Ermittlungen in Toulouse Was wusste der weiße Emir?

Handelte Mohammed Merah tatsächlich auf eigene Faust? Ohne Mitwisser, ohne Hilfe? Nach dem Ende des Einsatzes beginnen die Ermittler mit der Aufarbeitung der Attentate von Toulouse und Montauban. Im Fokus stehen Merahs Bruder und ein gewisser weißer Emir.

Von , Paris

Ermittlungen in Toulouse: Ein Forensiker in der Nähe von Merahs Wohnung
AFP

Ermittlungen in Toulouse: Ein Forensiker in der Nähe von Merahs Wohnung


"Großes Aufatmen", "Ende eines Alptraums", so titeln die französischen Zeitungen am Tag nach dem Tod des Serienmörders Mohammed Merah, der beim Sprung von seinem Balkon durch die Kugel eines Scharfschützen starb. Doch auf das Ende folgt die Aufarbeitung des Alptraums: Ist es möglich, dass Merah drei Attentate beging, ohne Mitwisser, ohne Hilfe?

Die Ermittler konzentrieren sich nun auf das persönliche Umfeld von Mohammed Merah, 23. Die Aufmerksamkeit der Sicherheitsdienste richtet sich vor allem auf seinen älteren Bruder Abdelkader. Der 29-Jährige und seine gleich alte Lebensgefährtin sind in Polizeigewahrsam und werden von der Kripo und Spezialisten der Anti-Terror-Aufklärung verhört. Auch die Mutter von Merah ist weiterhin in Gewahrsam.

Im Auto von Abdelkader wurden Waffen und Sprengstoff gefunden. Wie sein jüngerer Bruder war auch er als Salafist bei den Behörden bekannt. Abdelkader bestreitet nach übereinstimmenden Berichten französischer Medien, Mohammed in "irgendwelcher Weise geholfen" zu haben. "Abdelkader Merah hatte nicht dasselbe Engagement wie sein jüngerer Bruder", zitiert "Le Parisien" einen Ermittler. "Bei ihm waren die Dinge nicht so tief verankert. Er teilte nicht dieselbe Gewaltbereitschaft." Dennoch schließen die Fahnder nicht aus, dass Abdelkader möglicherweise als "Komplize oder Befehlsgeber" fungiert haben könnte.

Die Merah-Brüder und der Emir von Artigat

Immerhin war Abdelkaders Lebenswandel stärker religiös geprägt als der Mohammeds: Letzterer war bekannt als lockerer Jugendlicher mit Interesse an Mädchen, Motorrädern und Fußball. Abdelkader zählte offenbar zum harten Kern der Fundamentalisten aus Toulouse, die sich in der Moschee Bellefontaine trafen. Die Gruppe flog 2007 auf, nachdem zwei Franzosen an der syrischen Grenze festgenommen worden waren. Eine Reihe von angehenden Dschihadisten wurde verhaftet, ebenso wie ein syrischer Staatsangehöriger, der zu einer muslimischen Gemeinschaft des Ortes Artigat im Departement Ariège gehörte.

Dort, in seinem Bauernhof im Dorf Des Lanes, so seinerzeit die Vermutungen der Staatsanwaltschaft, hatte ein gewisser Olivier Corel mehrere radikale Islamisten beherbergt und auf den Einsatz im Irak vorbereitet. Der gebürtige Syrer, der 1973 mit dem Ziel eines Pharmazie-Studiums nach Frankreich gekommen war und 1983 eingebürgert wurde, geriet damals ins Visier der Ermittler, die ihn verdächtigten, eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Die Untersuchungen liefen allerdings ins Leere.

Abdelkader und Mohammed Merah kannten Corel, der in einschlägigen Kreisen als der "weiße Emir" bezeichnet wird. Demnach waren die beiden Brüder zuletzt im Januar auf dem Bauernhof Corels aufgetaucht, um mit ihm über eine nicht näher genannte religiöse Entscheidung Abdelkaders zu sprechen.

"Wenn man an meine Tür klopft, öffne ich jedem. Ich bin der Sohn eines Beduinen und bei uns gilt die Tradition von Empfang und Gastfreundschaft", so Corel zu "Le Parisien". Zu den Taten Mohammeds habe er "nichts zu sagen".

"Es liegt nicht an mir über diesen Menschen zu urteilen", so der Emir, der auf seinem Hof Tauben und Kälber hält und sich sonst als Händler von Tonwaren verdingt. Er sei kein Spezialist der Rechtssprechung für den Dschihad. "Aber der Koran predigt nicht, dass man Kinder tötet" oder "dass man unbewaffnete Soldaten umbringt."

Trotz dieser Beteuerungen des Emirs: Wenn die Ermittler in Toulouse vorläufig eine mögliche Komplizenschaft des Emirs nicht ausschließen, so bleibt die Frage, warum die Kontakte der Brüder Merah, von denen selbst der Bürgermeister wusste, nicht früher die Aufmerksamkeit der Sicherheitsdienste erregte.

Die Aufarbeitung der Biografie Merahs und seiner Taten wird Frankreich lange beschäftigen. Doch auch der Einsatz der Raid-Spezialkräfte, bei dem am Donnerstagvormittag Mohammed Merah erschossen wurde, sorgt für Diskussionen: Die härtesten Anschuldigungen erhebt Christian Prouteau, Gründer der GIGN (Groupe d'intervention de la Gendarmerie nationale), einer dem Spezialkommando Raid ähnlichen Eliteeinheit.

"Ohne präzises taktisches Schema" sei die Operation in Toulouse ausgeführt worden, rügt der Ex-Kommandant gegenüber dem Regionalblatt "Ouest-France": "Wie kommt es, dass die beste Polizeieinheit nicht in der Lage war, einen einzelnen Mann festzunehmen?", so Prouteau. "Man hätte ihn mit Tränengas in hohen Dosen vollpumpen müssen, dann hätte er es keine fünf Minuten ausgehalten."

Auch ein ehemaliges Raid-Mitglied hatte Kritik geübt, als Mohammed Merah sich noch in seiner Wohnung befand und belagert wurde. "Das ist in die Hose gegangen", sagte der anonyme Ex-Polizist. Man müsse nun Mehras Gefühle ansprechen, ihm zeigen, dass es sich lohne, weiterzuleben. "Man muss ihn beruhigen, auf ihn einreden, dass er sich ohne Risiko ergeben kann."

Doch selbst wenn dies geschehen sein sollte: Merah war dazu nicht bereit, er schoss wie wild auf die Polizisten, als sie in seine Wohnung kamen.



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Methados 23.03.2012
1. .
Zitat von sysopAFPHandelte Mohammed Merah tatsächlich auf eigene Faust? Ohne Mitwisser, ohne Hilfe? Nach dem Ende des Einsatzes beginnen die Ermittler mit der Aufarbeitung der Attentate von Toulouse und Montauban. Im Fokus stehen Merahs Bruder und ein gewisser weißer Emir. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,823284,00.html
dass es sich hier um keinen einzeltäter handelt, dürfte auch dem letzten irealitäts verweigerer klar sein. warum ? man fährt nicht einfach so nach pakistan und lässt sich dort trainieren. mehrmals. man wird dazu auserkoren, was eine vorherige strenge indoktrinierung vorraussetzt. durchgeführt durch leute in den mosheen. man hat auch nicht einfach so ne schutzweste zu hause, geschweige denn die ganzen waffen. das setzt ein gewaltbereites umfeld vorraus, welches höcht warscheinlich ebenso in den örtlichen mosheen zu finden sein wird.
leser008 23.03.2012
2. Auf Dschhadisten nicht vorbereitet
Zitat von sysopAFPHandelte Mohammed Merah tatsächlich auf eigene Faust? Ohne Mitwisser, ohne Hilfe? Nach dem Ende des Einsatzes beginnen die Ermittler mit der Aufarbeitung der Attentate von Toulouse und Montauban. Im Fokus stehen Merahs Bruder und ein gewisser weißer Emir. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,823284,00.html
Die raid Sicherheitskräfte waren mit der speziellen Situation überfordert, weil mental nicht darauf vorbereitet. Dieser Täter wollte sich niemals selber umbringen, sondern von den Polizisten erschossen werden, damit er ins ,naja, Paradies kommt. Dazu kommt, dass er so in der Dschihadisten Szene so ewig als Märtyrer gilt. Mit Amphetaminen hätte der noch min. 24h durchgehalten, aber solange hätte man eben noch abwarten müssen, oder eben Betäubungsgas einsetzen müssen. Der Mann war immerhin allein dort. Ein ewig inhaftierter Täter, der in Haft blödes Zeug erzählt, aussagt und alt wird, hätte für die Szene üble Auswirkungen gehabt.
Bundeskanzler20XX 23.03.2012
3. Es wird immer wieder passieren
Zitat von sysopAFPHandelte Mohammed Merah tatsächlich auf eigene Faust? Ohne Mitwisser, ohne Hilfe? Nach dem Ende des Einsatzes beginnen die Ermittler mit der Aufarbeitung der Attentate von Toulouse und Montauban. Im Fokus stehen Merahs Bruder und ein gewisser weißer Emir. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,823284,00.html
Ich bezweifel auch, dass er ein Einzeltäter war. Vielleicht hat er die Taten alleine begangen, die Ausrüstung und das Training deuten aber auf die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung hin. Daneben zeigt sich wiedermal sehr deutlich wie viel Wert z.B. eine Vorratsdatenspeicherung ist um solche Taten zu verhindern; nämlich garnichts. Entweder haben die Behörden schlicht gepennt oder die Beweise haben nie ausgereicht um eine Razzia durchzuführen, was ich allerdings wieder bezweifel. Es lohnt sich also nicht, die Möglichkeiten der Beweissicherung zu erweitern wenn die nicht ordentlich genutzt werden um Terroristen zu schnappen bevor sie aktiv werden. Eher sollte man das Verfahren für die Genehmigung einer Razzia vereinfachen um solche Terrorhöhlen schneller hochnehmen zu können. Wir müssen uns von dem Gedanken des dummen Terroristen mit beschränktem Weltbild verabschieden. Die Organisationen verfügen über genug Intelligenz um die Gesetze eines Landes gegen uns zu nutzen. Natürlich stellt das den Staat und uns vor das Problem zum einen unsere Freiheit zu bewahren und zum anderen die Sicherheit zu gewähren die möglich und nötig ist. Wir werden es nie verhindern können, dass kleine Gruppen oder einzelne solche Taten begehen, das hat mit Terrorismus nichts zu tun. Wir werden es ebenso wenig schaffen zu verhindern, dass Wahnsinnige in den Besitz von Maschinengewehre kommen. Auch den kauf von Bombenteilen werden wir nie verhindern. Bleibt also die Frage, ob wir uns trotzem vom Staat Gesetze unterjubeln lassen die an die Stasizeit erinnern...
Querkopf_9 23.03.2012
4. Was wusste Sarkozy....
Zitat von Methadosdass es sich hier um keinen einzeltäter handelt, dürfte auch dem letzten irealitäts verweigerer klar sein. warum ? man fährt nicht einfach so nach pakistan und lässt sich dort trainieren. mehrmals. man wird dazu auserkoren, was eine vorherige strenge indoktrinierung vorraussetzt. durchgeführt durch leute in den mosheen. man hat auch nicht einfach so ne schutzweste zu hause, geschweige denn die ganzen waffen. das setzt ein gewaltbereites umfeld vorraus, welches höcht warscheinlich ebenso in den örtlichen mosheen zu finden sein wird.
wäre die Frage. Seine Umfragenwerte müssten doch jetzt in die Höhe gehen....passt dann auch irgendwie wieder wo die Werte doch so weit unten waren. Der ganze Mist erinnert an Spanien,London und sogar den 9/11!
Querkopf_9 23.03.2012
5. Schläfer
Zitat von Querkopf_9wäre die Frage. Seine Umfragenwerte müssten doch jetzt in die Höhe gehen....passt dann auch irgendwie wieder wo die Werte doch so weit unten waren. Der ganze Mist erinnert an Spanien,London und sogar den 9/11!
Um noch einen Drauf zu setzen.... Mohamed Merah war ein Schläfer!!Diese Personen werden immer herangezogen wenn etwas durchgesetzt werden muss oder wie im Fall Sakozys stehen Wahlen an. Ja ja ich weiß....Spinnerrei,Unmöglich das so etwas Politiker machen....ja ja....
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