Ermittlungen in Boston: "Wir haben eine Million Fragen"

Nach den Bombenanschlägen von Boston rätselt die Welt über die möglichen Motive des Hauptverdächtigen Dschochar Zarnajew. Doch der liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Eine Kugel verletzte seine Zunge, er kann nicht reden. Selbst wenn er wollte.

Boston-Terror: Der Anschlag, die Fahndung, die Verdächtigen Fotos
AP

Boston - Dschochar Zarnajew geht es nicht gut. Bei einer Schießerei mit der Polizei wurde ihm in die Kehle geschossen. Er hat viel Blut verloren, die Zunge ist verletzt, er kann nicht sprechen. Reden aber soll der 19-Jährige, denn er wird verdächtigt, gemeinsam mit seinem Bruder Tamerlan die Bombenanschläge von Boston verübt und dabei drei Menschen getötet und mehr als 180 verletzt zu haben.

"Wir haben eine Million Fragen an ihn - und diese Fragen müssen beantwortet werden", sagte der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, am Samstag Reportern. Er hofft inständig, dass Zarnajew überlebt. Doch selbst wenn der 19-Jährige genesen sollte, wird er reden? "Wir können im Moment nur darüber spekulieren, ob er überhaupt kooperieren wird", sagte William Keating vom Heimatschutzministerium dem "Boston Globe". Eines jedoch sei klar: "Ob er mitarbeitet oder nicht, ob er spricht oder nicht, die Ermittlungen werden weitergehen."

Die Beth-Israel-Deaconess-Klinik in Boston wird rund um die Uhr bewacht, während die Ermittler darauf harren, dass ihr Verdächtiger endlich vernehmungsfähig ist. Und die Welt rätselt, welches Motiv die Brüder gehabt haben könnten.

US-Präsident Barack Obama hatte sich während der Jagd auf die flüchtigen Brüder auffallend bedeckt gehalten. Auch jetzt bat er um Zurückhaltung: Man solle nicht voreilig urteilen, was mögliche Motive der aus Tschetschenien stammenden Zarnajew-Brüder betreffe. Es gebe viele unbeantwortete Fragen. Bei den Ermittlungen wollen Russland und die USA eng zusammenarbeiten.

Heimatschutzministerium lehnte Einbürgerungsantrag ab

Die Brüder sind nach bisherigen Erkenntnissen tschetschenischer Herkunft, lebten aber mit ihrer Familie bereits seit 2002 in den USA. Beide sind laut FBI in Kirgisien geboren. Dschochar sei inzwischen in den USA eingebürgert, Tamerlan habe eine ständige Aufenthaltserlaubnis gehabt.

Wie die "New York Times" am Samstag berichtete, wurde der Einbürgerungsantrag des am Freitag bei der Schießerei getöteten Tamerlan vom Heimatschutzministerium abgelehnt. Grund war die Tatsache, dass das FBI bereits 2011 gegen Zarnajew ermittelt hatte - angeblich auf Drängen Russlands, das ihm Kontakte zu tschetschenischen Terroristen zuschrieb. Das FBI kam jedoch zu dem Schluss, dass Tamerlan keine Gefahr darstelle.

Tamerlan hatte den Einbürgerungsantrag gestellt, kurz nachdem er im Sommer 2012 von einer halbjährigen Reise in den Kaukasus zurückgekehrt war, sechs Tage nachdem sein Bruder Dschochar die Staatsbürgerschaft bekommen hatte. Es ist gut möglich, dass Zarnajew bei seinem Russland-Besuch, der ihn angeblich auch nach Dagestan führte, radikalisiert wurde. Im ersten Halbjahr 2012 starben russischen Sicherheitsbehörden zufolge im Nordkaukasus mehr als 300 Menschen, darunter Rebellen, Polizisten und Zivilisten, bei bewaffneten Konflikten.

Auf der Flucht vor der Polizei war Tamerlan am Freitag schwer verwundet worden. "Jeder Teil seines Körpers zeigte Verletzungen, nur Beine und Arme waren intakt", sagte einer der Ärzte, der Tamerlan im Krankenhaus untersuchte, bevor dieser kurz darauf verstarb. Der Vater der beiden Brüder, Ansor Zarnajew, will seinen Ältesten nun in der Heimat, im russischen Konfliktgebiet Dagestan im Nordkaukasus, beerdigen lassen. Allerdings fehle ihm dafür das nötige Geld, sagte er der Staatsagentur Ria Nowosti am Sonntag. Er könne auch weder eine Reise in die USA bezahlen noch einen Anwalt. "Leider können weder Verwandte noch Freunde finanziell helfen", sagte Zarnajew, der sich derzeit in der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala aufhält. "Natürlich würde ich gerne meinen Sohn abholen, falls seine Leiche freigegeben wird, und ihn hier begraben."

"Wenn es Mittäter gibt, werden sie sie finden"

Noch ist vollkommen unklar, ob die Brüder Teil eines international agierenden Terrornetzwerks waren oder auf eigene Faust handelten. Der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, äußerte sich überzeugt, dass die beiden Brüder Zarnajew allein gehandelt haben. "Nach dem, was wir wissen, waren sie allein."

Der ehemalige FBI-Agent Bill Gavin, der nach den Bombenanschlägen auf dasWorld Trade Center 1993 die Ermittlungen leitete, erklärte, die Behörden würden selbstverständlich weiter nach möglichen Komplizen suchen und ermitteln, ob weitere Anschläge geplant waren. "Ob es weitere Beteiligte gibt? Wenn es sie gibt, werden sie sie finden", sagte er dem "Boston Globe".

Ebenfalls unklar ist, wann Anklage gegen Dschochar Zarnajew erhoben wird. Welche Höchststrafe Dschochar droht, hängt davon ab, ob er nach Landes- oder Bundesrecht angeklagt wird: Massachusetts kennt keine Todesstrafe, die USA als Bundesstaat aber schon. Es wurde bemängelt, dass die Polizei dem Festgenommenen bisher nicht seine Rechte vorgelesen habe. Dies sei aber in besonderen Fällen möglich, etwa wenn die öffentliche Sicherheit akut bedroht sei, hieß es. Der Bundesstaat Massachusetts will dem Tatverdächtigen jetzt so schnell wie möglich einen Pflichtverteidiger zur Seite stellen.

Interviews mit Angehörigen der Brüder vermitteln den Eindruck, dass der jüngere der Zarnajew-Brüder von seinem Bruder für dessen politische Ziele instrumentalisiert wurde. Dschochar habe "nie gegen den Willen von Tamerlan so etwas tun können", sagte der Vater Ansor Zarnajew im Interview mit der russischen Zeitung "Izvestija".

Ein Onkel, Ruslan Tsarni, sagte, Tamerlan habe ihn 2009 in einem Telefongespräch erklärt, dass er sich für "Gottes Dinge" entschieden habe. Tsarni sagte über den jüngeren Dschochar, er sei "total von seinem Bruder verdorben worden". "Er hat ihn benutzt. Er hat ihn benutzt für was immer er getan hat."

Ein Nachbar von Tamerlan, Albrecht Ammon, sagte in einem Interview, Zarnajew habe den USA sehr kritisch gegenübergestanden. Die Vereinigten Staaten gebrauchten die Bibel als Entschuldigung dafür, andere Länder zu überfallen, soll er gesagt haben.

Auf ihrer Flucht hatten die Brüder ein Auto entführt und den Fahrer später freigelassen. Dann töteten sie einen Sicherheitsbeamten am Massachusetts Institute of Technology und verletzten einen weiteren.

Am Samstag befanden sich noch immer 50 Verletzte der Bombenanschläge in ärztlicher Behandlung. Elf von ihnen liegen im Beth Israel Deaconess Medical Center - zusammen mit Dschochar Zarnajew.

ala/Reuters/dpa

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1. Antworten
Querkopf_9 21.04.2013
Zitat von sysopNach den Bombenanschlägenvon von Boston rätselt die Welt über die möglichen Motive des Hauptverdächtigen Dschochar Zarnajew. Doch der liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Eine Kugel verletzte seine Zunge, er kann nicht reden. Selbst wenn er wollte. Ermittlungen nach Boston-Attentat: "Eine Million Fragen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/ermittlungen-nach-boston-attentat-eine-million-fragen-a-895603.html)
Ich hätte auch gerne Antworten. Einfach mal ein wenig runterscrollen und sich selber fragen ob alles mit rechten Dingen zugeht! Alex Jones' Infowars: There's a war on for your mind! (http://www.infowars.com/)
2. Das Grundproblem
frageum 21.04.2013
Zitat von sysopNach den Bombenanschlägenvon von Boston rätselt die Welt über die möglichen Motive des Hauptverdächtigen Dschochar Zarnajew. Doch der liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Eine Kugel verletzte seine Zunge, er kann nicht reden. Selbst wenn er wollte. Ermittlungen nach Boston-Attentat: "Eine Million Fragen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/ermittlungen-nach-boston-attentat-eine-million-fragen-a-895603.html)
für solche Attentate und Ausraster, wie sie überwiegend bei US-Amerikanern vorkommen, liegt schlichtweg an der fehlenden bzw. verdrängten Empathie und Selbstreflexion der gesamten Gesellschaft der USA. -Sollte etwas Empathie aufkommen, muss es schon gewaltig gekracht haben. Es werden dort Menschen erniedrigt, demoralisiert, gepeinigt und psychisch gefoltert, (selbst von Gerichten) um zu erreichen, dass sie "aufgabenspezifisch angepasst" oder "gesellschaftsfähig" werden. Dass dieser Zwang in vielen Fällen Geistesgestörtheit hervorruft, kann jeder, der etwas mehr Empathie besitzt, zweifellos folgern. Vielleicht ist diese verringerte Fähigkeit mitzufühlen, noch der Radikalität den Zeiten des Wilden Westens zuzuschreiben..
3. Aus Sicht der Täter ein Erfolg
rolfmueller 21.04.2013
Aus Perspektive der beiden Brüder war ihre Tat ein Erfolg. Sie haben mit zwei Dampfkochtöpfen eine Weltmacht aufgeschreckt und sind weltberühmt geworden. Billionen investieren die USA in Waffen- und Schutzsysteme, aber mit 100 Dollar Einsatz ist das alles zu umgehen. Was fehlt ist die Erkenntnis, dass Terrorismus nicht mit polizeilichen, und schon gar nicht militärischen, Mitteln besiegt werden kann. Man muss die Ursachen beseitigen.
4.
trallala34 21.04.2013
Zitat von frageumfür solche Attentate und Ausraster, wie sie überwiegend bei US-Amerikanern vorkommen, liegt schlichtweg an der fehlenden bzw. verdrängten Empathie und Selbstreflexion der gesamten Gesellschaft der USA. -Sollte etwas Empathie aufkommen, muss es schon gewaltig gekracht haben. Es werden dort Menschen erniedrigt, demoralisiert, gepeinigt und psychisch gefoltert, (selbst von Gerichten) um zu erreichen, dass sie "aufgabenspezifisch angepasst" oder "gesellschaftsfähig" werden. Dass dieser Zwang in vielen Fällen Geistesgestörtheit hervorruft, kann jeder, der etwas mehr Empathie besitzt, zweifellos folgern. Vielleicht ist diese verringerte Fähigkeit mitzufühlen, noch der Radikalität den Zeiten des Wilden Westens zuzuschreiben..
1. Die beiden Brüder sind in Tschetschenien aufgewachsen und sozialisiert und nicht in den USA. 2. Natürlich muss eine Gesellschaft dafür sorgen dass ihre Mitglieder "gesellschaftsfähig" sind. Sonst funktioniert das ganze nicht. 3. Was sie mit psychischer Folter meinen, der der normale US-Amerikaner ausgesetzt sein soll ist mir nicht klar.
5. Diese ganze Geschichte....
fritzfrie 21.04.2013
...ist mal wieder ein Musterbeispiel, wie die Menschen manipuliert werden. Da begehen zwei durchgeknallte Pannemänner ein Verbrechen. Sicher nicht zu entschuldigen und nicht zu bagatellisieren. Wie dann aber geradezu unglaublicher Aktionismus gespielt wird und wie die Medien diese 2 Pannemänner in die Nähe der internationalen Terrorszene bringen, ist Volksverarschung und reinster Katastrophenjournalismus gleichzeitig.
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