Video zum Bombenfund: Ermittler stellen Zeugenaussagen in Frage

Von , Düsseldorf

Überraschende Wende im Fall der Bonner Bombe: Aus einer aktuellen Lagemeldung der Polizei geht nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hervor, dass die Rolle einiger Zeugen diffus erscheint. Die Ermittler suchen nun nach einem neuen Verdächtigen.

DPA/ Polizei Köln

Schnelle Festnahmen, Fahndung per Phantombild - die Ermittler schienen schon kurz nach dem Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof über solide Hinweise zu Tatverdächtigen zu verfügen. Doch eine aktuelle Lagemeldung der Polizei, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeichnet ein anderes Bild: Offenbar ist die Rolle der Zeugen weniger klar als bislang angenommen.

Wörtlich heißt es in dem Schriftstück: "Die Auswertung von Videomaterial hat gezeigt, dass die beiden Zeugen vom Bahnhof Bonn mit einer hellhäutigen Person bei McDonald's waren. Die hellhäutige Person trug eine Tasche, die der aufgefundenen Tasche sehr ähnlich sieht." Auf einer zweiten Videoaufnahme sei dann "eine dunkelhäutige, erwachsene Person" zu erkennen, die nunmehr die Tasche trage. Die Polizei hält fest: "Die Rollen der einzelnen Personen sind zur Zeit nicht klar."

Nach Angaben einer Bahn-Mitarbeiterin soll es sich bei dem hellhäutigen Mann um denjenigen handeln, der sie auf die Tasche auf Gleis 1 aufmerksam gemacht habe. Der Bonner "General-Anzeiger" meldet unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass derjenige, der die Tasche am Gleis deponierte, sie zuvor in dem Fast-Food-Restaurant einem anderen abgenommen hatte oder sie ihm dort übergeben worden war.

Phantombild soll zurückgenommen werden

Die Polizei fahndet nun nach dem hellhäutigen Mann, sagte der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf einer Pressekonferenz am Nachmittag. Zuvor war bereits nach einem dunkelhäutigen, schlanken, 1,90 großen Mann mit schwarzer Mütze gesucht worden. Die Polizei nannte ihn den "Ableger". Nach der Schilderung zweier Zeugen, beide sind 14 Jahre alt, stellte ihnen dieser Unbekannte am Montag auf Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs eine blaue Sporttasche vor die Füße.

Die Plakate, auf denen bislang das Phantombild eines Schwarzen zu sehen war, sollten nicht weiter verteilt werden, heißt es in einem Behördenschreiben. "Druckaufträge sind zu stoppen, da die Polizeiführung vermeiden möchte, später Fahndungen zurücknehmen zu müssen." Das Bundeskriminalamt werte nun die Videoaufnahmen aus der McDonald's-Filiale aus.

In der Tasche befand sich ein Sprengsatz,offenbar Marke Eigenbau. Laut Bundesanwaltschaft handelte es sich um ein mit Ammoniumnitrat gefülltes Metallrohr, um das vier Butangaskartuschen gebunden gewesen seien. Es sei zwar eine Zündvorrichtung mit einem batteriebetriebenen Wecker gefunden worden, aber noch kein Zünder, sagte der stellvertretende Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum: "Es war ein höchst gefährlicher Sprengsatz."

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen standen die Kameras an den Gleisen just zu dem Zeitpunkt, als die Tasche dort abgelegt wurde, in der sogenannten Grundstellung und waren auf die Notrufsäulen gerichtet. Zudem wurden die Bilder nicht gespeichert. Die Bahn teilte dazu auf Anfrage mit, sie betreibe Videosysteme, "die auch Livebilder in die Leitstellen der Bundespolizei übertragen. Die Bundespolizei legt fest, welche Kamerabilder aufgezeichnet werden". In diesem Fall offenbar keine.

Anwalt von Omar D. fordert Erklärung der Ermittler

Also blieben den Ermittlern zunächst nur die Zeugenaussagen der Teenager und anderer Reisenden, die den "Ableger" gesehen haben wollten. Auch hielten sich die Beamten, die wenig später die besondere Aufbauorganisation "Anschlag Bonn" einrichteten, an die Personen, die nach der Beschreibung der Zeugen mit der Sache hätten zu tun haben können. Sie observierten die in der Region bekannten Gefährder aus der Islamistenszene und nahmen am Dienstag, es war gegen 13.30 Uhr, in der Bonner Kölnstraße den gebürtigen Somali Omar D., 27, fest. Auch sein Begleiter Abdifatah W. wurde vorübergehend festgesetzt.

Nach der Freilassung der Männer forderte D.s Anwalt Mutlu Günal eine Erklärung der Ermittler. Sein Mandant habe mit der Sache absolut nichts zu tun, so Günal. "Die Polizei mag mal erklären, woher dieser Tatverdacht kam. Einfach mal einen Unschuldigen festnehmen, das ist nicht so schön." Es sei wohl einfach mal "eine Sau durchs Dorf getrieben" worden. Ihn selbst habe die Freilassung keineswegs überrascht: "Ich bin fest davon ausgegangen", sagte Günal.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE waren bereits zuvor drei Männer festgenommen worden. Einen Extremisten stellten Fahnder der Polizei nach einer langen Observation schließlich im niederländischen Venlo. Ein Mann wurde am Flughafen Köln/Bonn festgesetzt und einen erwischte es in Trier. Alle drei wurden nach ihren Vernehmungen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen in dem Fall bisher nicht übernommen. Ein terroristischer Hintergrund lasse sich nicht mit ausreichender Sicherheit feststellen, sagte Generalbundesanwalt Harald Range. Bis auf weiteres bleibt das Verfahren damit bei der Staatsanwaltschaft Bonn.

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