Proteste in den USA Atemlos vor Wut

Die Proteste gegen Polizeigewalt und Willkür in den USA dauern an - und sie erreichen nun auch die Westküste des Landes. In Kalifornien prallten Demonstranten und die Polizei gewaltsam aufeinander.

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Berkeley/Hamburg - Sowohl in der vergangenen Nacht als auch am Sonntag machten Demonstranten in mehreren US-Städten ihrem Unmut in teils gewaltsamen Protesten Luft. Bei einer zunächst friedlichen Demonstration gegen Polizeigewalt kam es in der kalifornischen Universitätsstadt Berkeley in den frühen Morgenstunden zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Die Polizei warf Rauchbomben und setzte Tränengas ein, Demonstranten bewarfen die Beamten mit Steinen, Flaschen und Rohren und beschädigten mehrere Einsatzwagen. Nach Polizeiangaben wurden zwei Polizisten verletzt, außerdem seien Geschäfte geplündert worden.

Auch in Seattle im US-Bundesstaat Washington, in Chicago im Bundesstaat Illinois an der Ostküste der USA protestierten aufgebrachte Bürger. In New York versammelten sich den vierten Tag in Folge Demonstranten, unter anderem am Times Square, am Union Square und im New Yorker Bahnhof Grand Central Terminal.

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Wut über Polizeigewalt: Proteste in den ganzen USA
Auslöser der Massenproteste ist der Tod mehrerer schwarzer US-Bürger bei Polizeikontrollen oder Festnahmen in den vergangenen Monaten. Zuletzt erzürnte die Menschen vor alle die Entscheidung einer Grand Jury, einen mutmaßlich für den Tod des schwarzen New Yorkers Eric Garner verantwortlichen weißen Polizisten nicht anzuklagen.

Der 43-jährige Garner war im Juli in Staten Island von Polizeibeamten des illegalen Zigarettenverkaufs verdächtigt und niedergerungen worden. Garner rief immer wieder "Ich kann nicht atmen", dann starb er an Herzversagen. Rechtsmediziner kamen nach ihrer Untersuchung der Leiche des Asthmatikers Garners zu dem Schluss, es habe sich um ein "Tötungsdelikt" gehandelt. Die Szenen der Festnahme waren später in einem Video öffentlich geworden. "Ich kann nicht atmen" ist seitdem zum Schlachtruf vieler Demonstranten in New York und andere Städten geworden.

Polizisten fühlen sich überrollt

Von den Protesten im ganzen Land zeigte sich die Witwe Garners tief bewegt. Sie zeige aus dem Fenster auf die Demonstranten und sage zu ihrem Sohn: "Sie dir die Liebe an, die sie deinem Vater entgegen bringen." Auch Garners Mutter sagte, es wärme ihr das Herz, dass so viele Menschen für ihren Sohn auf die Straße gingen. Der Präsident der Polizeigewerkschaft Patrick Lynch sagte hingegen, die Polizisten würden durch die Proteste dämonisiert und fühlten sich betrogen. Das sei ein Gefühl, als würden sie "von einem Bus überrollt".

Der Fall Garner ist nicht der einzige, der für Empörung sorgt. In Ferguson war es Ende November zu massiven Protesten gekommen, als eine Jury entschied, den Polizisten nicht anzuklagen, der den 18-jährigen Schwarzen Michael Brown erschossen hatte.

Auch bei der Beisetzung des Ende November durch eine Polizeikugel getöteten schwarzen New Yorkers Akai Gurley machten Bürgerrechtler ihrem Ärger Luft: Der Bürgerrechtsaktivist Kevin Powell sagte bei der Trauerfeier am Sonntag, der Tod Gurleys sei ein Fall "moderner Lynchjustiz".

Gurley war von einem Beamten erschossen worden, als er gerade mit seiner Freundin ein dunkles Treppenhaus hinunterstieg, weil der Fahrstuhl defekt war. Laut einem Bericht der "New York Post" schickte der Polizist nach seinem tödlichen Schuss auf Gurley zuerst eine SMS an seine Gewerkschaft und soll keine Krankenwagen gerufen haben.

Obama: Rassismus in der US-Gesellschaft "tief verwurzelt"

US-Präsident Barack Obama nahm in einem Fernsehinterview mit jungen Bürgerrechtsaktivisten zu der aktuell so hitzig geführten Debatte Stellung: Rassismus und Ungleichbehandlung seien "tief in unserer Gesellschaft und in unserer Geschichte verwurzelt", sagte Obama in einem Interview mit dem Kabelfernsehsender Black Entertainment Television (BET), das in der vergangenen Woche im Weißen Haus aufgezeichnet wurde. Es brauche Zeit und Durchhaltevermögen, um den Rassismus zu besiegen. An die jungen Bürgerrechtsaktivisten gewandt sagte Obama: "Wir können das, was heute geschieht, nicht mit dem vergleichen, was vor 50 Jahren geschehen ist." Im Vergleich seien die Dinge "mancherorts zwar nicht gut, aber besser" als damals.

Mit einem Ende der Proteste ist auch nach diesem Wochenende nicht zu rechnen: Der einflussreiche US-Bürgerrechtler Al Sharpton kündigte an, den Druck auf die amerikanische Regierung erhöhen zu wollen. Er kündigte an, für kommenden Samstag einen Marsch in die amerikanische Hauptstadt Washington im Gedächtnis an Garner, Brown und die anderen Polizeiopfer zu organisieren, um Änderungen auf Bundesebene zu erzwingen.

cht/AP/Reuters

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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amishunderground 07.12.2014
1. Die Aussage des Vertreters ...
... der Polizeigewerkschaft bestätigt, dass das System der lokalen Polizei u.a. wegen mangelnder Ausbildung und Qualitätskontrolle gescheitert ist.
texas_star 07.12.2014
2. so so so...
wenn also ein 18 jaehriger einen Laden ueberfaellt und den Besitzer zu Boden stoesst und danach sich mit dem Cop zofft, ihm eine wischt und versucht die Waffe zu greifen... und dann erschossen wird... dann ist das Rassismus... vielleicht haette man anfangen sollen eben NICHT einen laden zu berauben und NICHT den polizisten koeperlich anzugreifen?
doubletrouble2 07.12.2014
3. Heaven´s Gate
Wenn die Mehrheit der jungen, gebildeten US-Amerikaner/innen bemerkt und zeigen kann, dass ihr Land eigentlich zu einem Polizeistaat geworden ist, kommen die Demokraten in eine Legitimationskrise. Dann schlägt entweder die Stunde der Patrioten, oder es könnte ein neues "Little Rock " entstehen. Letzteres wäre wünschenswert.
sajuz 07.12.2014
4. In den amerikanischen Medien...
... kommt das Problem definierter rüber. Das Problem ist nicht in erster Linie der Rassismus. Sondern, dass die USA - maßgeblich durch den War on Terror - an einem entfesselten Sicherheitsapparat leiden. Da wurden reihenweise winzige Stadtpolizeien mit Panzern und Sturmgewehren aufgerüstet. Sondereinsatzkommandos - die eigentlich nur bei Geiselnahmen oder Exkalationen bei denen bereits geschossen wird - hinzugerufen werden, treten plötzlich Kleindealern die Tür ein, führen einfache Festnahmen durch. Dem unteren Drittel der Gesellschaft wird die Polizei zur Besatzungsmacht. Und das ist es, was das Verhältnis so vergiftet. Ähnliche Effekte gibt es in Deutschland: Wieso geht eine Polizei in Kampfmontur mit Wasserwerfern gegen Rentner und Schüler im Stuttgarter Schlossgarten vor? Wieso sehe ich vor einigen Wochen in Mannheim um die Mittagszeit in den Quadraten Polizisten in Schutzsicheren Westen? Wir alle wissen, dass die Polizisten auf der Straße nicht grade die intellektuelle Elite des Landes bilden. Das sind Bubis anfang 20, oft eher vom Land. Warum sollte es eine gute Idee sein, diesen Leuten übertriebene Macht zu geben? Und an die Kommentatoren unter mir: Wer nach Law-and-Order schreit ist ein Simpl.
dirkozoid 07.12.2014
5. Illinois ist nicht an der Ostküste
aber egal
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