Rätselhafter Tod von russischem Informanten: "Herausfinden, ob etwas faul ist"

Großbritannien rätselt über den Tod des 44-jährigen Russen Alexander Perepilitschnij, der den Schweizer Steuerbehörden Beweise für einen Millionensteuerbetrug und Geldwäsche zugespielt hatte. Londoner Konservative fordern eine lückenlose Aufklärung, Moskau gibt sich gewohnt wortkarg.

Amateuraufnahme aus Weybridge, wo der Informant Perepilitschnij in einer Villa wohnte Zur Großansicht
REUTERS

Amateuraufnahme aus Weybridge, wo der Informant Perepilitschnij in einer Villa wohnte

London - Der Druck auf die Polizei in der Grafschaft Surrey steigt: Am 10. November hatten Beamte in einem Villenviertel des südenglischen Weybridge die Leiche des russischen "Superzeugen" Alexander Perepilitschnij gefunden. Eine erste Untersuchung des Toten verlief den Behörden zufolge "ergebnislos".

Als jedoch bekannt wurde, um wen es sich offenbar handelt - nämlich einen mit der russischen Finanz- und Unterwelt gut vertrauten Informanten der Schweizer Steuerbehörden - wurden Fragen laut. Starb Perepilitschnij, dem Vernehmen nach ein gesunder 44-Jähriger, eines natürlichen Todes? Oder wurde er ermordet?

Perepilitschnij hatte in England Zuflucht gesucht, nachdem er die Namen von russischen Staatsdienern an die Schweizer Ermittlungsbehörden weitergegeben hatte. Sie sollen Steuerbetrug in dreistelliger Millionenhöhe begangen und das Geld über Schweizer Konten gewaschen haben.

Unter den Verdächtigen ist die hochrangige Steuerbeamtin Olga S., deren Name auf einer Liste des US-Außenministeriums steht, die Einreisebeschränkungen für insgesamt 60 russische Amtsträger vorsieht. Auch Führungspersönlichkeiten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB sind hier verzeichnet. Sie alle sollen in Verbindung stehen mit dem Tod des Anwalts Sergej Magnitskij, der in derselben Sache ermittelt hatte, verhaftet wurde und unter ungeklärten Umständen im Gefängnis starb. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hatte den Fall Magnitskij einst als beispielhaft dafür bezeichnet, was im modernen Russland falsch laufe.

Die Schweizer Generalstaatsanwaltschaft bestätigte, dass die Ermittlungen andauerten und verschiedene Zeugen gehört würden. Es seien bereits Konten gesperrt und verdächtige Kontobewegungen analysiert worden. Den Ermittlern zufolge haben die russischen Behörden Akteneinsicht beantragt.

Der konservative britische Abgeordnete Dominic Raab hatte bereits Sanktionen gegen russische Beamte gefordert, die mit dem Fall Magnitskij in Verbindung stehen. Gestern rief er Innenministerin Theresa May dazu auf, alle verfügbaren Ressourcen zu nutzen, um den Tod von Perepilitschnij aufzuklären. Es sei bereits der vierte ungeklärte Todesfall im der Sache Magnitskij, zitiert der "Independent" aus einem Brief des Abgeordneten. "Es ist unabdingbar, dass alle lokalen und nationalen Behörden sich bemühen herauszufinden, ob etwas faul ist am Tod von Perepilitschnij."

Die englische Polizei wartet jetzt auf die Ergebnisse der toxikologischen Tests. Angeblich sollen sie Antiterror-Experten in der Sache zu Rate gezogen haben.

Die in Großbritannien grassierende Aufregung wollte sich in Russland nicht einstellen. Ein Sprecher des Innenministeriums erklärte kurz und knapp, dass Perepilitschnij nicht mit dem Fall Magnitskij in Verbindung stehe. Kirill Kabanow, der dem Antikorruptionskomitee vorsteht, orakelte, dass das Ableben des Geschäftsmannes nicht den Verdächtigen im Fall Magnitskij nutze, sondern "irgendeinem einem Dritten, der einfach nur banale politische Ziele verfolgt."

William Browder, CEO des britischen Investmentfonds Hermitage Capital Management, hatte Magnitskij einst mit den Ermittlungen im Steuerbetrug beauftragt. Er bestätigte, dass seine Firma auch mit Perepilitschnij zusammengearbeitet und 2011 ein Dossier an die Schweizer Behörden geschickt habe. "Alexander Perepilitschnij kontaktierte uns 2010 als Informant mit Beweisen für eine Komplizenschaft von mehreren russischen Regierungsbeamten beim Diebstahl von umgerechnet 230 Millionen Dollar, den Magnitskij aufgedeckt hatte", zitiert ihn der "Independent".

Immer wieder sterben wohlhabende und einflussreiche russische Exilanten in Großbritannien unter mysteriösen Umständen. In diesem Monat jährt sich der Tod von Alexander Litwinenko zum sechsten Mal. Der ehemalige KGB-Agent wurde mit radioaktivem Polonium vergiftet, das ihm offenbar jemand in den Tee schüttete. Der russische Banker German Gorbuntsow entkam in diesem Jahr nur knapp dem Tode, als jemand mehrfach auf ihn schoss.

ala

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