Ermittlerirrtum "Heilbronner Phantom" "Das hätte nicht passieren dürfen"

Der Spuk ist vorbei: Monatelang hielt das "Phantom von Heilbronn" Ermittler auf Trab - jetzt erklärte Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll das Rätsel für gelöst: Die mysteriöse Tatverdächtige in mehreren Mordfällen hat es wohl nie gegeben, vermeintliche DNA-Spuren waren Verunreinigungen.


Stuttgart - Goll bestätigte am Donnerstag in Stuttgart, dass die an Dutzenden Tatorten gefundenen DNA-Spuren nicht von der angeblichen Serientäterin stammten, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auf Verunreinigungen von Wattestäbchen der Spurensicherung zurückzuführen sind.

Die neuen Erkenntnisse seien von "einer hohe Plausibilität", sagte Goll und räumte ein: "Das hätte natürlich nicht passieren dürfen". Den Ermittlern dürfe daraus aber kein Vorwurf gemacht werden. Sie hätten nichts falsch gemacht. "Die sehen es einem Wattestäbchen ja nicht an, dass da schon was dran ist."

Sollte die Wattestäbchen-Variante stimmen, müssten in DNA-Untersuchungen neue Sicherungsverfahren eingebaut werden, forderte der Justizminister. Alle Beteiligten müssten sich zudem nochmals klar machen, dass man mit DNA auch falsche Spuren legen kann.

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech hingegen hielt sich zunächst bedeckt: "Wir müssen das Ergebnis der Ermittlungsbehörden abwarten", sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in Stuttgart. "Voreilige Schlussfolgerungen waren und sind nicht angebracht." Die Möglichkeit einer Verunreinigung von Wattestäbchen werde schon seit April 2008 intensiv untersucht. Das "Phantom" wurde mit mehreren Morden und zahlreichen Einbrüchen in Verbindung gebracht. An mindestens 40 verschiedenen Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Österreich waren die DNA-Spuren des "Phantoms" gefunden worden.

Die Online-Ausgabe des "Stern" hatte berichtet, dass es sich bei der gefundenen DNA um die einer Packerin handeln, die bei einem Hersteller für Medizinalbedarf arbeitet. Dem Bericht zufolge sind solche Wattestäbchen zwar sterilisiert. DNA-Verunreinigungen durch Körperzellen würden dadurch aber nicht beeinflusst, sagte Christian Ruef vom Universitätsspital Zürich "stern.de". Laut Informationen der "Bild"-Zeitung soll es sich bei dem betreffenden Unternehmen um eine Hamburger Firma handeln, die Dienststellen in verschiedenen Bundesländern sowie Frankreich und Österreich beliefert.

Experten fordern Einführung eines DNA-Gütesiegels

Der baden-württembergische Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Josef Schneider, sagte der Nachrichtenagentur dpa, wenn es sicher sei, dass die Spuren von einer Dame stammten, die die Wattestäbchen verpackt habe, so sei dies "eine sehr peinliche Geschichte".

GdP-Sprecher Rüdiger Holecek sagte am Donnerstag, es werde sicherlich recht schnell feststehen, zu wem die Spuren passten. "Die Polizei muss sich darauf verlassen können, dass das Arbeitsmaterial einwandfrei ist." Der Sprecher sagte, es sei schon längere Zeit in Polizeikreisen diskutiert worden, dass bei der Häufigkeit der DNA-Treffer und den unterschiedlichen Tatorten etwas nicht stimmen könne. Die Verdachtsmomente gebe es schon länger.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte die Einführung eines DNA-Gütesiegels, um die Möglichkeit von Falschanalysen wegen Verunreinigungen auszuschließen. "Die Hersteller sollten den Packungen DNA-Merkmale der beteiligten Mitarbeiter als Code beilegen", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen den "Stuttgarter Nachrichten" zufolge, "damit könnte diese Spur gleich ausgeschlossen werden."

Schon lange würden auch bei der Sicherung von Fingerspuren Merkmale des sachbearbeitenden Polizisten vermerkt, um nicht versehentlich nach den eigenen Leuten zu fahnden. Dass mit den immer besseren Methoden des genetischen Fingerabdrucks auch Gefahren von Fehlern heraufbeschworen werden, hatte der BKA-Experte und Serologe Hermann Schmitter dem Blatt zufolge bereits vor einiger Zeit festgestellt. "Die Untersuchungsmethoden sind derart verbessert und empfindlich geworden, dass sich die Frage stellt, was überhaupt spurenrelevant ist." Die wesentliche Arbeit im Labor sei nicht, alle gefundenen Spuren auszuwerten, sondern zu klären, "was überhaupt ins Reagenzglas gehört".

DNA-Verunreinigung schon beim Baumwollpflücken möglich

Die Polizei hatte das "Phantom" unter anderem verdächtigt, Ende April 2007 in Heilbronn eine 22 Jahre alte Polizistin kaltblütig erschossen zu haben. Bereits seit einiger Zeit räumten die Ermittler jedoch ein, in dem Fall zunehmend ratlos zu sein.

Wie die Heilbronner Anklagebehörde berichtete, geht das LKA bereits seit April 2008 der Möglichkeit einer Fremdverunreinigung nach. Dabei arbeiteten die Ermittler mit dem Bundeskriminalamt (BKA), den Landeskriminalämtern Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und dem Landeskriminalamt Oberösterreich zusammen. Im Kriminaltechnischen Institut des LKA seien mehrere hundert unbenutzte Wattestäbchen als sogenannte Leerproben untersucht worden. "Diese Untersuchungen verliefen ohne Ergebnis und ergaben keinen Hinweis auf Fremdkontaminationen", heißt es in der Mitteilung weiter.

Erste Zweifel waren den Ermittlern gekommen, als sie klären wollten, ob es sich bei einer verbrannten Leiche um einen im Jahr 2002 verschwundenen Asylbewerber handelte. Die Untersuchung des Fingerabdrucks ergab am 19. März eine Übereinstimmung mit der DNA der Phantomtäterin, "was eigentlich nicht sein konnte", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ernst Meiners.

Bei einer erneuten Untersuchung fand sich die DNA nicht mehr. Dies steht seit Donnerstag vergangener Woche fest. Daraufhin kam der Verdacht auf, dass das Untersuchungsmaterial der Ermittler bereits mit DNA in Berührung gekommen sein muss. Dies könne theoretisch schon beim Pflücken der Baumwolle geschehen, sagte Meiners. Die Herstellung der Wattestäbchen wird nun überprüft. Wie lange dies dauere, könne noch nicht gesagt werden.

ala/dpa/AP

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