Entführungsfall Ursula Herrmann "Der war schon immer im Visier der Ermittler"

Er soll 1981 die kleine Ursula Herrmann entführt und in einer Holzkiste vergraben haben: Seit Mai sitzt Werner M. in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ist von seiner Schuld überzeugt. Sein Anwalt geht davon aus, dass der 58-Jährige bald wieder frei ist - aus Mangel an Beweisen.

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Hamburg - Das Verbrechen an Ursula Herrmann war eines der spektakulärsten in der deutschen Kriminalgeschichte. Die Republik atmete auf, als Ende Mai bekannt wurde, dass der mutmaßliche Mörder des Mädchens gefasst ist. Heute, gut sechs Wochen später, wird Oberstaatsanwalt Matthias Nikolai in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" den Fall noch einmal darstellen.

Er wird erklären, warum es fast 27 Jahre dauerte, bis Ermittler den Mann verhafteten, der die Zehnjährige am 15. September 1981 in Eching am Ammersee entführt und in einer Holzkiste vergraben haben soll. Und warum sie ihn seit dem qualvollen Tod des Mädchens bereits mehrmals als Hauptverdächtigen im Visier hatten, ihm eine Tatbeteiligung aber nicht nachweisen konnten.

"Heute Abend wird es keinen Fahndungsaufruf geben", sagt "Aktenzeichen XY"-Moderator Rudi Cerne SPIEGEL ONLINE. Es gebe in dem Fall "nach wie vor eine Unsicherheit". Man werde auch darüber reden, "welche Beweise vorliegen und ob diese für eine Verurteilung des Täters ausreichen".

"Mein Mandant ist sehr intelligent und sehr standhaft"

Der Verdacht gegen Werner M. beruht bisher auf Indizien. Auch darüber wird der Augsburger Oberstaatsanwalt in der Fahndungssendung sprechen. Und darüber, wie heikel dieses Thema ist.

"In diesem Verfahren ist es untunlich, die einzelnen Indizien und ihre Beweiskraft in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Das könnte die Ermittlungen gefährden", sagt Oberstaatsanwalt Matthias Nikolai im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Indizienprozesse sind nie einfach, wenn kein Geständnis vorliegt." Und davon sind die Ermittler momentan meilenweit entfernt. Werner M. bestreitet die Tat vehement.

"Er ist cool - im Sinne von kalt. Es bringt ihn nichts aus der Fassung", sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Selbst Rechtsanwalt Walter Rubach bestätigt SPIEGEL ONLINE: "Mein Mandant ist ein sehr intelligenter Mensch und sehr standhaft. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt: Er weiß, dass ihm der Wind frontal entgegenbläst."

Trotzdem hofft der 58-jährige Werner M. auf baldige Freilassung. Sein Anwalt hat Haftbeschwerde eingelegt. Er sieht keine Gründe für einen "dringenden Tatverdacht". "Bis heute gibt es keine DNA-Spur, keinen Sachbeweis. Alte Indizien wurden neu bewertet. Es sind die gleichen wie in den vergangenen Jahren - und schon damals haben sie nicht für einen Haftbefehl ausgereicht", sagt Rubach. Außer einem Tonbandgerät sei kein neues Indiz hinzugekommen.

Für die Staatsanwaltschaft ist dieses Tonbandgerät das wichtigste Glied in der Indizienkette gegen Werner M. Es handelt sich um ein Gerät vom Typ Grundig TK 248, das Ermittler im vergangenen Oktober bei einer Hausdurchsuchung sicherstellten. Die Staatsanwaltschaft wirft Werner M. vor, das Abspielgerät fast 27 Jahre lang gehortet zu haben.

Auf diesem Spulentonbandgerät sei das Band mit der Erkennungsmelodie des Radiosenders Bayern 3 abgespielt worden, mit dem sich der Entführer 1981 telefonisch bei Ursulas Eltern meldete, sagen die Ermittler.

Der Tatverdächtige behauptet dagegen, er habe es zwei Wochen vor der Hausdurchsuchung während eines Campingurlaubs im Weserbergland auf einem Flohmarkt gekauft - 600 Kilometer vom Ammersee entfernt.

Tatsächlich gab es in dem Ort Beverungen am 14. Oktober 2007 einen Trödelmarkt. Doch die mehr als 30 Händler werden vom Veranstalter namentlich nicht erfasst. Von wem Werner M. das Gerät gekauft haben könnte, ist schwer zu rekonstruieren. "Angeblich hat das LKA alles getan, um die entsprechende Person zu finden", sagt Anwalt Rubach.

Wäre es nicht seine Aufgabe, jenen Verkäufer zu suchen, um seinen Mandanten zu entlasten? "Nein", sagt Rubach. Anscheinend verlässt sich der Jurist aus Augsburg darauf, dass man Werner M. eher nachweisen muss, dass er das Gerät nicht dort erstanden hat.

"Alle Indizien zusammen ergeben ein sinnhaftes Bild"

Die Staatsanwaltschaft bleibt dabei: Das Tonbandgerät ist eines von vielen Indizien, die belegen, dass Werner M. der mutmaßliche Mörder der kleinen Ursula ist. Zur Tatzeit lebte er keine 300 Meter von den Herrmanns entfernt, er war hoch verschuldet und gilt als technisch äußerst versiert. Der passionierte Bootsbauer zog vor Jahren nach Kappeln an die Ostsee, führte dort ein Geschäft für Bootsliebhaber.

Ein Zeuge gab unter anderem an, er habe für M. im Wald ein tiefes Loch graben müssen. Wie lauter kleine Mosaiksteinchen sei jedes einzelne Indiz nicht unbedingt allein aussagekräftig, sagen die Ermittler, "aber alle Indizien zusammen ergeben ein sinnhaftes Bild". Ein phonetisches Gutachten des Landeskriminalamts belege "mit hoher Wahrscheinlichkeit", dass das sichergestellte Tonbandgerät zum Abspielen des Erpresser-Bandes verwendet worden sei.

Das Gutachten halte er "für eine gewagte These", sagt dagegen M.s Anwalt Rubach. Sein Mandant, ein gelernter Maler, sei ein Bastler und habe sich das Gerät lediglich zugelegt, um alte Tonbänder abzuspielen.

In 27 Jahren wurden rund 15.000 Verdächtige und 11.000 Fahrzeuge überprüft, fast 20.000 Fingerabdrücke und mehr als 40.000 Spuren untersucht. Bei immer wieder neu aufgenommenen Ermittlungen ging die Kripo weiteren 3000 Spuren nach und ließ mehr als hundert Gutachten erstellen. Die Ermittlungsansätze füllen mittlerweile gut 300 Aktenordner.

Lauschangriff vom Schlafzimmer bis in die Speisekammer

"Wir haben jahrelang ermittelt. Die Beweislage ist eindeutig verbessert", sagt Oberstaatsanwalt Günther Zechmann SPIEGEL ONLINE. Wenn das Oberlandesgericht die Haftbeschwerde des Verdächtigen ablehnt, wolle man das Verfahren auch schnell zu Ende bringen und Anklage erheben.

Den Optimismus der Staatsanwaltschaft sieht Anwalt Rubach gelassen. Auch wegen eines ergebnislosen Lauschangriffs auf seinen Mandanten und dessen einst verdächtige Ehefrau Gabriele: "Sie wurden wortwörtlich überwacht. Man hat alle Räume - sogar das Schlafzimmer und die Speisekammer - verwanzt." Das Ehepaar habe sich in den aufgezeichneten Gesprächen lediglich über die Polizisten beschwert, mehr nicht. "Die Protokolle belegen das, ich habe sie alle vorliegen."

Auf die Frage, warum Werner M. denn seit Jahrzehnten immer mal wieder befragt, verhört und freigelassen wird, sagt Rubach: "Sie haben keinen anderen Tatverdächtigen. Der war schon immer im Visier der Ermittler."

Bis Anfang August kann es dauern, dass das Oberlandesgericht über die beantragte Haftbeschwerde entscheidet. Beide Seiten gehen davon aus, dass sie recht behalten werden. "Es gibt keinen einzigen weiteren Beweis, der rechtfertigt, meinen Mandanten in Haft zu behalten", sagt Anwalt Rubach.

Oberstaatsanwalt Nikolai kontert: "Wir sagen nicht, welche Indizien wir haben und wie wir sie bewerten. Aber ich gehe nicht davon aus, dass er freigelassen wird. Aus unserer Sicht besteht dringender Tatverdacht."


"Aktenzeichen XY ... ungelöst", ZDF, 20.15 Uhr



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