Entführungsopfer Fall Kampusch soll neu untersucht werden

Nach mutmaßlichen Pannen und Fehleinschätzungen sollen die Ermittlungen im Entführungsfall Natascha Kampusch sechs Jahre nach der erfolgreichen Flucht des Opfers neu aufgenommen werden. Beteiligt seien unter anderem Experten von FBI und Bundeskriminalamt, hieß es.

Natascha Kampusch 2011 bei einer Buchpreisverleihung in Wien
DPA

Natascha Kampusch 2011 bei einer Buchpreisverleihung in Wien


Wien - Vor sechs Jahren entkam Natascha Kampusch ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil. Der hatte sie im Alter von zehn Jahren entführt und acht Jahre lang in seinem Haus bei Wien in einem Keller gefangen gehalten. Nach Kampuschs Flucht tötete sich der Täter 2006 selbst. Bei den anschließenden Ermittlungen der österreichischen Polizei soll es zu Fehleinschätzungen und Pannen gekommen sein.

Jetzt ordneten die österreichischen Behörden den Beginn einer neuen Untersuchung an. Eine Arbeitsgruppe mit 14 Mitgliedern sowie ein mit sieben Spezialisten besetzter Lenkungsausschuss sollen in den nächsten Monaten die Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft unter die Lupe nehmen. Dem Ausschuss sollen auch jeweils ein Experte des Bundeskriminalamtes (BKA) und des amerikanischen FBI angehören, hieße es zunächst. Beim BKA wollte man diese Information nicht bestätigen.

Die neue Arbeitsgruppe mit Abgesandten des Innen- und des Justizministeriums, des Verfassungsschutzes, der Staatsanwaltschaft und der Kripo sollen alle Akten sichten dürfen, heißt es. Ende Juni hatte ein Untersuchungsausschuss des österreichischen Parlaments die Neubewertung des Falls empfohlen. Die Parlamentarier selbst hatten bestimmte Akten nicht einsehen dürfen. "Wenn sie herausfinden, dass es tatsächlich Fehler gegeben hat, dann können wir daraus für die Zukunft lernen", sagte eine Sprecherin des Justizministeriums.

Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hatte Natascha Kampusch 1998 entführt und in seinem Haus in Strasshof bei Wien gefangen gehalten. Sie lebte vollkommen isoliert in einem drei mal vier Meter großen Versteck, das von einer schalldichten Tresortür verschlossen wurde. In den Folgejahren kursierten immer wieder Verschwörungstheorien, dass Priklopil Helfer oder Mitwisser hatte. In ihren Memoiren "3096 Tage" hatte Kampusch beschrieben, wie sie der Entführer hungern ließ, sie misshandelte und sie als Sklavin missbrauchte.

25 Politiker von fünf verschiedenen Parteien hatten zuvor geprüft, ob es rechtens war, dass im November 2011 ein Amtsmissbrauchsverfahren gegen fünf Staatsanwälte eingestellt wurde. Ihnen war zur Last gelegt worden, in der Causa Kampusch nicht korrekt ermittelt zu haben.

Ungeklärt sind mehrere Punkte in dem Kriminalfall. Immer wieder wurde vermutet, Priklopil habe einen oder mehrere Komplizen gehabt. Eine junge Zeugin, die die Entführung beobachtet hatte, sprach von zwei Tätern. In einem Telefongespräch soll der Entführer selbst einmal über "die anderen" gesprochen haben. Außerdem soll die Polizei es versäumt haben, dem Hinweis eines Polizei-Hundeführers auf Priklopil rechtzeitig nachzugehen.

Kampusch selbst hatte im Frühjahr in einem langen Fernsehinterview die zahlreichen Verschwörungstheorien dementiert. Weder habe es weitere Täter neben dem Entführer oder gar einen Kinderpornoring gegeben, noch sei sie schwanger gewesen, sagte sie. Die Debatten in den österreichischen Medien nannte sie "empörend".

ala/dpa/Reuters



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