Fahndung nach Serienmörder Das Phantom nimmt Gestalt an

Noch nie waren ihm die Fahnder so dicht auf den Fersen: Jahrelang missbrauchte ein Unbekannter mehr als 40 kleine Jungen, fünf tötete er - unter ihnen Dennis aus Osterholz-Scharmbeck. Nun haben die Ermittler erstmals ein Phantombild des Gesuchten veröffentlicht.


Hamburg - Kinder beschreiben ihn als auffallend groß, schwarz gekleidet und maskiert. Eines erinnert sich an einen starken Aftershave-Geruch. Ein anderes an einen durchtrainierten Körper. Seit zehn Jahren fahndet die Polizei nach einem Mann, der zwischen 1992 und 2004 fünf Jungen getötet und mehr als 40 misshandelt hat - immer in der Nacht. Es ist eine der grausamsten Verbrechensserien der Nachkriegszeit, der Serientäter bis heute nicht gefasst.

Nun endlich hat dieser Mann ein Gesicht.

Fast zehn Jahre nach dem Mord an dem kleinen Dennis aus dem niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck haben die Fahnder eine sogenannte Situationsskizze angefertigt, die den mutmaßlichen Täter im Jahr 2001 zeigt. Es handelt sich hierbei nicht um ein Phantombild im üblichen Sinne. Das tatsächliche Aussehen des Verdächtigen kann demnach stark von der Zeichnung abweichen.

Es ist seit langem ein neuer Ansatz, von dem sich die Polizei viel verspricht. Im August 2010 meldete sich ein Zeuge, der den Täter gemeinsam mit dem Opfer Dennis K. in der ersten Septemberwoche 2001 in einem hellen Opel Omega Caravan A oder B gesehen haben will. Die Ermittler haben diese Aussage eingehend geprüft und halten sie für schlüssig. Der Augenzeuge meldete sich laut Polizei erst nach Jahren, weil er erst dann von dem Fall gehört habe.

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Soko "Dennis": "Ein intelligenter, sehr planender Täter"
Das Phantombild zeigt einen bulligen Mann mit Brille, Anfang 30, der am Steuer sitzt. Nach Angaben der Ermittler ist davon auszugehen, dass der Mann Deutscher ist. Er weise einen starken geografischen Bezug zum Raum Bremen und dessen Umland auf: In dieser Gegend konzentriert sich die größte Anzahl der Taten.

Erst steigt er in Landheime ein, dann in Privathäuser

Das erste Mal schlägt der Unbekannte im Februar 1992 zu: Nachts schleicht er sich ins Schullandheim Hepstedt, knapp 50 Kilometer östlich von Bremen. Um nicht erkannt zu werden, trägt er eine Sturmmaske. Man kann nur seine Augen sehen. Sein Versuch, sich an kleinen Jungen zu vergehen, scheitert zunächst. Doch der Maskierte kehrt er immer wieder in dieses und in benachbarte Schullandheime zurück.

Am 31. März 1992 entführt er den 13-jährigen Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel. Die gefesselte Leiche des Jungen wird fünf Wochen später gefunden, tief vergraben in den Dünen des Verdener Stadtwaldes.

Es ist der erste von fünf Morden. Von nun an tötet der Mann alle drei Jahre einen Jungen: 1995 verschleppt er den achtjährigen Dennis R. aus einem Zeltlager bei Schleswig. Er wird im dänischen Holstebro tot aufgefunden. 1998 tötet er den elfjährigen Nicky V. nahe Brunssum in den Niederlanden.

Die Ermittler vermuten, dass der Täter in diesem Fall auf dem Weg in den Sommerurlaub Richtung Saint-Brevin-les-Pins an der französischen Atlantikküste war - denn bereits zwei Tage nach Nickys Verschwinden kommt es dort zu einem Missbrauchsversuch in einem französischem Schullandheim. Aus diesem holt der Unbekannte 2004 auch sein letztes Mordopfer: Jonathan C. Der Zehnjährige wird sechs Wochen später tot aus einem Teich geborgen.

"Es kann wirklich der Nachbar von nebenan sein"

Die größte Aufmerksamkeit erlangt aber der Fall Dennis K.: Auch er wird Opfer des maskierten Mannes. Im September 2001 verschwindet der Neunjährige aus dem Schullandheim Wulsbüttel, nördlich von Bremen. Ein Pilzsammler entdeckt das tote Kind zwei Wochen später in der Nähe von Kirchtimke, knapp fünfzig Kilometer entfernt.

Bis heute hat die Sonderkommission "Dennis" etwa 7800 Spuren und Hinweisen abgearbeitet. Dem Täter nähergebracht haben sie sie nicht. Noch immer ist unklar, ob der Unbekannte seine Opfer lebend entführt oder sie zunächst getötet hat.

2004 verliert sich die Spur des unbekannten Serientäters. Dennoch gehen die Ermittler davon aus, dass der Mann noch lebt. SPIEGEL TV begleitet die ermittelnden Kriminalbeamten seit Jahren. In einer Dokumentation am Samstag (22:05 Uhr, Vox) berichtet Autor Daniel Hartung, unterstützt von Amai Haukamp und Markus Pohl, ausführlich über die neuen Erkenntnisse der Polizei.

"Es ist jemand, der wahrscheinlich integriert in der Gesellschaft mitläuft", sagt Psychologe Markus Hoga in dem Film. Dass der Unbekannte in Gebäude eindringt, die teilweise nur einen Zugang haben, zeugt von einer hohen Risikobereitschaft.

Das belegt auch, dass er sich einerseits offenbar willkürlich Opfer in Landheimen sucht und gleichzeitig gezielt Jungen auswählt, die er dann im Bremer Stadtteil Horn-Lehe überfällt - in deren Zuhause.

"Ein intelligenter, sehr planender Täter"

In der SPIEGEL-TV-Dokumentation schildert ein Betroffener, was er durchleben musste, als der Unbekannte ihn in seinem Kinderzimmer angriff. "Sie müssen sich vorstellen, Sie liegen im Bett, wachen auf, ne fremde Person kniet an ihrem Bett, hält ihren Mund zu, zeigt Ihnen eine Waffe und ihr Herz fängt an zu schlagen, weil sie überhaupt nicht wissen, was passiert. Ihr Herz schlägt bis zum Hals", sagt der Junge.

"Für mich war eigentlich die Situation, wo ich in meinem eigenen Bett, an dem Ort, wo man sich als Kind sicher fühlt, wo einem von den Eltern gesagt wird, da wird einem nichts passieren, das ist deins, da gehörst nur du hin, was sich da abgespielt hat, das war das Schlimmste, die Situation."

Profiler haben ein klares Bild des Gesuchten: "Wir gehen bei dem Täter von einem intelligenten, sehr planenden Täter aus. Man mag ihn sich vielleicht, wenn man das Ergebnis seiner Taten sieht, als Monster vorstellen. Dem ist tatsächlich aber nicht so. Wir schätzen ihn als sozial integrierten und angepassten Menschen ein. Intelligent, durchaus berufstätig, möglicherweise ein Studium absolviert. Es kann wirklich der Nachbar von nebenan oder sogar der eigene Partner sein", sagt der Münchner Fallanalytiker Alexander Horn, der die Soko "Dennis" unterstützt.

Doppelte Buchführung

Forschungsergebnisse belegen demnach, dass die meisten dieser pädosexuellen Täter sozial integriert erscheinen und ihren Alltag mehr als gut bewältigen können. Ihre "abweichenden sexuellen Verhaltensweisen" könnten sie gut verstecken, ohne aufzufallen, sagt Psychologe Hoga. "Deswegen auch immer die Überraschung, wenn der Täter ermittelt ist. Ich hätte nie gedacht, dass mein Nachbar, dass mein Freund, dass mein Bekannter das sein könnte."

So wie im Fall Mirco aus Grefrath. Ein dreifacher Familienvater und Manager bei der Telekom hat gestanden, den Zehnjährigen getötet zu haben.

Die Soko "Dennis" fandet ebenfalls nach einem Serientäter, der das perfekte Doppelleben beherrscht: "Es wird jemand sein, der gut verdeckt und gut den Schein wahren kann nach Außen. Das heißt, wir sprechen in dem Zusammenhang eigentlich gerne von einer sogenannten doppelten Buchführung", so Hoga. "Auf der eine Seite kann ich ein sozial adäquates Leben führen, auf der anderen Seite kann ich meine abweichenden sexuellen Phantasie in den jeweiligen Taten auch umsetzen, ohne dass das meiner näheren sozialen Umgebung in irgendeiner Form auffällt."

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