New Yorker Kriminalfall: Keine Spur von Etan

Von , New York

Tagelang hofften die New Yorker auf die Auflösung eines spektakulären Kriminalfalls, der sie vor Jahrzehnten tief bewegt hatte: In einem Keller in Soho vermuteten Fahnder die Leiche des 1979 verschwundenen Etan Patz. Hatte ein Nachbar das Kind ermordet?

Fall Etan Patz: Ein paar Tage Hoffnung Fotos
REUTERS

Zum Schluss wurde die Hoffnung doch wieder enttäuscht. "Das FBI hat die Suche vor Ort abgeschlossen", erklärte FBI-Sprecher Peter Donald. "Die Straße wird freigegeben und die Geschäfte können wieder öffnen." Mit diesem lapidaren Statement endete am Montag das vorerst letzte Kapitel in einem der tragischsten Mordfälle New York Citys - nach fast 33 Jahren.

Keine Leiche, keine Haare, kein Blutfleck, keine Spuren: Schlagzeilen machte nicht, was die Fahnder fanden, sondern was sie nicht fanden. Fast vier Tage lang hatten Kriminologen des FBI und des New York Police Departments (NYPD) das kleine Kellergewölbe in der Prince Street durchwühlt, hatten den Zementboden aufgebrochen, die Ziegelwände freigelegt und kübelweise Schrott durchsiebt wie Goldgräber.

Doch umsonst. Das Schicksal des kleinen Etan Patz bleibt ein ungeklärtes Rätsel.

Ein Wochenende lang bewegte dieser Fall die New Yorker noch einmal so tief wie damals. Etan Patz war sechs Jahre alt, als er am 25. Mai 1979 verschwand. Es war das erste Mal, dass ihn seine Eltern Stan und Julie Patz alleine zum Schulbus hatten gehen lassen. Die Haltestelle war nur zwei Querstraßen vom Loft der Familie im Stadtteil Soho entfernt. Etan erreichte sie nie.

Trotz einer weltweiten Suchaktion wurde Etan nie gefunden. Poster mit Fotos des blonden Jungen klebten an jedem Laternenpfahl in Manhattan. Auch war Etan das erste Kind, das den Amerikanern von Milchkartons aus arglos entgegenstarrte, unter den Lettern: "Vermisst".

Der Keller war neu zementiert worden

Vorige Woche sorgten FBI und NYPD dafür, dass die Saga noch einmal schmerzhaft im Bewusstsein der New Yorker auflebte. Rund um die Uhr, in Tag- und Nachtschichten, nahmen die Ermittler besagten Keller auseinander, in derselben Straße steht das Haus der Familie Patz, nur fünf Türen weiter. Hier hatte einst ein Handwerker seine Werkstatt, ein Freund der Familie. Der Mann hatte den Boden des Kellers nach Etans Verschwinden neu zementiert und war auch vernommen worden, doch ohne Ergebnis.

New Yorks Lokalpresse stürzte sich gierig auf den alten Fall, witterte eine neue Sensation. Der heute 75-jährige Handwerker, so hieß es, sei kürzlich wieder von den Fahndern befragt worden, weil sich neue Verdachtsmomente ergeben hätten. Julie Patz habe ebenfalls darum gebeten, den Keller noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

Zwei Container mit Schrott, Müll und Unrat kamen zusammen. Auf einem Zementbrocken fand sich ein mutmaßlicher Blutfleck, provisorisch identifiziert mit Luminol, jener chemischen Verbindung, die Laien aus der TV-Serie "CSI" kennen. Auch Haare wurden sichergestellt. Doch am Montag kam die Nachricht: Der Fleck war ersten Tests zufolge kein Blut, und die Haare waren nicht blond.

Zwar sollen diese und andere Spuren nun im FBI-Kriminallabor in Virginia noch einmal untersucht werden, um vollends Klarheit zu gewinnen. Doch sind die Ermittler kaum weiter, als sie es vorige Woche waren - oder in all den Jahren zuvor: "Es wurden keine eindeutigen menschlichen Überreste gefunden", sagte NYPD-Sprecher Paul Browne. "Es bleibt ein Vermisstenfall."

Thomas MacDonald, ein junger FBI-Agent, hatte die Akte Patz von einem Kollegen geerbt und jedes Puzzlestück erneut analysiert - Indizien, Fotos, Aussagen. Dann hatte auch Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance den Fall 2010 wieder aufgerollt. Das war aber im Spektakel um den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn untergegangen, den Vance eine Woche zuvor wegen versuchter Vergewaltigung eines Nobelhotel-Zimmermädchens angeklagt hatte.

Die Ermittler hätten sich zuletzt auf den Handwerker konzentriert, nachdem seine Ex-Frau ihn beschuldigt habe, ein zehnjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben, meldeten die New Yorker Medien. Dem widersprach der Anwalt des Verdächtigen kategorisch: Sein Mandant trage "absolut keine Verantwortung für die furchtbare Tragödie, die dem kleinen Etan Patz zustieß".

Der Verdacht ist noch nicht völlig entkräftet

Der Handwerker ist aber sowieso schon länger in die Sache verstrickt. Sein einstiger Handlanger José Ramos galt bisher als der Top-Verdächtige. Seit 1987 wegen Kinderschändung in einem anderen Fall in Haft, hatte sich Ramos mehrfach damit gebrüstet, er wisse, was mit Etan passiert sei. 2004 wurde er in einem Zivilprozess zwar für haftbar befunden, doch gab es nie genügend Beweise für eine strafrechtliche Anklage.

Die Suche nach Etan löste in Amerika damals "eine neue Ära der Angst" aus, wie es die Agentur AP formulierte. "Es war das Ende der Unschuld", sagt Ernie Allen, der Präsident der Hilfsorganisation National Center for Exploited and Missing Children (NCMEC), die 1984 vom US-Kongress extra eingesetzt wurde. Präsident Ronald Reagan weihte das Center persönlich ein und erklärte den Tag, an dem Etan verschwand, fortan zum National Missing Children's Day.

Seither werden die Daten verschollener Kinder in den FBI-Computern zentral gespeichert. Nach Angaben des NCMEC werden jedes Jahr rund 800.000 Kinder als vermisst gemeldet. Die "Rückführquote" habe sich erheblich verbessert, von 62 Prozent (1990) auf 97,5 Prozent (2010).

Die New Yorker Staatsanwaltschaft verspricht, dem Fall Etan Patz weiter nachzugehen. Trotz der erfolglosen Kellersuche, so hieß es, gebe es immer noch andere Anhaltspunkte, und auch der jetzige Verdächtige sei nicht ganz aus dem Schneider.

Das FBI informierte Etans Eltern am Sonntag über das Ende der Suche. Tags darauf erschien Julie Patz, vielen New Yorkern noch als junge, trauernde Frau bekannt, kurz auf der Straße - als verhärmte ältere Dame. An ihrer Türklingel hing unterdessen ein Zettel: "An die fleißigen und geduldigen Medienleute: Die Antwort auf all eure Fragen ist im Moment 'Kein Kommentar'."

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