Europol-Chef Wainwright im Interview Wie schützen Sie uns gegen Terroristen?

In Europa ist die Zahl der Verbrecherbanden stark gestiegen, und sie agieren anders als früher. Davon profitiert auch der IS, sagt Europol-Chef Rob Wainwright.

Rob Wainwright
Bernd Thissen/ DER SPIEGEL

Rob Wainwright

Ein Interview von und


Am Donnerstag stellt die europäische Polizeibehörde Europol eine groß angelegte Studie zur organisierten Kriminalität vor, basierend auf der "größten Datenmenge, die je in Europa gesammelt und analysiert wurde", sagt Rob Wainwright. Der gebürtige Waliser, Jahrgang 1967, ist seit 2009 Direktor von Europol. Er beschäftigt sich seit Langem mit der organisierten Kriminalität und Terrorismus. Unter seiner Führung gründete Europol das Antiterrorzentrum in Den Haag.

SPIEGEL: Herr Wainwright, nach den Anschlägen von Paris und Brüssel haben Sie gewarnt: Weitere Attentate werden folgen. Hört der Terror nie auf?

Wainwright: Wir arbeiten sehr, sehr hart daran, Anschläge zu verhindern, aber es wird weitere geben. Wir haben in den letzten zwei Jahren zwölf größere Terroranschläge in Europa erlebt - und leider sind die Voraussetzungen für weitere gegeben.

SPIEGEL: Was unternehmen Sie dagegen?

Wainwright: Wir haben den Bewegungsspielraum für den "Islamischen Staat" (IS) in Europa deutlich eingeschränkt, indem die Sicherheitsbehörden innerhalb der EU im Kampf gegen Terror besser zusammenarbeiten. Das wurde höchste Zeit. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Menge an Daten verzehnfacht, die nationale Sicherheitsbehörden mit Europol austauschen. Das ist der Kern jeder erfolgreichen Strategie gegen die Terroristen: Informationen sammeln und austauschen.

SPIEGEL: Dennoch konnte der Attentäter von Berlin, Anis Amri, durch mehrere europäische Länder flüchten, bevor die Polizei ihn bei Mailand durch Zufall stellte.

Wainwright: Zunächst mal: Amri konnte nicht sofort identifiziert werden, dafür brauchten die deutschen Behörden einige Stunden. Ohne die Identität zu kennen, können Sie einen Täter aber nur schwer verfolgen. Und selbst als wir wussten, wer Amri war, nutzte er viele gefälschte Dokumente. Überdies herrscht im Schengenraum Reisefreiheit. Wir sollten diese Freiheiten der Bürger nicht abschaffen, sondern sie verteidigen, aber ich darf schon darauf hinweisen: Das sind die Rahmenbedingungen, die Amri ausgenutzt hat.

SPIEGEL: Wenn Sie nun so viele Daten bekommen: Haben Sie überhaupt die Möglichkeiten, diese schnell genug zu analysieren - und zu unterscheiden, was eine wertvolle Information ist, was Müll?

Wainwright: Das ist der Kern unserer Arbeit. Europol ist kein europäisches FBI, wir nehmen niemanden fest, wir sind eine Agentur, die Informationen sammelt und auswertet.

SPIEGEL: Europols Mannschaft hat sich seit dem Jahr 2001 verdreifacht. Wie viele Leute brauchen Sie denn noch?

Wainwright: Ich bin kein Behördenleiter, der einfach nur klagen will. Wir haben unsere Arbeit in den vergangenen Jahren auch technisch deutlich verbessert, so können wir oft wettmachen, was uns an Personal manchmal fehlt. Ein Beispiel: Zum ersten Mal gibt es in Europa ein Zentrum, das sich ausschließlich mit der Terrorbekämpfung beschäftigt, das Counter Terrorism Centre, dessen Belegschaft sich verdoppelt hat. Wir hatten vorher solche Zentren gegen Cybercrime oder gegen Drogenschmuggel, bei der Terrorbekämpfung aber ging wenig voran.

SPIEGEL: Ein Zentrum allein verhindert keine Anschläge.

Wainwright: Das stimmt - und dennoch sehen wir schon erste positive Folgen. Die Antiterroreinheiten begannen schnell, ihre Daten auszutauschen, das war wie ein Energieschub. Unsere Internetabteilung arbeitet täglich mit bis zu sechzig Social-Media-Unternehmen zusammen, um terroristische Inhalte aus dem Netz zu entfernen. Das ist extrem wichtig. Die Frontlinie im Kampf gegen Terrorismus verläuft heute online.

SPIEGEL: Anders als die Polizei sind viele Geheimdienste nicht so scharf auf Zusammenarbeit.

Wainwright: Das muss aber der nächste Schritt sein, unbedingt. Ich verstehe viele Gründe für diese Zurückhaltung, vor allem den Schutz spezieller Informationsquellen. Überdies gibt es in vielen unserer Mitgliedstaaten mit gutem Grund eine Trennung von Polizei und Geheimdiensten. Unser Ziel kann es nicht sein, das nun auf europäischer Ebene aufzuheben. Dennoch muss die Zusammenarbeit besser funktionieren.

Bernd Thissen/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Welche Erfolge hat das Counter Terrorism Centre bislang?

Wainwright: Ich würde ja nur zu gerne für unsere Arbeit Werbung machen, aber ich darf nicht viel verraten. Vielleicht so viel: Nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und auch Berlin haben wir unsere Analysten sofort in die betroffenen Länder geschickt, unsere Datenbanken kontrolliert, danach gesucht, wie die Geldströme verliefen. Von Europol gingen mehr als 3000 Hinweise nach Frankreich und Belgien, wir konnten schon bald nachzeichnen, wo die Täter und ihre Hintermänner in den Wochen vor den Anschlägen gewesen waren. Wir sammeln Daten über Terroristen und gleichen sie mit den Daten ab, die wir bei der Verbrechensbekämpfung gesammelt haben. So konnten wir das Netzwerk ausleuchten, das die Angreifer von Paris und Brüssel unterstützte.

SPIEGEL: Sie sagten, die Datenmengen, die geteilt werden, hätten sich verzehnfacht. Wahr ist aber doch auch, dass nicht alle Staaten gleichermaßen bei diesem Austausch mitmachen.

Wainwright: Solche Unterschiede gibt es, je nach Delikt, um das es geht: Menschenhandel, Drogenhandel, Terrorismus. Nicht immer steckt Absicht dahinter. Mal fehlt die Technik, mal fehlt die Erlaubnis der nationalen Regierung. Wahr ist: Manche wichtige Länder sollten noch mehr machen, und wir ermutigen sie dazu.

SPIEGEL: Sechs der zehn Paris-Attentäter waren zuvor als Kriminelle aufgefallen, das passt zu den Beobachtungen, die man in den vergangenen Jahren bei Terroristen machte. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Wainwright: Das ist tatsächlich ein herausragendes Kennzeichen der Terroristen des "Islamischen Staates". Bei al-Qaida hatten wir es mit Leuten zu tun, die vorrangig aus religiösen Gründen handelten. Bei den IS-Terroristen spielt die Religion oft gar keine Rolle. Die meisten IS-Terroristen haben einen kriminellen Hintergrund, Kleinkriminalität zumeist. Doch sie profitieren auch von organisierter Kriminalität. Dokumentenfälschung beispielsweise ist ein Motor für organisierte Kriminalität wie für den Terrorismus. Es gibt ganze Fabriken, die täuschend echte Dokumente herstellen.

SPIEGEL: Am Donnerstag stellen Sie einen Report vor, der das kriminelle Milieu ausleuchtet, in dem auch der IS und andere Terroristen operieren.

Wainwright: Unser "Serious and Organised Crime Threat Assessment", also unser Report über das organisierte Verbrechen, basiert auf der größten Datenmenge, die in Europa je gesammelt und analysiert wurde. Der Bericht zeigt, wie sehr die organisierte Kriminalität gewachsen ist - und wie sehr sie sich verändert. Wir haben mehr Banden, mehr internationale Gruppen, insgesamt ist ihre Anzahl seit dem letzten Socta-Bericht 2013 signifikant gestiegen. Früher dominierten größere Mafia-ähnliche Gruppen, jetzt sind es sehr verschiedene Gruppen, die um verschiedene Plattformen operieren. Die organisierte Kriminalität diversifiziert sich ähnlich wie die normale Wirtschaft. In Europa agieren Kriminelle aus 180 Staaten, es gibt Spezialisten für Menschenschmuggel und Passfälschung oder Experten für Geldwäsche. Die Kriminellen machen schon länger, was die Staaten bei der Verbrechensbekämpfung erst langsam lernen: Sie arbeiten zusammen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt das Internet oder das sogenannte Darknet?

Wainwright: Das Internet, allgemeiner gesagt: die Technik, macht vieles erst möglich. Wenn Cyberkriminelle sich vornehmen, eine bestimmte Bank anzugreifen, kontaktieren sie über das Netz einen Hacker, der eine maßgeschneiderte Lösung für ihr Vorhaben anbietet. Die Infrastruktur, die sie brauchen, um über das Internet ihren Angriff auszuführen, mieten sie dafür einfach an. Auch Kindesmissbrauch wächst dramatisch, seit es das Internet gibt. Pädophile hatten es früher schwerer, sich zu vernetzen. Schließlich ermöglicht das Internet den Kriminellen, weitgehend sicher zu kommunizieren. Verschlüsselung spielt bei fast allen unseren Ermittlungen eine Rolle.

SPIEGEL: Wenn man sich den letzten Socta-Bericht von 2013 anschaut, fällt schnell ein großer Unterschied zu heute auf: Seitdem hatten wir die Flüchtlingskrise, mehr als zwei Millionen Flüchtlinge sind nach Europa gekommen. Wie wirkt sich das auf die organisierte Kriminalität oder den Terrorismus aus?

Wainwright: Eines vorweg: Die Migranten selbst sind grundsätzlich keine Quelle neuer Kriminalität, eventuell in Einzelfällen und auf lokaler Ebene, aber wir sehen keinen Zusammenhang zwischen neuen Migranten und mehr organisierter Kriminalität. Das heißt aber nicht, dass es keine Auswirkungen gäbe. Migranten sind verwundbar, das macht sich die organisierte Kriminalität zunutze. Denken Sie an die vielen Kinder, die ohne die Begleitung von Erwachsenen in die EU gekommen und verschwunden sind. Sie könnten für Sklavenarbeit oder auf dem Sexmarkt ausgebeutet werden.

SPIEGEL: Was wissen Sie über das Schicksal dieser Kinder?

Wainwright: Leider zu wenig. Von den Menschen, die 2015 ankamen, waren 280.000 Kinder, davon 80.000 ohne die Begleitung von Erwachsenen. Viele sind eher Jugendliche, 15 oder 16 Jahre alt, nicht sieben oder acht, aber dennoch: Sie wurden registriert, viele verschwanden danach einfach. Ich gehe davon aus, dass die meisten von ihnen in Sicherheit sind, bei Cousins oder anderen Verwandten. Aber was mich besorgt: Wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist. Wir beobachten auf der anderen Seite ein Anwachsen des Marktes für sexuelle Ausbeutung. Wir sehen hier noch keinen bedeutenden Zusammenhang, aber wir haben einige Einzelfälle gesehen.



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