Prozess um gepanschte Krebsmedikamente "Ich konnte am Ende nicht mehr zugucken"

Ein Apotheker steht vor Gericht, weil er Krebsmedikamente absichtlich falsch dosiert haben soll. Nun hat eine ehemalige Mitarbeiterin ausgesagt. Sie hatte wesentlich zu den Ermittlungen beigetragen.

Zeugin im Landgericht Essen
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Zeugin im Landgericht Essen


Im Prozess gegen einen Apotheker, der Krebsmedikamente gestreckt haben soll, hat eine ehemalige Mitarbeiterin ihre schweren Anschuldigungen wiederholt. Sie berichtete vor dem Essener Landgericht von eklatanten Hygienemängeln im Labor der Bottroper Apotheke.

Außerdem äußerte die 55-Jährige erneut ihren Verdacht, dass dort Krebsmedikamente unterdosiert worden seien. So hätten hergestellte Antikörper-Therapien nach einem Schütteln nicht aufgeschäumt, wie es eigentlich hätte sein müssen.

Die pharmazeutisch-technische Angestellte war im Oktober 2016 zur Polizei gegangen und hatte ein angebliches Krebsmedikament übergeben, in dem sich keinerlei Wirkstoff befunden haben soll. Damit hatte sie den bereits laufenden Ermittlungen gegen den Bottroper Apotheker neuen Schwung verliehen. Der 47-Jährige war einige Wochen später festgenommen worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Schwere Hygienemängel

"Ich hatte Zweifel an der richtigen Dosierung der Medikamente", sagte die ehemalige Mitarbeiterin bei ihrer Zeugenvernehmung. Außer der fehlenden Schaumbildung sei ihr aufgefallen, dass bei einem knallroten Wirkstoff trotz angeblich gleicher Mengenangaben unterschiedliche Rottöne aufgetreten waren.

Die Frau war seit März 2015 in der Apotheke des Angeklagten angestellt. Ihrer Aussage zufolge dauerte es jedoch nicht lange, bis ihr schwere Hygienemängel auffielen. So habe ihr Chef das Labor beispielsweise mit Straßenkleidung betreten, außerdem sei während der Herstellung der Medikamente häufig die Labortür geöffnet worden, was nicht den Vorschriften entspräche. Außerdem habe es für die Reinigung nur einen "alten Wischmopp" gegeben.

"Ich konnte am Ende nicht mehr zugucken und mir vorstellen, wie viele Menschen da zu Schaden kommen, die ihre letzte Hoffnung in die Therapie stecken", sagte die Zeugin. Deshalb sei sie zur Polizei gegangen. Ihr war nach der Durchsuchung und Schließung des Labors fristlos gekündigt worden.

Für die Weitergabe ihres Insiderwissens war die Frau in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem ehemaligen kaufmännischen Leiter der Apotheke mit einem "Whistleblower-Preis" ausgezeichnet worden. Er war von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und der IALANA, der Vereinigung für Friedensrecht, ausgelobt worden.

bbr/dpa



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