppt.

Mit der "Beluga Nomination" wurde bereits zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren ein Schiff der Bremer Reederei entführt. Im Sommer 2008 wurde die "BBC Trinidad" gekapert - und nach drei Wochen für ein Lösegeld von 1,1 Millionen Euro freigekauft. Im Oktober 2010 stürmten Piraten die "Beluga Fortune", ließen aber von dem Schiff ab, als Marine-Einheiten nahten. Damals konnte sich die Crew erfolgreich im Schutzraum verschanzen.

wit/dpa

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insgesamt 256 Beiträge
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1. Wann....
aprilapril 29.01.2011
Zitat von sysopZwei Besatzungsmitglieder eines von Piraten entführten Handelsschiffes sind frei: Die beiden wurden der Bremer Beluga-Reederei zufolge in einem Rettungsboot entdeckt. Nach SPIEGEL-Informationen verlief der Angriff auf ihren Frachter weitaus dramatischer als bislang bekannt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,742360,00.html
wird diesem Treibenendlich ein Ende gesetzt? Kanonen an Bord der Frachtschiffe und bei Annäherung nach Warnung volles Rohr zum Versenken! Andere Sprache wird nicht vestanden.
2. und wo
janne2109 29.01.2011
sind die Bewachungsschiffe?? Fahren Wasserski, unglaublich, dass immer noch Entführungen passieren können
3. Wann macht ihr endlich eure Hausaufgaben?
Moewi 29.01.2011
"Dass die Piraten rauer agieren, zeigt jetzt der Fall des deutschen Schiffs "Marida Marguerite"." ---Zitat von wikipedia--- http://de.wikipedia.org/wiki/Marida_Marguerite Die Marida Marguerite ist ein unter der Flagge der Marshallinseln fahrender Produkten- und Chemikalientanker mit Doppelhülle und IMO-II Klassifikation. ---Zitatende--- Das Schiff wurde aus finanziellen Gründen ausgeflaggt und hat mit Deutschland ausser dem Firmensitz des Eigners nichts zu tun.
4.
orion4713 29.01.2011
Zitat von sysopZwei Besatzungsmitglieder eines von Piraten entführten Handelsschiffes sind frei: Die beiden wurden der Bremer Beluga-Reederei zufolge in einem Rettungsboot entdeckt. Nach SPIEGEL-Informationen verlief der Angriff auf ihren Frachter weitaus dramatischer als bislang bekannt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,742360,00.html
Täuscht der Eindruck oder werden tatsächlich vorrangig "deutsche" Schiffe gekapert? Und wenn ja, warum?
5.
brux 29.01.2011
Nur ein Schiff unter deutscher Flagge ist ein deutsches Schiff. Wann werden Journalisten das endlich lernen? Was einem deutschen Reeder gehoert, ist rechtlich voellig irrelevant.
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"Atalanta" und Eufor
Die EU-Mission "Atalanta"
An dem Anti-Piraten-Einsatz der Europäischen Union am Horn von Afrika nehmen bis zu 1400 Bundeswehrsoldaten teil. Derzeit sind es rund 240 deutsche Soldaten und die Fregatte "Bremen". Sie sollen gemeinsam mit Soldaten aus anderen europäischen Ländern die Schiffe des Welternährungsprogramms, bei Bedarf auch zivile Schiffe, vor Übergriffen schützen sowie die Seewege überwachen. Der Einsatzbereich umfasst bis zu 500 Seemeilen.

Laut EU-Beschluss lautet das Ziel der Mission: "die Abschreckung, Verhütung und Bekämpfung von seeräuberischen Handlungen und bewaffneten Raubüberfällen". Dazu gehört explizit auch der "Einsatz von Gewalt". Der bislang geltende Einsatz war bis zum 15. Dezember 2009 befristet.
Der Bosnien-Einsatz
Unter den Kürzeln Ifor und Sfor lief bis Ende 2004 der Nato-geführte Bosnien-Einsatz. An der von der Europäischen Union weitergeführten Eufor-Mission "Althea" beteiligt sich die Bundeswehr aktuell mit 120 Soldaten.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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