Von Anna Reimann
Am 22. Juli, um 15.26 Uhr, reißt eine Explosion die Norweger aus der Ferienruhe. Eine Bombe detoniert im Osloer Regierungsviertel, Schutt und Glassplitter fliegen durch die Luft, blutüberströmte Menschen taumeln über die Straßen. Es sind Bilder wie aus dem Krieg, acht Norweger sterben.
Der Terror hat das Land getroffen. Die Täter sind wohl Islamisten, glauben die meisten zunächst.
Anderthalb Stunden später setzt ein großer blonder Mann auf die Fjordinsel Utøya über, sie liegt rund 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Dem Fährmann sagt er, er sei Polizist. Auf der Insel angekommen, fängt er unvermittelt an zu schießen, 69 Menschen bringt er um, die meisten von ihnen Jugendliche.
Nach der Tat ist Norwegen ein anderes Land.
Breivik stürzte das Land in einen Alptraum, wie er schlimmer kaum vorstellbar ist: Die Jugendlichen waren völlig arglos, diskutierten auf der Ferieninsel über soziales Engagement, erlebten vielleicht ihre erste Liebe - als das Böse in die Idylle einbrach.
In den Tagen nach dem Anschlag trauerten die Norweger kollektiv zu der Hymne "Mitt lille land" ("Mein kleines Land"), gesungen von Maria Mena. "Mein kleines Land. Ein kleiner Fleck, eine Handvoll Frieden, hingeworfen zwischen Felsplateau und Fjorde", heißt es in dem Lied. Hunderttausende schauten das dazugehörige Video auf YouTube, unterlegt mit Bildern des Anschlags. Es war ein Abschiedsgesang auf dieses heile Land.
Die Norweger stemmten sich nach den Anschlägen gegen Rachegedanken und verteidigten ihre Freiheit und Toleranz, angeführt von dem zum Landesvater gereiften Premier Jens Stoltenberg. Hysterie war ihnen auch in den schlimmsten Stunden fern - das zeigte sich in kleinen Alltagsgesten: Am Tag nach dem Anschlag servierten die Mitarbeiter des Restaurants auf dem Campingplatz Utvika gegenüber der Insel Utøya wieder Burger und Pommes, tief traurig und trotzdem lächelnd. Sie hatten miterlebt, wie Dutzende Jugendliche, die auf der Flucht vor Breivik ins Wasser sprangen und um ihr Leben schwammen, auf dem Zeltplatz angekommen waren.
Symptomatisch war auch, dass viele Norweger sofort nach dem Terror erklärten: "Zum Glück war es kein Islamist, dann wäre es hier für Ausländer sehr schlimm geworden." Das war ein Gedanke, den man in den Tagen und Wochen danach immer wieder hörte. Im Vordergrund stand für viele der gesellschaftliche Zusammenhalt. Das Gutachten der Gerichtspsychiater, wonach Attentäter Breivik als nicht zurechnungsfähig gilt, ist Ausdruck der Rechtsstaatlichkeit des Landes.
Und dennoch muss die norwegische Politik sich auch Fragen gefallen lassen: War es nicht naiv, dass es im Osloer Regierungsviertel fast keine Sicherheitsvorkehrungen gab? Warum dauerte es so lange, bis die Polizei vor Ort war? Warum wurde Breivik, der angeblich als vierjähriger Junge wegen sexuellen Missbrauchs psychologisch betreut worden war, danach nicht weiter beobachtet? Hat sich Norwegen zu lange vor einer Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut gedrückt? Zumindest für das gesellschaftliche Klima, in dem der Hass Breiviks gedeihen konnte, machen viele die rechtspopulistische Fortschrittspartei mitverantwortlich.
Breiviks Terror betrifft nicht nur Norwegen, die Anschläge sind ein Schock für die gesamte westliche Welt. Nicht nur von Islamisten geht eine Bedrohung aus, sondern genauso von Rechtsradikalen. Das hat Breivik gezeigt - und das zeigen die Neonazi-Morde in Deutschland.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
| alles zum Thema Jahresrückblick 2011 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH