Ermittler im NSU-Prozess: Die Würde der Semiya Simsek

Von , München

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Semiya Simsek mit Anwalt Jens Rabe (im Mai): "Alle Spuren waren falsch"

Blutrache, Familienstreit, sogar einen Krieg unter Blumenhändlern hielten die Ermittler in der NSU-Mordserie für mögliche Motive - doch Fremdenfeindlichkeit ignorierten sie. Vor Gericht musste ein Kriminalbeamter nun rechtfertigen, warum sie stattdessen Angehörige der Opfer verdächtigten.

Semiya Simsek strahlt vor Genugtuung. Auf diesen 31. Verhandlungstag vor dem Oberlandesgericht München hat die 27-Jährige lange gewartet. Sie war 14 Jahre alt, als ihr Vater, der Blumenhändler Enver Simsek, ermordet wurde. Er soll das erste Todesopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) sein.

"Ich bin sehr froh", sagt Semiya Simsek in einer Verhandlungspause. Sie habe aus dem Mund des zuständigen Ermittlers gehört, "dass die ganzen Ermittlungen und Verdächtigungen, denen wir über Jahre ausgesetzt waren, zu keinem Ergebnis geführt haben." Sie sei erleichtert, dass jetzt "klipp und klar" sei: "Alle Spuren waren falsch."

Semiya Simsek hat an den letzten Prozesstagen nicht teilgenommen, sie ist zurück in die Türkei gegangen, hat dort ihren Sohn Can geboren, das Verfahren aus der Ferne beobachtet. An diesem Donnerstag sitzt sie neben ihren Rechtsanwälten Stephan Lucas und Jens Rabe und wartet auf die Worte aus dem Mund des Mannes, den sie für elf Jahre Schikane, Demütigung und Verleumdung verantwortlich macht: Albert V., Leiter des Kommissariat 11 der Nürnberger Polizei.

Albert V., 51, ein stattlicher Mann mit silbernem Haar und bayerischem Akzent, fasst den Mord an Semiya Simseks Vater sowie die Ermittlungen seiner Dienststelle in Beamtendeutsch zusammen. Er spricht frei, ohne einen Blick in den Aktenordner auf dem Tisch vor sich zu werfen.

Adile Simsek sprach von Fremdenfeindlichkeit

Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft traten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 9. September 2000 zwischen 12.45 Uhr und 14.45 Uhr an den Laderaum von Enver Simseks Transporter, der an der vielbefahrenen Liegnitzer Straße in Nürnberg parkte. Der Blumenhändler sortierte seine Ware, vor dem Wagen standen die gebundenen Sträuße, die er zum Verkauf anbot. Einer der Täter feuerte unvermittelt, aus kurzer Entfernung und in schneller Folge sechs Schüsse aus der Ceska 83 auf den Kopf des 38-Jährigen, dieser stürzte. Der zweite Täter schoss daraufhin aus einer Pistole Bruni drei weitere Male auf den am Boden des Fahrzeugs Liegenden. Sie fotografierten ihr schwerverletztes Opfer, schlossen die Tür des Sprinters und flüchteten. Enver Simsek starb zwei Tage nach dem Attentat.

Die Familie Simsek verlor erst einen Vater und Ehemann, dann wurde sie auch noch ihrer Würde beraubt. Deshalb sitzt Semiya Simsek da, fixiert den Kriminalbeamten Albert V. und wartet auf seine Antworten. Sie will wissen, warum ihre Familie monatelang abgehört wurde, warum ihre Mutter und ihr Onkel unter Verdacht standen - und warum kein Ermittler das Motiv verfolgte, das ihre Mutter Adile äußerte: Fremdenfeindlichkeit.

Albert V. war in die kompletten und definitiv ergebnislosen Ermittlungen zur Mordserie eingebunden, die mit der Ceska 83 verübt wurden: Von Soko "Schneider" über Soko "Halbmond" bis hin zur BAO "Bosporus" suchte der 51-Jährige nach dem Täter oder den Tätern - und nach Verbindungen zu Organisierter Kriminalität, fremdenfeindliche Hintergründe sahen die Beamten nicht.

Am Donnerstag hat es zunächst den Anschein, als würde Albert V. dort weitermachen, wo er in bereits zwei Untersuchungsausschüssen aufgehört hat: Sich unreflektiert für die katastrophale Ermittlungsarbeit zu rechtfertigen.

Ermittlungen in "Blumenhändlerkreisen"

Enver Simsek sei den Erkenntnissen zufolge in beruflicher Hinsicht "sehr zielstrebig, sehr arbeitsam, sehr durchsetzungsfähig", in der islamischen Gemeinde "sehr beliebt" und ein "sehr liebevoller Familienvater" gewesen. Zudem ein "streng gläubiger Moslem, der keine Feinde hatte". Sein Großhandel sei gut gelaufen, einmal pro Woche sei der 38-Jährige mit seinem Kühl-Lkw nach Holland gefahren, habe Schnittblumen ersteigert und im hessischen Schlüchtern, wo er mit seiner Familie lebte, von türkischen Hausfrauen zu Blumensträußen binden lassen. Bis zu 60 Blumenverkäufer hätten ihm seine Ware abgekauft, dennoch habe Enver Simsek den Großhandel an Cousins verkaufen wollen. Das kam Albert V. "auffällig" vor.

Zudem habe die Soko aus "Blumenhändlerkreisen" vernommen, dass Enver Simsek eine Freundin gehabt habe. Dazu passte ein Zettel, den die Ermittler nach der Tat im Lieferwagen fanden: "Komm zurück, Liebling." "Das kann man als Liebesbrief deuten", so Albert V. Doch das Motiv habe sich zerschlagen.

Ein Schwager des Opfers habe den Verdacht geäußert, dass ein konkurrierender Blumenhändler hinter der Tat stecken könne. Auch "Blutrache" war ein Thema: Enver Simseks Vater soll vor 40 Jahren in der Türkei einen Mann getötet haben, dessen Angehörige nun in München lebten. Auch diese Spuren verflüchtigten sich.

"Wann wurde gezielt wegen des Motivs der Fremdenfeindlichkeit ermittelt?", will Nebenklagevertreter Lucas wissen. Es habe keine Hinweise dafür gegeben, sagt Albert V. Deshalb habe man in diese Richtung nicht ermittelt.

Vielmehr konzentrierten sich die bayerischen Ermittler noch mehr auf die Verwandtschaft. "Nach verschiedenen Vernehmungen im Bekanntenkreis, der Witwe und der Brüder hatten wir den Verdacht, da ist mehr Hintergrundwissen da als mitgeteilt", sagt Albert V.

"Dafür gab es keine konkreten Hinweise"

Welche Hinweise habe es denn gegeben, die eine so "massive Maßnahme" wie eine Telefonüberwachung rechtfertigten, hakt Rechtsanwalt Lucas nach. Der Kriminalbeamte gerät ins Schwimmen und muss schließlich einräumen: Es habe nur Vermutungen gegeben, dass die Familie Simsek an kriminellen Machenschaften beteiligt oder gar Opfer einer Erpressung sei.

Was war mit den Aussagen zweier Zeugen, die im Tatzeitraum nahe dem Tatort zwei Radfahrer gesehen haben wollen? Darauf habe es trotz Öffentlichkeitsfahndung keine Hinweise gegeben - anders als zur Organisierten Kriminalität, sagt Albert V.

Ja, die Ehefrau Adile Simsek habe die Vermutung der Fremdenfeindlichkeit geäußert. "Aber dafür gab es keine konkreten Hinweise", wiederholt sich Albert V.. Es sei zudem auch so, dass bei Tötungsdelikten die Anzahl der Beziehungstaten extrem hoch seien. "Meinen Erkenntnissen nach zwischen 60 und 70 Prozent."

"Haben Sie auch Erkenntnisse darüber, wie oft bei Beziehungstaten solch eine Mordserie folgt?", fragt Nebenklagevertreter Yavuz Narin. "Eine Serie ist mir nicht bekannt", antwortet Albert V. schmallippig.

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