Ermittlungen in Heidelberg Bundespolizei soll afrikanischen Studenten misshandelt haben

Im beschaulichen Heidelberg sorgt ein angeblicher brutaler Übergriff von Bundespolizisten auf einen Studenten aus Kamerun für Aufregung. Der Mathematiker soll dabei eine Gesichtsfraktur erlitten haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt - die beteiligten Beamten bestreiten die Vorwürfe.

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Hamburg - Asante B.* sagt, er habe Angst. Zwar sitzt er bereits wieder in der Bibliothek der Universität Heidelberg, lernt, schreibt an seiner Doktorarbeit - doch die Vorfälle in der Nacht zum 9. Mai haben sein Leben entscheidend verändert.

Der Student aus Kamerun behauptet, er sei von Beamten der Bundespolizei auf der Wache im Hauptbahnhof Heidelberg mit Handschellen gefesselt und mit einem Schlag aufs Auge schwer verletzt worden.

Zu dem Vorfall sei es bei einer Routinekontrolle am 8. Mai gekommen. Der Diplom-Mathematiker, der an der Universität Heidelberg promoviert, wohnt im 20 Kilometer entfernten Mannheim. Er war an jenem Freitagabend auf dem Heimweg. Er hatte nach einem Aufenthalt im Labor der Universität noch seinen jüngeren Bruder, der in einem Studentenwohnheim in Heidelberg lebt, besucht. B. wollte den Zug um 0.05 Uhr erreichen. Er nahm den Bus um 23.41 Uhr, 14 Minuten später stieg er aus. Am Eingang des Hauptbahnhofes wollten Beamte seine Papiere sehen.

Der 32-Jährige habe einen Studentenausweis, eine BahnCard, eine Bankkarte und seine Sozialversicherungskarte vorweisen können, aber keinen Pass dabeigehabt, erklärt Roland Siewe, ein enger Freund und Landsmann des Kameruners, SPIEGEL ONLINE. Siewe selbst war bei dem Zusammentreffen nicht dabei, kennt die Details jedoch aus B.s Schilderungen.

Obwohl zwei der Ausweise mit Lichtbild versehen sind, habe das den Beamten nicht genügt, deshalb habe B. auf die Wache mitkommen müssen. Dies habe ihm nicht gepasst, weil er seinen Zug nicht versäumen wollte. "Sie haben ihn die wenigen Meter zur Wache geschleppt. Die Treppe dort ging er jedoch alleine hoch, er händigte ihnen wie gefordert seinen Rucksack aus und wartete, während die Beamten seine Daten in den Computer eingaben", sagt B.s Freund Siewe.

Die Computerabfrage habe B.s Angaben bestätigt. Als einer der Beamten den Geldbeutel wieder auf den Rucksack gelegt habe, habe der Kameruner gedacht, die Kontrolle sei beendet und habe gehen wollen. Doch die Beamten hätten ihn nicht gehen lassen, ein weiteres Mal hätten sie den Rucksack filzen wollen. B. habe sich dagegen gewehrt.

Daraufhin sei die Lage eskaliert: "Ein Beamter packte ihn links, einer rechts, sie bogen ihm die Arme nach hinten und verpassten ihm Handschellen und ein dritter schlug ihm frontal ins Gesicht", sagt Siewe. Der Polizist habe dabei so stark zugeschlagen, dass er sich an den Fingern verletzt habe. B. selbst habe solche Schmerzen gehabt, dass er sich still - und ängstlich - wieder gesetzt habe.

Die Beamten hätten fünf weitere Kollegen zur Verstärkung angefordert und von B. verlangt, sich einer Blutabnahme zu unterziehen. Der 32-Jährige wehrte sich zunächst, weil sich der Arzt ihm gegenüber nicht habe ausweisen wollen und weil er keinen Grund für die Entnahme sah.

"Ihr Bruder ist aggressiv"

Als man ihm die Handschellen angenommen habe, so schildert es B.s Freund Siewe, verständigte B. seinen jüngeren Bruder, der mit seiner Freundin per Taxi sofort zum Bahnhof eilte. Auf die Frage des Bruders, warum B. sich Blut abnehmen lassen solle, habe einer der Beamten geantwortet: "Ihr Bruder ist aggressiv." Auf Anraten seines Bruders habe B. die Blutabnahme dann über sich ergehen lassen. "Sie befürchteten, es könnte bei weiterem Widerstand etwas Schlimmeres passieren", sagt Siewe.

Nach der Blutentnahme habe B. die Wache verlassen dürfen. Sein Bruder brachte ihn in die Notaufnahme der Kopfklinik des Universitätsklinikums Heidelberg. Dort wurde er mit Schmerzmitteln versorgt und nach Hause geschickt. Gegen 5 Uhr in der Früh sei B. mit einem Taxi von Heidelberg nach Mannheim gefahren.

Als er am nächsten Tag aufgewacht sei, habe er starkes Nasenbluten gehabt und Blut gespuckt. Erneut suchte er die Kopfklinik auf, dabei sei der Bruch des mittleren Gesichtsknochens festgestellt worden. Fast fünf Tage habe man ihn stationär aufgenommen. Sein Freund Siewe besuchte ihn in dieser Zeit zweimal.

Strafanzeige erstellte nicht B., sondern die Bundespolizei

Steffen Zaiser, Sprecher der Bundespolizei in Stuttgart, widerspricht B.s Darstellung in wesentlichen Punkten und sagte SPIEGEL ONLINE: "Der Student hat sich trotz mehrfacher Aufforderung geweigert, sich auszuweisen und versucht, sich der Kontrolle zu entziehen." An den Armen habe man ihn deshalb auf die Wache geführt. "Dort leistete er massiven Widerstand, trat und schlug um sich."

B. habe die Polizisten zudem als "Mörder" bepöbelt und bespuckt. "Er musste mehrmals beruhigt und festgehalten werden", erklärt Zaiser. Man habe Unterstützung von der Landespolizei angefordert. Insgesamt seien sechs Beamte nötig gewesen, um den Afrikaner zu bändigen. Drei davon hätten Prellungen und Kratzwunden, einer der Beamten gar eine Kapselverletzung an der Hand erlitten.

Die Bundespolizei habe bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg gegen den Kameruner wegen Widerstandes gegen Polizeibeamte sowie Körperverletzung Anzeige erstattet.

"Einer der Beamten soll die Fraktur verursacht haben", sagt Zaiser. "Ich kann nicht bestätigen, dass es eine Fraktur gibt. Wir schließen aber auch nicht aus, dass es eine Verletzung in Folge des Widerstandes ist. Deshalb wird der Vorfall derzeit intern untersucht."

Außer der körperlichen Verletzung habe B., der seit zehn Jahren in Deutschland lebt, auch enorme psychische Beeinträchtigungen davongetragen, sagt sein Bruder. Für ein persönliches Gespräch mit SPIEGEL ONLINE war B. nicht bereit. "Es geht ihm nicht gut, er hat noch immer Schmerzen." Hinzukomme, dass die Förderung seiner Doktorandenstelle noch nicht bewilligt sei. "Für ihn geht es um seine Zukunft."

"Er ist ein richtiger Mathematiker, mit Formeln im Kopf"

Publik wurde der Fall nur, weil der 32-jährige Doktorand - unterstützt vom Verein afrikanischer Studenten an der Universität Heidelberg (Vasuh) - bei einer öffentlichen Gemeinderatssitzung im Großen Saal im Rathaus eine Petition einreichte und im Rahmen der öffentlichen Bürgersprechstunde sein Anliegen vortrug.

Heidelbergs Bürgermeister für Integration, Chancengleichheit und Bürgerdienste, Wolfgang Erichson, betonte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Einmaligkeit des Vorfalls. Vergleichbares sei in Heidelberg noch nicht vorgekommen. "Gerade weil die Betroffenheit bei afrikanischen und anderen ausländischen Studentinnen und Studenten so groß ist, erscheint es besonders wichtig, dass die Ereignisse schnell und lückenlos aufgeklärt werden."

Bisher hat B. noch keine Strafanzeige gestellt, dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft Heidelberg. "Es besteht der Anfangsverdacht einer Straftat, wir gehen den Vorwürfen nach, haben ein Ermittlungsverfahren eingeleitet", sagte Oberstaatsanwältin Kerstin Anderson SPIEGEL ONLINE. Die Anzeige der Bundespolizei war am Donnerstag noch nicht eingetroffen.

Die afrikanischen Studenten, die den Vorfall in der Bürgerfragestunde vortrugen, schildern B. als friedfertigen Kommilitonen. "Er ist ein richtiger Mathematiker, der mit seinen Formeln im Kopf lebt", sagt Siewe. Er kümmere sich liebevoll um sein Kind, das er manchmal auch mit an die Uni bringe. "Ich habe ihn noch nie aggressiv erlebt und konnte von Anfang an nicht glauben, dass er solch einen Widerstand geleistet haben soll."

Siewe ist Kulturbeauftragter und Vorsitzender des Vasuh und lebt seit acht Jahren in Deutschland. Der 29-Jährige bestätigte ausdrücklich, dass er niemanden kenne, dem bisher in Heidelberg Ähnliches passiert sei. Rassistische Erfahrungen bei der Suche nach Ferienjobs oder Wohnungen seien dagegen nichts Außergewöhnliches. "Das ist schlimm genug. Aber müssen wir jetzt alle befürchten, wie B. Opfer zu werden, nur weil wir uns nicht ausweisen können?"

* Name von der Redaktion geändert



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