Verschollene Frauen in Ohio: Das Rätsel der Seymour Avenue

Von , New York

Drei seit Jahren vermisste Frauen sind aus einem Haus in Ohio gerettet worden. Der mutmaßliche Kidnapper und seine Brüder sind in Haft. Der Fall wirft Fragen auf: Wieso haben Nachbarn und Polizei nichts gemerkt? Auch fehlt von einem vierten, in der Gegend verschollenen Mädchen weiter jede Spur.

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Jahrelang suchte Louwana Miller vergeblich. Ihre Tochter Amanda Berry, 17, genannt Mandy, war 2003 spurlos verschwunden, auf dem Heimweg von ihrem Job bei Burger King. Es gab falsche Fährten, falsche Hoffnungen und Mahnwachen, an denen immer weniger Leute teilnahmen. Eine Wahrsagerin erklärte Berry für tot. Miller ließ Berrys Zimmer unangetastet.

Schließlich war es zu viel für sie. Zerfressen von Stress und Sorge starb Miller im März 2006 an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse - ohne ihr Tochter je wiedergesehen zu haben. Sie war 44. Ihre Freundin, die Stadträtin Dona Brady, blieb bis zuletzt an ihrer Seite: "Sie starb buchstäblich an gebrochenem Herzen."

Sieben Jahre nach dem Tod ihrer Mutter ist Berry nun aufgetaucht. Gemeinsam mit Gina DeJesus, die 2004 verschwand, und Michelle Knight, seit 2002 verschollen, wurde sie aus einem Haus auf der West Side von Cleveland gerettet - nur wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Alle drei waren dort offenbar gefangen gehalten worden. Berry ist heute 27 Jahre alt, DeJesus 23 und Knight 30.

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Cleveland: Vermisste Frauen gefunden
Der spektakuläre Fall, der an die jahrelangen Gefangenschaften von Jaycee Lee Dugard und Natascha Kampusch erinnert, bewegt die USA zutiefst und wirft brisante Fragen auf: Warum haben weder die vielen Nachbarn noch die Behörden so lange nichts bemerkt?

"Wir haben nicht gut genug gesucht", sagte Pastor Angel Arroyo, der bei der Fahndung nach DeJesus Flugblätter verteilt hatte. "Sie war die ganze Zeit direkt vor unserer Nase." "Ich dachte, das Haus stünde leer", sagte Juan Perez, der direkt nebenan wohnt, zum Sender NBC. "Ich wusste nicht mal, dass da jemand lebte." Einmal, vor ein paar Jahren, habe er irgendwo einen Schrei gehört und die Polizei alarmiert, doch er wisse nicht, was daraus geworden sei.

Ebenfalls in Sicherheit gebracht wurde den Angaben zufolge auch mindestens ein Kind, ein sechsjähriges Mädchen, angeblich von Berry in Gefangenschaft zur Welt gebracht. Alle drei Frauen, so hieß es in Justizkreisen, seien vergewaltigt worden und hätten bis zu fünf ungeborene Babys verloren.

In die Wiedersehensfreude mischte sich jetzt die Angst: Von einem vierten Mädchen, das in der gleichen Gegend verschwunden ist, fehlt immer noch jede Spur: Ashley Summers, zuletzt gesehen im Juli 2007. Sie war 14 Jahre alt.

Drei Brüder festgenommen

Die Polizei nahm den Hausbesitzer fest: Den früheren Schulbusfahrer Ariel C., 52, den Berry im ersten Notruf, der zu ihrer Rettung führte, identifiziert hatte, sowie seine Brüder Oneil C., 50, und Pedro C., 54. "Wir glauben, dass wir die Verantwortlichen haben", sagte Clevelands Vizepolizeichef Ed Tomba.

Die US-Kabelsender fuhren sofort Dutzende Kriminologen, Psychologen und andere "Experten" auf, um die Hintergründe auszuleuchten. Die Rede war von Folter, Sexspielen, psychopathischem Verhalten. Doch all diese Fernanalysen sind nur Spekulation. Noch ist viel zu wenig bekannt.

Bei einer ersten, emotionalen Pressekonferenz am Dienstag räumten die Polizei und das FBI ein, in den vergangenen Jahren mindestens zweimal auf die fragliche Adresse aufmerksam gemacht worden zu sein. So sei C. 2004 "ausführlich befragt" worden, nachdem er ein Kind in einem Schulbus zurückgelassen habe. Die drei Frauen seien nicht bemerkt worden.

Hinweise soll es aber immer wieder gegeben haben, dass in dem zweistöckigen Holzhäuschen mit der Adresse 2207 Seymour Avenue nicht alles mit dem Rechten zuging. Nachbarn berichteten, sie hätten Ende 2011 eine Frau und ein Kind gesehen, die von innen an ein Fenster getrommelt hätten. Doch als die Polizei gekommen sei, habe niemand geöffnet.

C. wohnte seit 1992 in der Seymour Avenue. Gerichtsakten zufolge wurde er 1993 wegen häuslicher Gewalt vorläufig festgenommen, der Fall versickerte aber. C.'s Onkel Julio, der einen Lebensmittelladen in der Straße besitzt, sagte dem "Cleveland Plain Dealer", sein Neffe habe früher in einer Band gespielt, die in der Kneipe von DeJesus' Onkel aufgetreten sei. Er zeigte sich überrascht und entsetzt: "Einerseits ist das schlecht, andererseits ist das gut."

"Sie lebt nicht mehr, honey"

Als Erste der drei Frauen verschwand Michelle Knight. Sie war 18, als sie am 23. August 2002 zuletzt gesehen wurde, fünf Kilometer von C.'s Haus entfernt. Ihr Fall war, im Gegensatz zu den beiden anderen, am wenigsten bekannt: Knights Familie hatte angenommen, dass sie nach einem Streit freiwillig weggelaufen war.

Ihr Mutter Barbara Knight sagte dem "Plain Dealer", sie habe ihre Tochter vor mehreren Jahren mit einem älteren Mann in einem Einkaufszentrum gesehen. Sie habe sie beim Namen gerufen, doch sie habe nicht reagiert.

Berry verließ am 21. April 2003, dem Vorabend ihres 17. Geburtstags, ein nahe gelegenes Schnellrestaurant. Ihrer Schwester sagte sie noch, sie habe eine Mitfahrgelegenheit nach Hause. Das war das Letzte, das die Familie von ihr hörte. Ihre Mutter war so verzweifelt, dass sie 2004 in die Talkshow "Montel Williams" ging, um sich von Wahrsagerin Sylvia Browne sagen zu lassen: "Sie lebt nicht mehr, honey."

Ein Jahr nach Berry verschwand DeJesus. Sie war 14 und auf dem Heimweg von der Sonderschule. Das FBI vermutete bald, dass die zwei Fälle miteinander in Verbindung standen. Später weitete es seine Fahndung auf Ashley Summers aus, die 2007 verschwand.

Fährten gab es immer wieder, alle führten ins Leere. 2006 wurden zwei Männer zu DeJesus vernommen und wieder freigelassen. Der Boden einer Garage wurde aufgebrochen. Im Januar wurde ein anderer Mann zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, da er behauptet hatte, zu wissen, wo Berrys Leiche verscharrt sei.

Am Ende war es aber ein Nachbar, der die Rettung der Frauen ermöglichte: Charles Ramsey, der nach eigenen Angaben seit einem Jahr nebenan wohnt, bemerkte, wie Berry durch einen Türspalt winkte und um Hilfe rief. Seither wird der Schwarze als Held gefeiert, seine TV-Interviews wurden zu YouTube-Hits.

"Ich hörte Schreie", sagte er dem TV-Sender WEWS. "Ich esse mein McDonald's. Ich gehe raus. Ich sehe dieses Mädchen." Sofort habe er sich gedacht: "Hier stimmt was nicht!" Er habe C. gekannt, aber nichts geahnt: "Ich habe mit dem Typ gegrillt! Wir haben Rippchen und was sonst noch gegessen und Salsa-Musik gehört!"

Er habe die Tür eingetreten und Berry sein Handy gegeben, um die Polizei zu rufen. C. sei unterdessen weggerannt. Kurz darauf wurde er von der Polizei geschnappt - bei McDonald's.

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Mit Material von AP und Reuters

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