Festnahme vor Shisha-Bar Essener Familie wirft Polizei "Hexenjagd" vor

Die Polizei feierte eine Festnahme vor einer Essener Shisha-Bar als Schlag gegen libanesische Clans. Die betroffene Familie erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen mehrere Beamte - darunter den Polizeipräsidenten.

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Von Christian Parth, Essen


Für die Essener Polizei war der Vorfall eine klare Sache. Nach Darstellung der Pressestelle kontrollierten am 7. September kurz vor Mitternacht zwei Beamte routinemäßig eine Shisha-Bar in der Essener Innenstadt. Dann sei die Lage eskaliert. "Die Beamten wurden sofort von mehreren libanesisch-stämmigen Personen angegriffen, geschlagen, getreten und gewürgt", heißt es in einer Mitteilung. Eine Beamtin sei dabei schwer verletzt worden. Sie sei daraufhin dienstunfähig gewesen.

Abdullah E., der mutmaßliche Angreifer und Bruder des Barbesitzers, wird von den Polizisten schließlich zu Boden gebracht, fixiert, festgenommen und abtransportiert.

Kurz darauf feiert die Behörde den Einsatz als weiteren erfolgreichen Schlag gegen die libanesischen Familienclans, die der Stadt schon lange Probleme bereiten. Bundesweit wird über den Vorfall berichtet, das Entsetzen über die vorgebliche Brutalität der Täter ist groß. Die Polizei nutzt den Fall als Werbung in eigener Sache. Nur fünf Tage später tritt der Essener Polizeipräsident in der Sendung "Stern TV" auf, redet über eine Parallelgesellschaft, die den Rechtsstaat nicht anerkenne, seine Null-Toleranz-Strategie im Kampf gegen kriminelle Großfamilien und bezieht sich dabei auch auf den Einsatz vor der "Buddy Bar" am Rande der Fußgängerzone.

Nach der Ansicht mehrerer Videos der eskalierten Festnahme und Gesprächen mit den Beteiligten stellt sich der Fall allerdings nicht so eindeutig dar. Die Familie hat nun bei der Kölner Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen die Essener Polizei erstattet. In dem 58 Seiten langen Dokument erheben die Betroffenen nach Informationen des SPIEGEL schwere Vorwürfe gegen die Beamten.

Sie werfen den am Einsatz beteiligten Polizisten unter anderem schwere Körperverletzung im Amt, Rechtsbeugung und Vortäuschung einer Straftat vor. Der 17 Jahre alte Abdullah E. soll demnach im Polizeigewahrsam misshandelt und rassistisch beleidigt worden sein. Aber auch der Essener Polizeipräsident habe sich bei seinem Fernsehauftritt strafbar gemacht. "Aus unserer Sicht ist das üble Nachrede und Verleumdung", sagt Anwältin Christiane Theile. "In diesem Fall hat die Polizei die Falschen erwischt. Wir befürworten die Null-Toleranz-Strategie. Aber sie muss für alle gelten, auch für Polizisten, die sich im Amt strafbar machen." Anders als von der Polizei dargestellt, hätten ihre Mandanten mit den Clans nichts zu tun.

"Das hier ist eine Hexenjagd"

Der Fall beschäftigte inzwischen auch den Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtages. Dort gaben die Behörden weitere Details zu den Ermittlungen bekannt. Zwar gab es laut Polizei gegen einige der sieben Brüder E. mehrere Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Körperverletzung, Diebstahl und einer Trunkenheitsfahrt. Am Ende standen zwei geringfügige Urteile, die meisten Vorwürfe seien jedoch im Sande verlaufen. Abdullah E. sei einzig wegen eines frisierten Mofas verurteilt worden. "Diese Familie ist gut integriert, zahlt Steuern, die Kinder sind hier aufgewachsen, sie sind ein normaler Teil dieser Gesellschaft", sagt Theile.

Dass der Chef der Essener Behörde den Barbesitzer und dessen Familie ohne genaue Kenntnis der Ereignisse öffentlich an den Pranger gestellt habe, sei nicht hinnehmbar. "Es geht uns nicht nur um die Polizisten, die im Einsatz jedes Maß verloren haben, sondern auch darum, dass es keinen Generalverdacht geben darf", sagt Theile. "Das hier aber ist eine Hexenjagd."

Schon die Kontrolle der Bar sei reine Schikane gewesen, behauptet Ahmed E. "Wir kennen diesen Polizisten, er hat uns auf dem Kieker. Es war nicht das erste Mal, dass er uns irgendetwas nachzuweisen versucht", so der Barbesitzer. Der Beamte sei während der Kontrolle zunehmend aggressiv geworden. "Es ging ihm einzig und allein darum, Ärger zu machen", sagt Ahmed E.

Im Juli 2015 hat er die Shisha-Bar eröffnet und dafür sein Studium der Medienwissenschaften abgebrochen. Der Laden laufe gut, sagt er. Bis auf kleinere ordnungsrechtliche Verstöße sei hier noch nie etwas vorgefallen. Ab und an seien auch Prominente zu Gast, ein Fußballprofi von Schalke 04 zum Beispiel. Um bei der libanesisch-stämmigen Bevölkerung für seine Kandidatur zu werben, tauchte im August 2015 sogar Thomas Kufen in der "Buddy Bar" auf, kurz darauf wurde der CDU-Politiker zum Essener Oberbürgermeister gewählt.

"Ich hatte Todesangst"

Warum eskalierte die Situation an jenem Freitagabend Anfang September? Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Einvernehmen herrscht zumindest wohl darüber, dass nach den Kontrollen einer der Brüder den Beamten geduzt haben soll. Obwohl die Situation den Aufnahmen aus der Überwachungskamera zufolge bis zu diesem Zeitpunkt friedlich wirkt, streift sich der Polizist seine Handschuhe über und baut sich vor einem der Brüder auf.

Nach Aussage von Zeugen will er den Mann mit auf die Wache nehmen, dieser türmt daraufhin. Die Beamtin nimmt die Verfolgung auf und kommt zu Fall. Auf dem Video hat es den Anschein, als ob Abdullah E. ihr ein Bein stellt - er selbst sagt, dass er daran keine genaue Erinnerung habe, es aber allenfalls ein Reflex gewesen sei. Davon allerdings, dass er auf die Beamtin einschlägt, wie es die Polizei später darstellen wird, kann nicht die Rede sein. Die Beamtin rappelt sich auf, geht auf ihn zu, schubst ihn weg, dann kommt es zum Handgemenge.

Auf dem Video der Überwachungskamera ist zu sehen, dass die Polizei bei der anschließenden Festnahme von Abdullah E., der in der Pressemitteilung der Polizei nur "Schläger" genannt wird, äußerst rabiat vorgeht. Der Polizist reißt ihn zu Boden, schlägt ihm auf den Kopf, umklammert seinen Hals und schnürt ihm die Luft ab. Ein Mitarbeiter der Essener Tierrettung, der zufällig in der Nähe ist, eilt den Beamten zur Hilfe und kniet sich auf den Rücken von E. Schreie sind zu hören. "Ich kriege keine Luft mehr", brüllt Abdullah E. mehrmals und versucht sich aus der Umklammerung zu befreien. "Ich hatte Todesangst", erinnert er sich.

Zu sehen ist aber auch, wie einige männliche Personen die Beamten attackieren, um Abdullah E. zu helfen. Der Polizist wird geschlagen, seine Kollegin auch getreten. Sie wehrt sich mit Stock und Pfefferspray. Kurz darauf lassen sie wieder von ihr ab. Als die Lage sich etwas beruhigt, ist zu sehen, wie ein zweiter Tierretter dem sich am Boden krümmenden Abdullah E. Pfefferspray ins Gesicht sprüht und die Beamtin ihn mit dem Knüppel schlägt. Anschließend wird er mit Handschellen fixiert mehrere Meter über den Boden geschleift und in einen Streifenwagen gesetzt.

Aufnahme der Überwachungskamera
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Aufnahme der Überwachungskamera

Die Anschuldigungen über das, was danach passiert sein soll, wiegen schwer. Abdullah E. schildert es wie folgt: Auf dem Weg zur Wache habe derselbe Beamte auf der Rückbank weiter auf ihn eingeschlagen und ihn als "Hurensohn" beschimpft. Auf der Wache habe ihn der Polizist die Treppe zum Arrestraum runtergetreten, in der Zelle erneut geschlagen, ihm die Finger ins Auge gedrückt und ihn "Scheiß Libanese" genannt. "Als ich in der Wache ankam, dachte ich, dass das jetzt aufhören würde, weil irgendjemand einschreiten würde", sagt Abdullah, der im nächsten Jahr sein Abitur machen will. "Aber er hat einfach weitergemacht und mich dann in der Zelle gefesselt liegenlassen." Um die Behauptung ihres Mandanten zu stützen, verlangt Anwältin Theile die Videoaufzeichnungen aus der Wache.

Prellungen, Verstauchung der Wirbelsäule

Zweimal noch in dieser Nacht wurde Abdullah verlegt. Warum, das ist unklar. Nach seiner Entlassung am Samstagmorgen aus einer Arrestzelle im benachbarten Gelsenkirchen machte er zum Beweis Bilder von sich. Die Fotos zeigen ihn mit blutverkrusteter Nase sowie Wunden an Kopf, Ohren, Beinen und Ellbogen. Im Krankenhaus diagnostiziert ein Arzt Prellungen und eine Verstauchung der Halswirbelsäule.

"Es zeigt sich, dass der Vorfall sich nicht so ereignet hat, wie die Polizei ihn in den Medien dargestellt hat", sagt Strafverteidiger Jan Czopka, der einen der beschuldigten Brüder vertritt und die Anzeige unterstützt. "Dass die Familie in dieser Weise stigmatisiert wird, ist nicht in Ordnung."

Die Polizei will sich aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens zu den konkreten Vorwürfen nicht äußern, bleibt aber bei ihrer Darstellung. Solche Kontrollen seien Teil der Null-Toleranz-Strategie, sagt der Essener Polizeisprecher Ulrich Faßbender. Dabei würden sämtliche Möglichkeiten, die der Rechtsstaat bietet, ausgeschöpft. "Der Fernsehauftritt war für uns eine Gelegenheit, den Gesamtkomplex der kriminellen Clans und die Respektlosigkeit gegenüber den Einsatzkräften darzustellen", sagte Faßbender. "Es ging uns nicht darum, die Familie zu diffamieren."

Ob die Beschuldigten Clan-Verbindungen hätten, könne man nicht mit Gewissheit sagen. "Diese Frage kann man mit 'Ja' und 'Nein' beantworten. Die Strukturen sind sehr komplex." Die Bar liege in einem Stadtteil, in dem die Probleme bekannt seien. Dass die Familie nun Anzeige erstattet hat, sei nicht verwunderlich. "Es ist das übliche juristische Spiel. Das passiert gefühlt in 80 Prozent der Fälle, wenn ein Polizist im Einsatz den Widerstand mit Gewalt brechen muss", sagte Faßbender.

Für Barbesitzer Ahmed E. hatte der Vorfall auch wirtschaftliche Konsequenzen. Bei Google hagelt es seitdem negative Kommentare. "Hier herrscht Hass, Hass und nochmals Hass", schrieb ein User. Ein anderer: "Nach dem in dem Drecksloch die Polizisten angegriffen wurden würde ich den Laden schließen!!!!"

Seit den Geschehnissen habe die Polizei die Shisha-Bar noch dreimal mit zahlreichen Beamten durchsucht, zuletzt am Freitagabend, als der Laden voll gewesen sei, sagt Ahmed E. Mit dabei seien auch das Ordnungsamt, Finanzamt und die Feuerwehr gewesen. Das Ergebnis: Der TÜV des Feuerlöschers sei abgelaufen und die Klinke am Notausgang zu locker, sagt Ahmed E.



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