Entführungsopfer Kampusch Befreiungsschlag vor Millionenpublikum

Wer eine verschüchterte junge Frau erwartet hatte, wurde überrascht: Entschlossen berichtete Natascha Kampusch im Fernsehen von ihrer Entführung, dem unterirdischen Verlies und ihrer Flucht. Sie spricht mit den Worten einer Erwachsenen, untermalt von Gesten und Mimik eines Kindes.

Von Jens Todt


Wien - "Ich habe sozusagen mit meinem älteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen und das zwölfjährige Mädchen befreien würde", sagt Natascha Kampusch. Sie knetet ihre Hände, spielt mit der Zunge im Mund und schließt häufig die Augen, während sie erzählt. Sie lächelt viel.

Übertragung des Kampusch-Interviews: "Einzigartiges globales Medieninteresse"
DDP

Übertragung des Kampusch-Interviews: "Einzigartiges globales Medieninteresse"

Ihre Flucht habe sie sich fest vorgenommen. Schon früh habe sie davon geträumt, "mit 15, oder irgendwann einmal, wenn ich stark genug bin dazu, aus meinem Gefängnis auszubrechen".

Am 23. August ist es so weit: Die 18-Jährige nutzt eine Unachtsamkeit ihres Entführers Wolfgang P. und flüchtet aus der Garage jenes Hauses, in dem sie 3096 Tage verbringen musste - eingepfercht in ein Kellerverlies. "Ich wusste in diesem Moment, wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie wieder."

Der Journalist Christoph Feurstein führt das Interview mit Natascha Kampusch, auf das die ganze Welt gewartet hatte, und das am Mittwochabend zunächst im österreichischen Sender ORF und zeitversetzt auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Mehr als 300 Anfragen von Zeitungen, Magazinen, Fernsehstationen und Buchverlagen sollen Kampuschs Medienberater Dietmar Ecker vorgelegen haben.

Vor dem Interview wurden etliche Fragen ausgeklammert, Kampusch hat selbst entschieden, worüber sie sprechen möchte. Angesichts des "einzigartigen globalen Medieninteresses" habe sie sich vor einem "unkontrollierten Zugriff der Medien" schützen wollen, so Ecker.

"Die Polizisten wollten mich fast vor Glück zerquetschen"

Kampusch sitzt auf einem hellen Sessel in einem Raum, der zu einer Art Wohnzimmer umgestaltet wurde. Sie trägt eine lilafarbene Bluse und ein gleichfarbenes Tuch, das ihre Haare verdeckt. Neben ihr steht eine Tischlampe. Kampusch zeigt jene Art von Unsicherheit und Koketterie, die man wohl bei jeder jungen Frau erwarten würde, die zum ersten Mal im Fernsehen interviewt wird. Häufig blickt sie nach rechts und links zu ihren Vertrauten, die - unsichtbar für die Zuschauer - mit ihr im Raum sitzen.

Natascha Kampusch ist bemüht, sich gewählt auszudrücken. Sie spricht von "klaustrophobischen Zuständen", wenn sie die drückende Enge ihres Gefängnisses schildert. Es sind die Worte einer Erwachsenen, begleitet von der Mimik und den Gesten eines Kindes.

Sie berichtet von ersten kleinen Schritten in der Freiheit. So sei sie etwa in Wien mit Sonnenbrille und Kopftuch verkleidet Eis essen gewesen. "Wir sind mit der U-Bahn gefahren", sagt Kampusch. "Es war toll, die Menschen anzulächeln, und keiner hat mich erkannt." Bei der ersten Begegnung mit ihren Eltern habe sie sich "ein bisschen überfordert, beengt gefühlt", sagt sie, "selbst die Polizisten wollten mich fast vor Glück zerquetschen".

Als sie gebeten wird, den Tag ihrer Entführung zu schildern, scheint sie für einen Moment die Fassung zu verlieren, fängt sich jedoch schnell wieder. "Er packte mich. Ich wollte schreien, aber es kam kein Laut raus." Sie sei sich von Beginn an ihrer Lage bewusst gewesen. "Ich dachte mir, der bringt dich sowieso um."

Ihren Entführer will sie augenblicklich durchschaut haben. "Im Prinzip war ich mir schon innerhalb der ersten paar Stunden nach meiner Entführung dessen bewusst, dass ihm was fehlt, dass er ein Defizit hat", sagte die 18-Jährige. Sie habe hingegen ein gutes soziales Umfeld gehabt, eine liebevolle Familie. "Er hatte so was nicht. Ihm fehlte in gewisser Weise so etwas wie Selbstsicherheit."

Etwa ein halbes Jahr habe sie ununterbrochen in dem Kellerverlies, das P. unter der Garage eingerichtet hatte, verbringen müssen, erst dann durfte sie "zum Waschen nach oben". Nach zwei Jahren habe ihr Entführer ihr erlaubt, Radio zu hören, später habe er ihr Ostereier und Weihnachtsgeschenke gegeben. "Ich glaube, er hatte ein sehr schlechtes Gewissen", so Kampusch.

"Ich habe versucht, so zu lächeln, wie auf dem Foto"

Später sei sie gelegentlich mit P. zusammen Einkaufen gewesen, allerdings habe ihr Entführer immer gewollt, dass sie vor ihm geht, "damit er mich im Auge behalten kann". Einmal habe ein Verkäufer in einem Baumarkt sie gefragt, ob er ihr helfen könne, doch ihr Entführer habe sie schnell weggezogen.

Sie habe bei solchen Gelegenheiten immer "versucht, so zu lächeln, wie ich auf dem Foto aussehe, damit die Leute sich an mein Gesicht erinnern". Zu fliehen habe sie nicht gewagt. "Ein Fehlversuch hätte die Gefahr bedeutet, nie mehr aus meinem Verlies herauszukommen", so Kampusch.

Hass auf ihren Entführer zeigt sie nicht, jedoch Mitleid mit dessen Mutter. Sie habe ihr "nicht die andere Seite ihres Sohnes zeigen" wollen. Zu ihren Zukunftsplänen befragt, sagt sie, dass sie Menschen helfen möchte, die Ähnliches durchleiden mussten.

Unerschrocken vor Millionenpublikum

Von ihren eigenen Qualen spricht sie kaum oder nur indirekt. Journalist Feurstein, der das Gespräch sensibel und vorsichtig steuert, drängt seine Interviewpartnerin nicht. "Ich habe in meiner Gefangenschaft oft gehungert", sagt Kampusch. "Ich kann mir vorstellen, dass diese Leute unmenschliche Qualen durchmachen müssen."

Das zehnjährige Mädchen, das vor acht Jahren in einem Kellerverlies verschwand und vor zwei Wochen wie durch ein Wunder als junge Frau in einem Wiener Vorgarten auftauchte, hat sich unerschrocken einem Millionenpublikum gestellt. Wir kennen jetzt ihre Geschichte und ihr Gesicht. Ein mutiges Gesicht, das jedoch trotz aller Beherrschung den erlebten Schrecken nicht verbergen konnte.



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