Entführungsfall von 1981 Tonband soll Mörder der kleinen Ursula überführen

Es ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands - nun scheint er aufgeklärt: Ermittler haben einen Mann verhaftet, der 1981 die zehnjährige Ursula Herrmann entführt haben soll. Das Mädchen starb in einer Holzkiste, vergraben im Waldboden.

Von


Hamburg - Fast 27 Jahre lang hortete er ein Tonbandgerät, das ihn jetzt des Mordes an der kleinen Ursula zu überführen scheint: Ein 58-jähriger Mann aus Schleswig-Holstein steht unter dringendem Tatverdacht, Ursula Herrmann 1981 entführt und ihren Tod verschuldet zu haben.

"Dieser Mann wurde festgenommen, weil wir ihn für den maßgeblichen Täter und Erpresser halten", sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz SPIEGEL ONLINE.

Viele Indizien sprächen dafür, dass der Mord an dem Mädchen nach Jahrzehnten gesühnt werden könne. "Aber ich werde aus ermittlungstaktischen Gründen nicht alle Trümpfe präsentieren", sagt Nemetz.

Den größten Trumpf spielte der Oberstaatsanwalt dennoch aus: ein Tonbandgerät, das im Oktober vergangenen Jahres in der Wohnung des Verdächtigen gefunden wurde. Auf diesem Gerät sei das Band mit der Erkennungsmelodie des Radiosenders "Bayern 3" abgespielt worden, mit dem sich der Entführer bei ihren Eltern telefonisch meldete. Ein phonetischen Gutachten habe technische Auffälligkeiten nachgewiesen, wie sie auch bei den mitgeschnittenen Erpresseranrufen zu finden seien, sagt Nemetz.

Sechs Monate dauerten die Auswertungen und das Erstellen des Gutachtens, über Ebay hatten Ermittler ähnliche Abspielgeräte gesucht, Schwingungen verglichen und getestet. "Dieses Gutachten ist für die Staatsanwaltschaft das I-Tüpfelchen." Die Ermittler seien sich sicher, den Täter im Fall Ursula Herrmann gefunden zu haben.

Der Mann, ein gelernter Maler, sei in seiner Wohnung in Kappeln in Schleswig-Holstein festgenommen worden. Zur Tatzeit lebte er in Eching am Ammersee, im selben Ort wie Ursulas Familie.

Jahrelang hatte er ein Radio-Fernseh-Geschäft geführt, sich verschuldet und den Laden schließlich geschlossen. Der Verdächtige sitzt in Augsburg in Untersuchungshaft. Über seinen Gemütszustand sagt Nemetz: "Er ist cool - im Sinne von kalt. Es bringt ihn nichts aus der Fassung" Der Mann bestreite die Tat.

Wie damals, 1981, wenige Wochen nach der Tat, als der Beschuldigte zum ersten Mal ins Visier der Ermittler geraten war.

Ein anonymer Hinweisgeber hatte ihn beschuldigt, doch eine Hausdurchsuchung blieb ergebnislos. Zudem hatte der Verdächtige ein Alibi, dass die Ermittler trotz aller Zweifel nicht entkräften konnten.

"Der Tatverdacht gegen ihn war nie ausgeräumt", sagt Nemetz. Fast drei Jahrzehnte tüftelten die Ermittler samt Staatsanwaltschaft an dem Fall, jede neue DNA-Findungsmethode und kleinste technische Neuerung wurden angewendet.

Ursulas Entführer vergrub sie im Wald - lebend

Das Verbrechen an Ursula Herrmann war eines der spektakulärsten in der deutschen Kriminalgeschichte.

Das Leben des Mädchens endete an einem Dienstagabend in einem Wald nahe des bayerischen Ammersees.

Es ist der 15. September 1981, der erste Schultag nach den Ferien. Ursula Herrmann, zehn Jahre alt, geht nach der Schule zur Turnstunde im Nachbarort Schondorf, danach ist sie mit einer Freundin zum Spielen verabredet. Auf dem Heimweg wird sie entführt.

Ein Unbekannter verschleppt sie in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching und zwängt sie in eine Holzkiste, die 1,60 Meter tief in den Waldboden eingelassen ist. In die Plastikrohre für die Belüftung sind 2400 Löcher gebohrt, die Kiste wird über eine Autobatterie beleuchtet. Das Innere ist mit rosafarbenem Stoff ausgekleidet, auf dem Boden liegen Kinderbücher und Lebensmittel.

Ursula wird nichts essen, nicht in den Büchern lesen. Nasses Laub verstopft die Lüftungsöffnung, die Zehnjährige erstickt qualvoll - bereits sechs Stunden, nachdem sie vom Rad gezerrt worden war.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.