Mord an Arzu Ö.: Angeklagter Bruder gesteht tödliche Schüsse

Arzu Ö. wurde entführt und erschossen - von den eigenen Geschwistern. In Detmold hat ein junger Kurde gestanden, seine Schwester getötet zu haben. Musste die 18-Jährige sterben, weil die Familie ihre Liebesbeziehung mit einem Deutschen nicht dulden wollte?

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Angeklagter Osman Ö. mit Anwalt: Geständnis zum Prozessauftakt

Detmold - Der Bruder der jungen Kurdin Arzu Ö. hat vor Gericht gestanden, seine Schwester getötet zu haben. Zum Auftakt des Prozesses gegen ihn und vier weitere Geschwister vor dem Landgericht Detmold räumte der 22-jährige Osman Ö. ein, die Kontrolle verloren und seine Schwester Arzu erschossen zu haben.

Ebenso wie die Schwester Sirin, 27, und der Bruder Kirer, 25, gestand er die Entführung der 18-Jährigen im November 2011. Als Tatmotiv gilt der Anklage zufolge, dass Arzus Familie deren Liebesbeziehung mit einem Deutschen, einem 23-jährigen Bäckergesellen, nicht dulden wollte.

Insgesamt stehen fünf Geschwister Arzus vor Gericht. Drei von ihnen wirft die Staatsanwaltschaft den Mord vor, alle fünf sind außerdem wegen Geiselnahme angeklagt. Die vier Brüder und eine Schwester im Alter zwischen 21 und 27 Jahren sollen die 18-jährige Arzu am 1. November vergangenen Jahres aus der Wohnung ihres Freundes entführt haben. Die Leiche war Mitte Januar auf einem Golfplatz nahe Lübeck entdeckt worden.

Vor Osman Ö.s Geständnis hatte die ebenfalls angeklagte Sirin Ö. Einzelheiten der Tat geschildert. Sie gestand, an der Entführung der 18-Jährigen beteiligt gewesen zu sein. Bei einem Halt auf einer Landstraße sei die Situation eskaliert. Der 22-jährige Osman habe sich heftig mit Arzu gestritten, dann habe sie zwei Schüsse gehört, sagte die 27-Jährige. Osman habe über Arzu gestanden und eine Pistole in der Hand gehalten. Arzu wurde den Ermittlungen zufolge mit Schüssen in den Kopf getötet.

Anklageschrift spricht von "ehrbezogenen Motiven"

Man habe Arzu eigentlich nur "den Kopf waschen wollen", sagte die Schwester. Sie sagte, Arzu habe Alkohol getrunken, Drogen genommen und sich immer mehr von ihrer Familie entfernt. Dann sei Arzu von der Familie verprügelt worden und kurz darauf weggelaufen. Sirin sagte, sie habe ihre verstoßene Schwester mit aller Macht in die Familie zurückholen wollen.

In der Glaubensgemeinschaft der Jesiden sind Ehen mit Andersgläubigen nach strenger Auslegung verboten. In der Anklageschrift ist von einer Tötung mit "ehrbezogenen Motiven" die Rede. Derartige niedere Beweggründe seien nach den in Deutschland geltenden Maßstäben und den hier herrschenden sittlichen und rechtliche Auffassungen besonders verachtenswert.

Insgesamt sind fünf Verhandlungstage angesetzt. Das Gericht hat 30 Zeugen geladen. Der Vater des Opfers ist nicht darunter. Er gilt zwar als Beschuldigter, das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde aber abgetrennt. Mehrere Sachverständige sollen gehört werden: Rechtsmediziner aus Lübeck und Münster, ein Psychiater, der sich zur Schuldfähigkeit der Angeklagten äußern soll, sowie ein Jesiden-Experte der Universität Freiburg.

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten Menschenrechtsvereine gegen sogenannte "Ehrenmorde". Vertreter von Terre des Femmes und Peri forderten gerechte Strafen. Es dürfe keinen "Kulturbonus" für "Ehrenmorde" geben.

wit/ulz/dpa/dapd

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