Erschossener Student Polizisten in den Innendienst versetzt

Erste Konsequenzen für die Schützen: Nach der andauernden Kritik an einem tragischen Einsatz in Regensburg hat das bayerische Innenministerium zwei Polizisten vorübergehend versetzt. Die Beamten hatten einen Studenten mit mindestens zwölf Schüssen getötet.


Regensburg/München - Die Polizisten hatten Ende April in Regensburg den mit einem Messer bewaffneten Studenten Tennessee Eisenberg erschossen. Jetzt wurden sie in den Innendienst versetzt, wie das Innenministerium in München am Freitag einen Bericht der "Mittelbayerischen Zeitung" bestätigte.

Es handle sich um eine reine "Fürsorgemaßnahme" gegenüber den Beamten, sagte Ministeriumssprecher Oliver Platzer. "Das ist keine Vorverurteilung." Offensichtlich reagierte das Ministerium damit auf die heftigen Diskussionen. Ein Grund dafür, dass die Polizisten erst jetzt neue Aufgaben erhalten, wurde nicht genannt. Platzer räumte allerdings ein, dass es einen gewissen öffentlichen Druck gebe.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) kritisierte die Entscheidung als "Strafversetzung". Innenminister Joachim Herrmann (CSU) habe der von den Anwälten der Hinterbliebenen betriebenen "öffentlichen Hetze gegen die Regensburger Polizei" nachgegeben, sagte DPolG-Landeschef Hermann Benker in München. Angesichts der nach wie vor nicht abgeschlossenen Ermittlungen müssten die Beamten weiter ihren Dienst wie bisher ausüben dürfen.

Ein großes Rätsel

Tatsächlich ist der Fall noch immer ein großes Rätsel. Insbesondere scheint noch völlig unerklärlich, warum die Situation damals dermaßen eskalierte, dass die beiden Beamten insgesamt 16 Mal feuerten. Der Musikstudent wurde ein Dutzend Mal in Oberkörper, Beine und einen Arm getroffen, teilweise auch von hinten. Der 24-Jährige starb eine Stunde später in einer Klinik. "Es sind viele, viele Fragen, und die sind alle nicht beantwortet", sagt Helmut von Kietzell, der Rechtsanwalt der Angehörigen Eisenbergs.

Nach den bislang bekannten Details soll der junge Mann damals einen Mitbewohner aus seiner Wohngemeinschaft mit einem Küchenmesser bedroht haben. Der Mitbewohner lief aus dem Haus und rief die Polizei, die mit mehreren Streifenwagen anrückte. Die insgesamt acht Beamten sollen zur Wohnung im ersten Stock gegangen sein, wo sich Eisenberg immer noch mit dem Küchenmesser in der Hand aufhielt.

Laut Kietzell haben sich die Polizisten dann zurückgezogen, Eisenberg soll ihnen langsam durch das Treppenhaus gefolgt sein. "Das Ganze hat sich wohl über fast zehn Minuten hingezogen", erklärt der Anwalt. Nach einem misslungenen Schlagstock- und Pfefferspray-Einsatz soll Eisenberg schließlich nach einer früheren Darstellung der Staatsanwaltschaft unmittelbar auf einen Polizisten losgegangen sein, die beiden Kollegen hätten deswegen ihre Dienstwaffen gezogen.

"Der Tennessee hat natürlich einen Fehler gemacht mit dem Messer", räumt auch Kietzell ein. Dennoch sei es schwer nachvollziehbar, dass acht Polizisten die Lage nicht anderes hätten unter Kontrolle bringen können, meint er, zumal der Mitbewohner ja zuvor problemlos geflüchtet sei.

Die Anwälte der Familie zweifeln deshalb an, dass es sich um eine sogenannte Nothilfe, also eine Notwehr zugunsten eines bedrohten Polizisten, handelte. Jeder Türsteher könne einem Angreifer "in zwei Sekunden" ein Messer abnehmen, so Kietzell.

Insofern wirft der Fall auch Fragen zur Polizeitaktik und zur Ausbildung der Ordnungshüter auf. Auch die Munition steht in der Kritik, weil bei Eisenberg offenbar viele Treffer wirkungslos blieben.

Selbst die Deutsche Polizeigewerkschaft zweifelt die Effizienz der Kugeln an. Dabei wurde die in ganz Deutschland eingesetzte Dienstmunition erst vor rund einem Jahrzehnt von der Innenministerkonferenz geändert.

jdl/dpa



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