Ermittlungen in Döner-Mordserie: Rechtes Rätsel 

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Sie töteten Ausländer offenbar aus rechtsextremistischer Gesinnung, die Ermittler sprechen von organisiertem Terror. Doch es gab nie ein Bekennerschreiben der rechten Jenaer Zelle: Die Verbrechen wurden scheinbar planlos verübt, die Opfer willkürlich ausgewählt - wie passt das zusammen?

Neue Spuren: Döner-Morde - Spur im rechtsextremen Milieu Fotos
dapd

Der entscheidende Hinweis wurde vielerorts vermutet, in der Schweiz, hinter der Mauer einer romantischen Villa am Bodensee, in den Reihen der Organisierten Kriminalität, im Drogenmilieu. Jahrelang waren Dutzende Ermittler damit beschäftigt, eine der mysteriösesten Verbrechensserien der Bundesrepublik aufzuklären. Neun ausländische Kleinunternehmer wurden erschossen, acht Türken, ein Grieche, zwischen September 2000 und April 2006, zwischen Hamburg und Nürnberg, alle aus nächster Nähe, alle am hellichten Tag, alle mit einer Pistole aus tschechischer Produktion, Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Es waren regelrechte Exekutionen, die Täter gingen äußerst brutal vor.

Das Motiv hinter den Taten: zunächst völlig unklar.

War es ein Einzeltäter, der seine Opfer zufällig auswählte? Ein Auftragskiller, der den Opfern auf den Hals gehetzt worden war? Ging es um Schulden aus kriminellen Geschäften, Fehden, Rache an Abtrünnigen?

Fünf Jahre, nachdem der letzte der sogenannten Döner-Morde im April 2006 begangen worden war, herrscht nun offenbar Klarheit. Eine rechtsextreme Terrorzelle soll hinter den Taten stecken. In dem Schutt einer explodierten Wohnung in Zwickau fanden Fahnder die Waffe, mit der die Taten begangen wurden.

In den Trümmern: DVDs des "Nationalsozialistischen Untergrunds"

Am 5. November flog das Haus in der Frühlingsstraße in die Luft, Beate Zschäpe, die dort selbst wohnte, soll es angezündet haben. Sie stellte sich später der Polizei, schweigt aber seither zu den Vorwürfen. In den Trümmern fanden die Ermittler nun, was sie eher hinter noblen Villenmauern in der Schweiz vermuteten: die Spur zu den Döner-Morden.

Was spricht für einen rechtsextremen Hintergrund der Taten?

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lebten gemeinsam in Zwickau, in den neunziger Jahren waren sie in der Neonazi-Szene aktiv, bauten Bomben, waren Teil des "Thüringer Heimatschutzes", eines Zusammenschlusses von Kameradschaften. Im Januar 1997 wurde ein Verfahren gegen das Trio eingeleitet. Die drei hatten Briefbombenattrappen an die "Thüringische Landeszeitung", die Stadtverwaltung und die Polizeidirektion Jena verschickt. Auf dem Theatervorplatz in Jena legten sie in einem Koffer einen selbstgebauten Sprengsatz ab, darauf gepinselt ein Hakenkreuz. In der Sendung "Kripo Live" fahndete der MDR nach Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt, das Landeskriminalamt wurde eingeschaltet.

Polizisten durchsuchten die Wohnräume und die Garage der drei Rechtsextremen in Jena - sie fanden einsatzbereite Rohrbomben, 1,4 Kilo TNT und Propagandamaterial. Es erging Haftbefehl, doch zu einer Festnahme kam es nicht. Obwohl sie schon vor der Durchsuchung observiert worden waren, konnten die drei entkommen.

Das Trio ging in den Untergrund, zog später in die Frühlingsstraße. In der Asche des abgebrannten Gebäudes fanden Ermittler nicht nur die Tatwaffe, sondern auch Beweise, die auf eine rechtsextremistische Motivation der Morde hindeuten und auf eine Terrorzelle namens "Nationalsozialistischer Untergrund". DVDs sollen Bezüge zu den Döner-Morden enthalten.

Waren die beiden Männer Auftragskiller?

Zu einem rechtsextremen Hintergrund passt, dass alle Taten am Tag verübt wurden - wer sein Verbrechen verbergen will, handelt nachts, im Dunkeln, im Verborgenen. Wer am Tag agiert, setzt ein deutlicheres Zeichen, sendet die stärkere Botschaft, verbreitet mehr Schrecken. Die von den dreien nach Meinung der Ermittler ebenfalls begangenen Banküberfälle könnten dazu gedient haben, das Leben im Untergrund zu finanzieren.

Die Polizei will nun auch zwei Anschläge in Nordrhein-Westfalen erneut untersuchen: Im Juni 2004 detonierte in der Kölner Keupstraße, die überwiegend von Türken bewohnt wird, eine Nagelbombe. 22 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Im Jahr 2000 explodierte an einer Düsseldorfer S-Bahn-Station ein Sprengsatz, der in einer Plastiktüte versteckt war. Zehn jüdische Aussiedler wurden verletzt, eine Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Das Innenministerium NRW hat die Staatsschutzabteilungen der Polizei angewiesen zu überprüfen, für welche Taten der vergangenen Jahre Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt noch in Frage kommen könnten. Innenminister Ralf Jäger sagt: "Aus Rechtsextremisten sind Terroristen geworden."

Wie wahrscheinlich ist es aber, dass das Trio planvoll vorging?

Bei den Döner-Morden lässt sich kein zeitliches Muster erkennen: Zwischen den Taten lagen manchmal Tage, manchmal Jahre. Die Tatorte stehen in keinem erkennbaren Zusammenhang. Fraglich ist auch, warum die Mordserie vor fünf Jahren plötzlich abriss.

Die Täter galten als "äußerst brutal"

Bislang können sich viele Beamte keinen Reim darauf machen, dass es niemals Bekennerschreiben zu den sogenannten Döner-Morden gab. Wäre einer Terrorzelle daran gelegen, nicht nur im Untergrund zu agieren, sondern auch die Taten so zu verüben, dass die Botschaft im Verborgenen bleibt?

"Wie will man Terror verbreiten, wenn die Öffentlichkeit gar nicht erfährt, dass es sich um Terrorakte handelt?", fragt ein Fahnder. Und auch in der mit V-Leuten gespickten rechten Szene schwiegen die mutmaßlichen Mörder offenkundig über ihre Verbrechen. Tut man das, wenn man doch eigentlich mit Gleichgesinnten ein verhasstes System stürzen will?

Hinzu kommt, dass gewaltsame Angriffe, Mordanschläge gar, von Rechten auf Polizisten bislang ausgesprochen selten waren und sich eher gegen Fachermittler oder wie im Fall Mannichl gegen Führungskräfte richteten.

Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. aber waren sehr junge, als Streifenbeamte eingesetzte Bereitschaftspolizisten, die von ihren Mördern überrascht wurden. Seltsamerweise jedoch stammte die Polizeimeisterin ebenso wie die mutmaßlichen Täter aus Thüringen. Auch das beschäftigt die Ermittler.

So erscheinen auch die Umstände der gewaltsamen Tode Mundlos' und Böhnhardts rätselhaft. Einem Ermittler zufolge deutet die Spurenlage in dem Wohnmobil, in dem die Leichen der beiden gefunden wurden, nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Suizid hin. Überhaupt: Warum sollten sich zwei mutmaßliche Schwerkriminelle nach einem geglückten Banküberfall umbringen? Aus Reue? Aus Angst vor der Polizei?

In Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben die beiden Männer vermutlich gemeinsam 14 Banken ausgeraubt. Einmal schossen sie dabei einen Auszubildenden an. Die Polizei nannte das Duo, das immer mit Fahrrädern floh, "äußerst brutal".

Millionen Daten

Auch soll Beate Zschäpe, die anscheinend sehr überstürzt in Begleitung eines Familienrechtlers bei der Polizei aufgelaufen war, bei den Sicherheitskräften Schutz gesucht haben. Warum stellte sie sich plötzlich? Und steckt sie wirklich hinter den Bränden in Wohnung und Wohnwagen, die ihr bislang zugeschrieben werden? Manche Fahnder bezweifeln das.

Ein besonderes Problem bei den Ermittlungen wird sein, die Erkenntnisse der beteiligten Dienststellen von Polizei, Justiz und des Verfassungsschutzes in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen sowie die des Bundeskriminalamts zusammenzuführen. Allein die Sonderkommission "Bosporus" bei der Polizei Nürnberg, die über viele Jahre die Ermittlungen im Fall der Döner-Morde führte, hockte zeitweilig auf Millionen Daten und mehr als tausend Aktenordnern.

Eine andere Frage ist: Warum behielten die mutmaßlichen Killer, die sich doch anscheinend nirgendwo mit ihren Taten gebrüstet hatten, ausgerechnet die Waffen, die sie mit zehn Morden in Verbindung bringen konnten? Und warum bewahrten sie sie auch noch in ihrer unmittelbaren Umgebung auf? Auf die Antworten der Behörden darf man gespannt sein.

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Kriminalfall: Der Heilbronner Polizistenmord
Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.