Von Sven Röbel
Nürnberg/Berlin - Jahrelang hatten die Fahnder ins Leere ermittelt. Mit gewaltigem Aufwand durchleuchteten sie das Umfeld der Opfer, schleusten verdeckte Ermittler ein und betrieben, als Gastwirte getarnt, zeitweise sogar eine eigene Imbiss-Bude, in der Hoffnung, so an Informationen über vermeintliche Schutzgelderpresser zu kommen. Doch auf die Idee, dass es sich bei den "Ceska"-Mördern, die seit September 2000 neun Migranten erschossen hatten, um Rechtsextremisten handeln könnte, kamen sie erst spät - zu spät.
Zur Abklärung der sogenannten Spur Nr. 195 machte sich 2006 ein Beamter der Soko "Bosporus" auf, um in der Neonazi-Szene von Nürnberg, wo sich drei der Morde ereignet hatten, nach Hinweisen zu den Serienkillern zu suchen. Insgesamt neun Rechtsextremisten befragte der Kriminalhauptkommissar - und sprach am 6. Dezember auch mit Mike T., einem einstmals stadtbekannten Skinhead. T. stammte aus Jena in Thüringen und war Mitte der neunziger Jahre zu einer großen Nummer im rechtsextremen Milieu Nürnbergs aufgestiegen, bevor er in die Drogenkriminalität abrutschte.
"T. wurde wegen seiner Insiderkenntnisse zur rechten Szene" aufgesucht, notierte der Kripo-Beamte in einem Vermerk, und "dazu befragt, ob er etwas über die Mordserie sagen kann". Ergebnis: "Auf den Punkt gebracht kann sich T. nicht vorstellen, dass ein Skin oder Angehöriger der ihm noch bekannten rechten Szene in Nürnberg etwas mit der Mordserie zu tun haben könnte", schrieb der Kriminalhauptkommissar.
Treffen in der "Tiroler Höhe"
Was der Beamte damals offenbar nicht wusste: Mike T. war ein alter Bekannter des NSU-Mörders Uwe Mundlos. Laut einem Vermerk des Bundeskriminalamts vom 14. Mai 2012 findet sich T.s Name auf einer der von Mundlos erstellen Telefon- und Adresslisten, die nach der Flucht des Terroristen in einer Garage in Jena gefunden aber über Jahre nie richtig ausgewertet wurden.
Hätten die bayerischen Fahnder 2006 die Telefonlisten gekannt, hätten sie Mundlos und seinen Komplizen Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe womöglich auf die Spur kommen können: Die Verbindung der jahrelang steckbrieflich gesuchten, rechtsextremen Bombenbauer nach Nürnberg jedenfalls hätte die Staatsschützer alarmieren müssen. Unter anderem hatte Mundlos die Telefonnummer der Gaststätte "Tiroler Höhe" notiert, die einstmals als einschlägiger Treffpunkt der rechten Szene gedient hatte und sich nur wenige Kilometer von den Tatorten der Nürnberger Morde befand.
In der Nähe der "Tiroler Höhe" war Mundlos im Februar 1995 auch von der Polizei kontrolliert worden, nach einer Neonazi-Feier, die offenbar von Mike T. organisiert worden war.
Verhör ohne Ergebnis
Der wurde - nach dem Auffliegen des NSU - im vergangenen April dann noch einmal vom Staatsschutz als Zeuge befragt, diesmal auch konkret zu Mundlos. T. gab an, Uwe "persönlich aus Jena" zu kennen. Mundlos sei "damals Fußballanhänger vom FC Zeiss Jena" gewesen und habe im Stadtteil Lobeda gewohnt. Kontakt zu ihm hatte T. aber offenbar bereits seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr.
Auch an das Gespräch mit dem Bayerischen Staatsschutzbeamten im Dezember 2006 konnte sich T. in der Vernehmung erinnern: Dem Kripo-Mann habe er damals vieles aus seiner Vergangenheit erzählt; zudem, so behauptet T., habe ihm der Hauptkommissar seinerzeit "200.000 Euro" angeboten, für Informationen zu der Mordserie. T. aber, der Ende der neunziger Jahre aus der Neonazi-Szene ausgestiegen war, habe der Polizei nichts dazu sagen können.
Ein knappes Jahr nach der damaligen Befragung legten die Nürnberger Fahnder ihre Neonazi-Spur zu den Akten. Am 11. November 2007 verfasste der Staatsschutzbeamte einen Abschlussvermerk: Im Ergebnis sei "festzuhalten, dass bei keiner der angesprochenen Personen ein Bezug zur Mordserie hergestellt werden konnte".
Innerhalb der rechten Szene herrsche die Meinung vor, "dass sich die Opfer wohl selber im kriminellen Milieu bewegt haben dürften und einer Vergeltungs-/Rachetat zum Opfer gefallen sein könnten". Nach Ansicht der befragten Rechtsextremisten liege keine "fremdenfeindlich motivierte Straftat" vor, da "die Mordopfer für ihren Unterhalt selber sorgten und aufgrund ihrer Berufstätigkeit den deutschen Staat (Steuerzahler) nicht ausnützten".
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