1979 verschwundener Junge: Neue Spur im Fall des kleinen Etan

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Es war ein Sensationsfall, der ganz Amerika in Atem hielt: 1979 verschwand der sechsjährige Etan Patz spurlos. Seine Leiche wurde nie gefunden. Jetzt hat das FBI eine neue, heiße Spur entdeckt - im New Yorker Stadtteil Soho, wo der Junge damals lebte.

FBI-Ermittlungen nach 33 Jahren: Auf der Suche nach dem vermissten Etan Fotos
AP/ Stanley K. Patz

Sie kommen im Morgengrauen. Zu Dutzenden fallen sie ein, die Experten des FBI und des New York Police Departments (NYPD), in blauen T-Shirts, Uniformen, Overalls. Erst sammeln sie sich an der stillen Kreuzung in Soho, wo Prince Street und Wooster Street aufeinandertreffen. Dann gehen sie in das rote Haus, in dessen Erdgeschoss sich eine kleine Boutique befindet. "Lucky Brand" steht am Eingang.

Das Augenmerk der Ermittler gilt vor allem dem Keller, von dem aus eine Treppe zum Gehweg hinaufführt. Mit Presslufthämmern und Spitzhacken ausgerüstet steigen sie in das Souterrain. Bald verschwindet die Treppe unter einem blauen Zelt. Schaulustige sammeln sich. Denn schnell hat sich erst in Soho und dann in ganz New York City herumgesprochen, wonach die Fahnder suchen. Genauer gesagt: nach wem.

Etan Patz. Den Namen haben die New Yorker lange nicht mehr gehört, und doch sagt er den meisten sofort etwas. Selbst wenn sie damals ganz woanders lebten - oder noch nicht mal geboren waren. Der Name bringt ein Gesicht, eine Erinnerung. Ein Kindergesicht mit blonden Haaren und großen, blauen Kulleraugen. Jeder Amerikaner kannte es, viele erinnern sich bis heute. Und sie denken an die Bilder, die Schlagzeilen, an den 25. Mai 1979 - der Tag, an dem Etan spurlos verschwand.

Etan Patz war sechs Jahre alt. Sein Vater Stan, ein Fotograf, und seine Mutter Julie hatten ihn an diesem Morgen nach langem Quengeln erstmals alleine zum Schulbus gehen lassen. Er trug Turnschuhe und eine Mütze der Fluggesellschaft Eastern Airlines. Es war der Freitag vor dem Memorial Day, dem langen Feiertagswochenende, das in den USA traditionell die Sommersaison einläutet.

Der Bus hielt am West Broadway, nur zwei Ecken entfernt von dem Loft der Patz' an der Prince Street. Doch Etan kam nie dort an.

Es gab einen Verdächtigen - doch der spielte Katz und Maus mit der Polizei

Als er nachmittags nicht aus der Schule heimkehrte, meldeten ihn seine panischen Eltern als vermisst. Eine dramatische Suchaktion begann, an der sich schließlich zahllose Freiwillige und Hunderte Cops beteiligten. Bluthunde und Helikopter wurden eingesetzt. Sie suchten tagelang, wochenlang, monatelang, in Soho, in Manhattan, in ganz New York, landesweit. Stan Patz kleisterte Fotos an jeden Laternenpfahl Manhattans und in jedes Ladenfenster.

Etan blieb verschollen.

Die Zeit verstrich. Etans Gesicht wurde auf Milchpackungen gedruckt, als erstes von Tausenden vermisster Kinder. Fast jeder US-Haushalt hatte irgendwann mal Etans Konterfei in der Küche. Die Patz' machten ihren Schmerz öffentlich, wurden zu Aktivisten für Kinder in Not. 1983 erklärte US-Präsident Ronald Reagan das Datum, an dem Etan verschwand, zum National Missing Children's Day. Er heißt bis heute so.

Etan blieb verschollen.

Die Suche wurde international ausgeweitet. Die Polizei folgte Spuren nach Deutschland, in die Schweiz, selbst bis nach Nahost. Ohne Erfolg.

1982 gab es einen Verdächtigen. José Antonio Ramos hieß der, ein mutmaßlicher Triebtäter, der damals mit Etans Kindermädchen befreundet war. Ramos deutete an, er wisse, was Etan zugestoßen sei, doch er spielte am Ende nur ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Fahndern.

Ramos sitzt seit 1987 als verurteilter Kinderschänder im Gefängnis. Genug Beweise für eine Verwicklung in den Fall Etan kamen nie zusammen. Obwohl Ramos eiskalt stichelte: So versprach er jedem, der ihm zwei Dollar gebe, von Etans Schicksal zu erzählen. NYPD-Detektive rückten später mit Kadaverhunden in Ramos' Wohnung an und nahmen sogar den Schornstein auseinander.

Etan blieb verschollen. 2001 erklärte ihn ein Richter für tot. Da wäre er 28 Jahre gewesen.

2004 strengten die Patz' einen Zivilprozess gegen Ramos an, da die Beweislast in solchen Verfahren niedriger ist als bei Kriminalverfahren. Das Gericht erklärte Ramos für haftbar und sprach den Eltern zwei Millionen Dollar zu, die sie aber nie bekommen haben. Für einen ordentlichen Schuldspruch reichte es nicht. Ramos soll im November dieses Jahres freikommen.

Unter Verdacht: Ein inzwischen 77 Jahre alter Handwerker

Dennoch schickt ihm Stan Patz seither zweimal im Jahr - am 25. Mai und am 9. Oktober, Etans Geburtstag - ein Vermisstenposter ins Gefängnis. Darauf schreibt er stets das Gleiche: "Was hast du meinem kleinen Jungen angetan?" Der Schmerz, sagte Patz erst im vergangenen Jahr, "geht nie vorbei".

Die Justiz gab nicht auf. Voriges Jahr kündigte Manhattans Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance unerwartet an, den Fall neu aufzurollen.

Trotzdem war es eine Überraschung, als am Donnerstag Spürhunde in der Prince Street auftauchten. Man wolle bereits bekannte Informationen "neu untersuchen", teilte NYPD-Sprecher Paul Browne mit. Und: "Es geht dabei um einen Verdächtigen. Sie wollen sehen, ob sie menschliche Überreste finden."

Der Verdächtige war jedoch nicht mehr Ramos, sondern Berichten der Lokalmedien zufolge jemand anders: Othneil Miller, ein Handwerker, der für die Patz' gearbeitet und in dem Keller seine Werkstatt hatte. Miller war nach Etans Verschwinden vernommen worden, hatte aber nur erklärt, den Jungen am Abend zuvor gesehen zu haben. Kurz darauf hatte er den Zementboden des Kellers neu gegossen.

In den 75 Quadratmeter großen Keller zog später eine Kunstgalerie, dann ein Kindergarten, heute dient er als Abstellraum. Zwischenzeitlich fanden hier diskrete Sex-Treffen statt. Die Cops nehmen ihn seit Donnerstag auseinander, rund um die Uhr, in Schichten. Sie reißen die Wände ein und brechen den Boden auf, suchen nach Blutspuren und Leichenteilen. Die Aktion soll fünf Tage lang dauern.

Etan wäre heute 39 Jahre alt. Othniel Miller ist 77 und lebt, von einem Schlaganfall gezeichnet, in Brooklyn. Das FBI vernahm ihn diese Woche erneut, dabei habe er sich verplappert, melden die New Yorker Lokalpresse und die "New York Times". Millers Familie dementiert das.

Der Keller befindet sich in der Prince Street. Stan und Julie Patz leben immer noch im selben Haus wie damals: 113 Prince Street - fünf Türen weiter.

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insgesamt 40 Beiträge
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1.
heiko_2012 20.04.2012
In solchen Fällen könnte man auch fähige Hellseher zur Hilfe holen. Lieder sind die allermeisten Anbieter auf diesem Gebiet unseriös. Auch wenn die meisten sich das nicht vorstellen können, aber es gibt eine sehr kleine Minderheit von Menschen die das wirklich können.
2. Aha
Stelzi 20.04.2012
Zitat von heiko_2012In solchen Fällen könnte man auch fähige Hellseher zur Hilfe holen. Lieder sind die allermeisten Anbieter auf diesem Gebiet unseriös. Auch wenn die meisten sich das nicht vorstellen können, aber es gibt eine sehr kleine Minderheit von Menschen die das wirklich können.
Was macht einen "Hellseher" denn seriös? Wenn man als Berufsbezeichnung ehrlicherweise "Hoffnungsverkäufer" führt und nur 50€ die Stunde verlangt?
3.
abgeschafft 20.04.2012
Waldelfen fragen! Oder Feen! Oder im Kadaver meines Brötchens nach einer Eingebung suchen. Ganz einfach. Traurig ist es ja, dass Leute wie du diesen Hokuspokus weiterverbreiten. Dank dir, lieber Heiko, geben zahlreiche Leute, die in einer ähnlichen Situation sind, einen lieben Menschen suchen oder einfach Lebenshilfe brauchen, ihr letztes Hemd an irgendwelche "Hellseher". Du solltest dich schämen.
4.
review 20.04.2012
Zitat von heiko_2012In solchen Fällen könnte man auch fähige Hellseher zur Hilfe holen. Lieder sind die allermeisten Anbieter auf diesem Gebiet unseriös. Auch wenn die meisten sich das nicht vorstellen können, aber es gibt eine sehr kleine Minderheit von Menschen die das wirklich können.
Zu diesen gehöre ich auch. Ich sehe eindeutig wie sich dieser Thread entwickeln wird. Willkommen im Mittelalter.
5. Dann mal los
Wurm 20.04.2012
Zitat von reviewZu diesen gehöre ich auch. Ich sehe eindeutig wie sich dieser Thread entwickeln wird. Willkommen im Mittelalter.
Googeln Sie mal "vermisste Kinder". Dort können Sie als Teil der kleinen Minderheit viele Kinder finden welche Sie dann finden können. Der Vergleich mit dem Mittelalter hinkt aber gewaltig. Man macht sich vielleicht lustig, Aufrufe zum verbrennen konnte ich noch nicht finden.
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