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Erschossene Ehefrau: Tötung auf Verlangen bleibt zweifelhaft

Der Prozess gegen einen 75-Jährigen, der seine Frau angeblich auf ihren Wunsch hin erschossen hat und wegen Tötung auf Verlangen verurteilt wurde, muss neu aufgerollt werden. Dies hat der BGH nun in einem Revisionsverfahren entschieden. Die Karlsruher Richter fordern eine eingehende Prüfung.

Karlsruhe - Der 75-jährige Niedersachse hatte seine Frau im Juni 2009 mit einem Revolverschuss in den Kopf getötet. Ein anschließender Selbstmordversuch misslang. Im Prozess vor dem Landgericht Verden gestand der Mann die Tat, gab aber an, auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Frau gehandelt zu haben. Die 53-Jährige habe wegen eines Geschwürs im Unterleib an unerträglichen Schmerzen gelitten.

Die Richter in Verden verurteilten den Mann zu zweieinhalb Jahren Haft wegen Tötung auf Verlangen. Sie gingen davon aus, dass die Frau ausdrücklich und ernsthaft den Wunsch zu sterben geäußert hatte. Die Staatsanwaltschaft hingegen hatte Mordanklage erhoben. Auch eine Angehörige des Opfers, die als Nebenklägerin auftrat, strebte eine Verurteilung wegen Mordes an und ging in Revision.

Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe hob nun das Urteil des Landgerichts auf. Eine Verurteilung wegen Tötung auf Verlangen bedürfe einer besonderen Prüfung, hieß es in der Entscheidung vom Donnerstag. Es müsse ausgeschlossen sein, dass der Wunsch nur in einer verzweifelten Augenblicksstimmung geäußert worden sei. Der Fall muss jetzt vom Landgericht Stade neu aufgerollt werden.

Bereits während des Verfahrens in Karlsruhe hatte der Vorsitzende Richter zu bedenken gegeben, dass das Geschehen vor den tödlichen Schüssen und das Gespräch zwischen den Eheleuten in dem Urteil aus Verden 'auffallend blass' geschildert sei.

Laut Strafgesetzbuch (StGB) Paragraph 216 ist Tötung auf Verlangen, wenn jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt wurde. Die Strafe liegt bei sechs Monaten bis fünf Jahren Haft. Schon der Versuch ist strafbar.

"Sie wollte aus dem Leben scheiden"

Nach der Schilderung des 75-Jährigen hatte seine Frau ihm am Morgen der Tat von einem Unterleibsgeschwür berichtet und, dass sie die daraus herrührenden Schmerzen nicht mehr ertragen könne. "Sie verlangte ernsthaft und eindeutig von mir, dass ich sie töten sollte", hieß es in einer Erklärung des Mannes, die in der Verhandlung in Verden verlesen wurde. "Sie wollte aus dem Leben scheiden, die Schmerzen waren nicht mehr zu ertragen."

Daraufhin habe er erst seine Frau erschossen und dann den Hund. Anschließend versuchte der Mann, sich mit einem Schuss in die linke Brust zu töten, verfehlte aber das Herz und zerschoss sich die Milz.

Tatsächlich fand ein Rechtsmediziner bei der Obduktion der Frau einen fast zwei Kilo schweren Gebärmuttertumor, der über Jahre gewachsen sein muss. Die Frau war damit aber nicht in Behandlung. Das Tragische: Das Geschwür war laut Rechtsmediziner gutartig und hätte operativ entfernt werden können.

Aktenzeichen 3 StR 168/10

siu/dpa/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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1. Irrsinn.
jhartmann, 07.10.2010
Wenn man will, dass in solchen Fällen vorher die Tatsachen sorgfältig geklärt sind (dass es also Mord/Totschlag ist, wenn die/der Verlangende vorher nicht beim Arzt hat prüfen lassen, ob sie/er nicht vielleicht doch mit einfachen Maßnahmen gesunden kann), dann muss man das ins Gesetz schreiben. Aber hinterher einfach so tun, als sei ein Tötungsverlangen "nicht ernsthaft geäußert" worden, weil es nicht über mehrere Tage/Wochen konstant geäußert wurde, ist doch an den Haaren herbeigezogen.
2. ...
n.holgerson 07.10.2010
Zitat von jhartmannWenn man will, dass in solchen Fällen vorher die Tatsachen sorgfältig geklärt sind (dass es also Mord/Totschlag ist, wenn die/der Verlangende vorher nicht beim Arzt hat prüfen lassen, ob sie/er nicht vielleicht doch mit einfachen Maßnahmen gesunden kann), dann muss man das ins Gesetz schreiben. Aber hinterher einfach so tun, als sei ein Tötungsverlangen "nicht ernsthaft geäußert" worden, weil es nicht über mehrere Tage/Wochen konstant geäußert wurde, ist doch an den Haaren herbeigezogen.
An welcher Uni haben sie denn Jura bzw. Rechtswissenschaften studiert? Wollen sie etwa behaupten, dass Gesetz sei rechtswidrig?
3. .
camemberta 07.10.2010
Zitat von jhartmannWenn man will, dass in solchen Fällen vorher die Tatsachen sorgfältig geklärt sind (dass es also Mord/Totschlag ist, wenn die/der Verlangende vorher nicht beim Arzt hat prüfen lassen, ob sie/er nicht vielleicht doch mit einfachen Maßnahmen gesunden kann), dann muss man das ins Gesetz schreiben. Aber hinterher einfach so tun, als sei ein Tötungsverlangen "nicht ernsthaft geäußert" worden, weil es nicht über mehrere Tage/Wochen konstant geäußert wurde, ist doch an den Haaren herbeigezogen.
An den Haaren herbeigezogen finde ich eher, dass der Mann seine Frau nicht schleunigst zum Arzt geschickt, sondern praktisch (laut Artikel) am selben Tag getötet hat, als sie ihm von den Schmerzen erzählte. Mich würde interessieren, inwieweit das vor Gericht gewürdigt wurde.
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