Fall Amstetten Inzest-Opfern droht Dauerbelagerung

Sie verbrachten ihr ganzes Leben im Verlies, sahen nie das Tageslicht - die Resozialisierung der Kinder von Amstetten ist trotzdem möglich, sagen Psychologen. Vorher steht ihnen großer Rummel bevor: Für die Familie wurde ein Anwalt bestimmt, der "Medienkontakte" koordinieren soll.


Wien - Elisabeth F. und ihre Kinder sind frei. Jahrelang waren die heute 42-Jährige mit zwei Söhnen, heute 18 und 5 Jahre alt, sowie ihrer ältesten Tochter, 19, in dem 60-Quadratmeter-Verlies eingeschlossen, in das ihr Vater Josef F. sie alle gesperrt hatte. Mutter und Kinder befinden sich jetzt in einer psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Amstetten.

Das Leben, das diese vier Menschen nun erwartet, muss beängstigend fremd auf sie wirken. Dennoch geht der Psychiater Max Friedrich davon aus, dass Elisabeth F. und ihre drei Kinder die Chance auf ein "halbwegs normales Leben" haben.

Der Wiener Experte betreute auch Natascha Kampusch, deren Fall bislang als der spektakulärste dieser Art galt, nach ihrer achtjährigen Kerkerhaft. Für die Kinder aus Amstetten stellt Friedrich eine vorsichtig optimistische Prognose. Eine Neueingliederung in die Gesellschaft sei möglich: "Ich habe Hoffnung - sonst müsste ich ja meinen Beruf aufgeben", sagte Friedrich.

"Man muss wahrscheinlich eine akute Trauma-Therapie machen", so der Kinder- und Jugendpsychiater. Zudem müsse bei den beiden Brüdern zunächst der körperliche Zustand untersucht werden. Die 19-jährige Kerstin, die ebenfalls bis vor kurzem in dem Verlies lebte, wird wegen einer lebensgefährlichen Erkrankung in einer Klinik behandelt. Sie wurde in ein künstliches Koma versetzt.

Friedrich verwies in Bezug auf die Jungen auf mögliche Gefahren für Haut und Augen, "weil die beiden, die das Verlies noch nie verlassen haben, ja auch noch nicht ans Sonnenlicht gekommen sind." Die Haut werde keine Pigmente gebildet haben und blass sein. Weil sie nie Kindergarten und Schule besuchten, fehle ihnen auch das Gemeinschaftsgefühl, das andere Kinder in dieser Lebensphase entwickelten, sagte Friedrich.

Das Verhältnis zwischen der Gefangenen und ihrem Vater beschrieb der Psychiater als "Machtgefälle von Macht gegenüber Ohnmacht": "Wie das erzwungen worden ist, wissen wir nicht", fügte er hinzu. Er hoffe jedoch, dass die Mutter trotz ihres Martyriums in die Gesellschaft zurückkehren könne.

In der Gefangenschaft habe sie vermutlich eine gewisse Art von Geborgenheit und zugleich Unterdrückung erfahren. "Man lebt in Angst, weil man möglicherweise unter Drohungen lebt, die ja offensichtlich von dem autoritären Täter durchaus eingesetzt worden sind", sagte Friedrich.

"Er hat sich eine jederzeit verfügbare Sklavin gehalten"

Es gebe bislang keine Anhaltspunkte dafür, so der Polizeichef von Niederösterreich, Franz Polzer, auf einer Pressekonferenz, dass Josef F. auch die Kinder im Verlies sexuell missbraucht habe. Offenbar habe sich der 73-Jährige auf seine Tochter Elisabeth "beschränkt".

Die Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith bescheinigte Josef F. eine schwere Persönlichkeitsstörung und ein herabgesetztes Selbstwertgefühl. Der Vater habe sich seine Tochter "als Partnerin herangezogen", sagte Rossmanith der österreichischen Nachrichtenagentur APA: "Er hat sich letztlich eine jederzeit verfügbare Sklavin gehalten." Josef F. habe sich seine Tochter "gefügig gemacht, sie gehalten und nach seinen Bedürfnissen benützt".

"Ohne Zweifel hat er daraus einen sadistischen Lustgewinn gezogen", sagte die Expertin. Der Mann habe "absolute Kontrolle" ausgeübt. Mitleid mit seinen Opfern zeigte F. in den Polizeiverhören nicht, sagte ein LKA-Sprecher.

Jugendwohlfahrt habe sich "nichts vorzuwerfen"

Das merkwürdige Doppelleben des Josef F. - er lebte offiziell mit seiner Frau Rosemarie, 69, und drei seiner mit Elisabeth F. gezeugten Kinder, die er als "Enkelkinder" ausgab - wurde nie durch Nachfragen von offizieller und behördlicher Seite gestört. Die zuständige Jugendwohlfahrt jedenfalls habe sich "nichts vorzuwerfen", sagte der niederösterreichische Bezirkshauptmann und Leiter der Behörde, Hans Lenze, der APA.

F. hatte drei der Kinder aus dem Verlies "nach oben" geholt - und behauptet, seine seit Jahren vermutlich bei einer Sekte lebende Tochter Elisabeth habe sie bei ihm und seiner Ehefrau "abgegeben", "vor die Tür gelegt". Alle drei Kinder seien nach ihrem Auffinden medizinisch untersucht und "in gutem gesundheitlichen Zustand" gewesen, sagte Bezirkshauptmann Lenze.

Am 19. Mai 1993 wurde ein neun Monate altes Mädchen im Mehrparteienhaus der Familie gefunden. Bei dem Baby lag APA zufolge ein Begleitbrief, in dem die Mutter, Elisabeth F., um Hilfe für das Kind bat. Das Schreiben sei von einem Experten graphologisch untersucht worden, sagte Lenze. Die Handschrift konnte offenbar eindeutig der leiblichen Mutter, Elisabeth F., zugeordnet werden.

"Auf äußerst liebevoller Weise großgezogen"

Die Großeltern haben dann bei der zuständigen Behörde, der Jugendwohlfahrt Amstetten, eine Adoption beantragt. Dies sei bewilligt worden, da es keine Anzeichen für Unstimmigkeiten gegeben habe. Am 15. Dezember 1994 wurde ein weiteres Kind, ein zehn Monate altes Mädchen, an der gleichen Stelle abgelegt. Drei Jahre später, am 3. August 1997, wurde ein 15 Monate alter Junge vor dem Haus gefunden. Auch bei diesen Babys lag ein Begleitbrief, in dem die leibliche Mutter um Hilfe rief.

Diese Schreiben seien nicht mehr graphologisch untersucht worden, da der inhaltliche Tenor sowie die Handschrift identisch mit dem ersten Brief gewesen seien, sagte Lenze. Das Mädchen und der Junge seien dann von Josef und Rosemarie F. in Verwandtenpflege genommen worden.

Lenze sagte, er habe zwar Einsicht in die Akten, habe aber am Montagvormittag aufgrund des Mediendrucks und der laufenden Ermittlungen "keine Sekunde Zeit gefunden, hineinzuschauen".

"Wenn wir nur irgendeine Möglichkeit gehabt hätten einzuschreiten, hätten wir es getan", sagte Lenze.

Die Ehefrau des Verdächtigen habe die drei "Findelkinder" in "äußerst liebevoller Weise großgezogen". Der mutmaßliche Täter habe mit "unglaublich viel Geschick" agiert, sagte Lenze.

Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, konnte zu den damaligen Verwaltungsverfahren keine gesicherte Auskunft geben. "Soweit ich weiß, hat es damals eine Aufforderung des Gerichts gegeben, die Mutter der weggelegten Kinder zu suchen", meinte er. Es handle sich um einen "dynamischen Straftäter", der alle angelogen habe.

Anwalt soll Medienkontakte der Familie F. koordinieren

Amstettens Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze betonte heute den "guten körperlichen Zustand" der aus dem Verlies befreiten Jungen. Der fünfjährige Felix sei "heiter" und "quietschvergnügt", das Kind habe sich am Freitag gefreut, erstmals im Leben in einem "richtigen Auto fahren" zu können.

Dann lässt sich Lenze zu einer bizarr klingenden Bemerkung hinreißen: "Ich höre", so Lenze, "dass die Kinder trotz der Umstände glücklich und zufrieden sind."

"Glücklich und zufrieden" - man vermag es sich kaum vorzustellen. Was der Familie F. nun jedoch droht, ist eine Dauerbelagerung durch die Medien.

Der niederösterreichische Landeschef Erwin Pröll beauftragte den Wiener Anwalt Christoph Herbst, die Interessen der Familie Elisabeth F.s zu vertreten. Herbst teilte am Abend mit, sein Auftrag seien "die Medienkontakte und die Medienorganisation". Nach Angaben der Nachrichtenagentur APA will der Jurist einige Familienmitglieder bereits an diesem Dienstag treffen.

Es solle alles getan werden, damit diese nicht von den Medien belagert würden, kündigte Herbst an.

pad/dpa/Reuters

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