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Euthanasie-Debatte: Ein Römer kämpft um sein Todesurteil

Seit 33 Jahren leidet er unter einer fortschreitenden Muskelschwäche, inzwischen ist er fast vollständig gelähmt: Der Italiener Piergiorgio Welby kann seit 30 Jahren nicht mehr gehen, wird seit zehn Jahren künstlich beatmet. Nun hat der 60-Jährige nur noch einen Wunsch: Er möchte sterben dürfen.

Hamburg - "Ich bin ein Gefangener meines eigenen Körpers. Bald werde ich nicht einmal mehr mit meinen Augen mit der Welt in Verbindung bleiben können", schrieb Welby in einem Brief an den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano. Sein Leben sei kein echtes Leben mehr. In dem offenen Brief an Napolitano hatte Welby im September sein Recht zu sterben eingefordert - und in Italien eine Debatte über Sterbehilfe angestoßen.

Die Anwälte des unter Muskeldystrophie leidenden Mannes wollen erreichen, dass die medizinischen Apparate zur Lebenserhaltung ihres Mandanten abgeschaltet werden. Sie betonten, dass ihr Mandant nicht fordere, getötet zu werden, sondern lediglich passive Sterbehilfe verlange. "Piergiorgio Welby hat seinen Willen klar zum Ausdruck gebracht. Er will, dass das Gericht seine Ärzte dazu veranlasst, die künstliche Beatmung einzustellen und ihm bis zum Zeitpunkt seines Todes Beruhigungsmittel zu verabreichen, die sein Leiden bis zu seinem Tod lindern", erklärte sein Anwalt Riccardo Maia.

Zwar gab die Staatsanwaltschaft in Rom Welbys Begehren grundsätzlich statt: Die Ärzte hätten jedoch weiterhin das Recht, die Therapie fortzusetzen. Nach Meinung von Beobachtern darf das Gericht zwar Welby ein Recht auf Ablehnung ärztlicher Behandlung zuerkennen, jedoch die Ärzte nicht zu lebensverkürzenden Schritten zwingen. Die Ärzte hätten das Recht, Welby nach dem Abschalten des Beatmungsgerätes wiederzubeleben.

Der ursprünglich für Dienstag erwartete Beschluss des römischen Zivilgerichts wurde um eine Woche verschoben: Die zuständige Richterin wollte sich mehr Zeit nehmen, um den heiklen Fall zu prüfen, verlautete laut dem österreichischen "Kurier" aus römischen Gerichtskreisen.

Im katholisch geprägten Italien ist sowohl passive als auch aktive Sterbehilfe verboten. Ärzten, die dennoch aktiv Sterbehilfe leisten, droht eine Haftstrafe von 15 Jahren.

Der Kampf des 60-Jährigen hat die Mitte-links-Koalition um Premierminister Romano Prodi gespalten. Welbys Kampf wird von der Europaministerin Emma Bonino aktiv unterstützt, die vergangene Woche aus Solidarität in einen zweitägigen Hungerstreik getreten ist. Boninos Radikale Partei, die zum Regierungsbündnis Prodis gehört, kämpft bereits seit Jahrzehnten für die Legalisierung der Euthanasie in Italien. Sie will im Parlament zwei Gesetzesvorschläge zur Legalisierung der Sterbehilfe einbringen.

Die katholische Kirche wehrt sich gegen die Legalisierung der Sterbehilfe. "Für die Kirche kommt Euthanasie einem Mord gleich", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" den Gesundheitsminister des Vatikans, Kardinal Javier Lozano Barragan.

Im Jahr 2001 legalisierten die Niederlande als erstes Land die Sterbehilfe. Ein Jahr später folgte Belgien, knüpfte die Euthanasie aber an strenge Bedingungen.

han/AP/Reuters

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