Prozess um gepanschte Krebsmedikamente Ex-Mitarbeiter belastet angeklagten Apotheker

Peter S. soll Krebsmedikamente falsch dosiert und Hygienevorschriften missachtet haben - diese Vorwürfe gegen den Apotheker hat nun ein wichtiger Zeuge bekräftigt. Er hatte seinen ehemaligen Chef angezeigt.

Landgericht Essen
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Landgericht Essen


Im Prozess gegen den Apotheker Peter S., der Krebsmedikamente gestreckt haben soll, hat der zweite Whistleblower vor dem Landgericht Essen als Zeuge ausgesagt. Der ehemalige kaufmännische Leiter der Bottroper Apotheke, der früher auch mit dem Angeklagten befreundet war, hatte seinen damaligen Chef im September 2016 angezeigt.

Der heute 46-jährige Zeuge hatte 2012 in der Apotheke des Angeklagten begonnen. Erst als Sachbearbeiter für Personalangelegenheiten, später stieg er zum kaufmännischen Leiter auf. Dass bei der Herstellung von individuellen Krebsmedikamenten möglicherweise etwas nicht stimmte, sei ihm spätestens im Sommer 2016 klar geworden, sagte er aus. Nach Hinweisen von Mitarbeitern habe er die Einkaufs- und Produktionslisten der Bottroper Apotheke nach ausgewählten Wirkstoffen durchforstet. "Dabei hat es erhebliche Diskrepanzen gegeben, die nicht mehr erklärbar waren", sagte der Zeuge.

Er habe das erst gar nicht glauben können und deshalb auch einen Anwalt kontaktiert. "Ich wollte das bewerten lassen, um sicher zu gehen, dass ich keine Halluzinationen habe." Außerdem sei ihm aufgefallen, dass der Angeklagte gegen Hygienevorschriften verstieß, weil er in Straßenkleidung ins Labor gegangen sei. Ähnliche Vorwürfe hatte eine andere ehemalige Mitarbeiterin im Dezember vor Gericht geäußert. Die pharmazeutisch-technische Angestellte war im Oktober 2016 zur Polizei gegangen und hatte ein angebliches Krebsmedikament übergeben, in dem sich keinerlei Wirkstoff befunden haben soll. Am 29. November 2016 war der Apotheker festgenommen worden.

Der Zeuge hat für seine mutmaßlichen Enthüllungen Ende 2017 den Deutschen Whistleblower-Preis erhalten. Seinen Job hat er nach der Festnahme des Angeklagten allerdings sofort verloren.

Der Angeklagte hat sich im Prozess noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Noch nicht einmal zu seinem Lebenslauf. Seine Verteidiger bestätigten dem Gericht, dass er das auch weiterhin so handhaben wolle.

45 Krebskranke haben sich dem Strafverfahren inzwischen als Nebenkläger angeschlossen. Eine Frau war während des Prozesses gestorben. Ihr Platz wurde von ihrem Ehemann übernommen. Elf Zeugen und drei Sachverständige sind bereits vernommen worden, weitere werden folgen. Die Richter haben bis jetzt 26 Verhandlungstage vorgesehen - bis zum 13. März. Ob auch die Nebenkläger als Zeugen vernommen werden, ist unklar.

Dem Bottroper Apotheker wird vorgeworfen, systematisch Krebsmedikamente gestreckt, anschließend aber voll abgerechnet zu haben. Dadurch soll allein den gesetzlichen Krankenkassen ein Schaden von rund 56 Millionen Euro entstanden sein. Der Angeklagte befindet sich seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft.

bbr/dpa

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