Fall Bodenfelde Jan O. streitet Tatmotiv Mordlust ab

Jan O. hat vor dem Ermittlungsrichter in Northeim ausgesagt. Er gab zu, Nina getötet zu haben. Sie habe seine Annäherungsversuche abgewehrt. Tobias musste demnach sterben, weil der 26-Jährige fürchtete, der Junge könne ihm auf die Schliche kommen.

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Um 12 Uhr wurde Jan O. im Amtsgericht Northeim dem Haftrichter vorgeführt. Im Beisein seines Verteidigers Markus Fischer begann der 26-Jährige, ein umfassendes Geständnis abzulegen. Drei Stunden lang stellte er sich den Fragen des Richters - und gab zu, erst Nina und dann Tobias getötet zu haben.

Beide Tötungsdelikte räumte er am Freitag in vollem Umfang ein, wie die Staatsanwaltschaft Göttingen anschließend mitteilte. Jan O. gab demnach an, er habe Nina am Montag, dem Tag ihres Verschwindens, zufällig zwischen 19 und 20 Uhr in unmittelbarer Tatortnähe getroffen. Er habe sie gewürgt, sie mit Gewalt zu dem kleinen Wäldchen in der Nähe ihres Elternhauses geschleppt. Dort habe er mit der Faust und "mit einem spitzen Gegenstand" auf ihren Kopf eingeschlagen.

Tobias habe er am Samstag, nachdem dieser seinen Freund zum Bahnhof begleitet hatte, nach 20 Uhr ebenfalls zufällig getroffen - wieder in der Nähe des Mühlengrabens, kurz vor dem Fichtenwald. Er habe sich von dem 13-Jährigen entdeckt gefühlt. Deshalb habe er den Jungen festgehalten und in die Nähe von Ninas Leiche gebracht. Dort habe O. Tobias "durch Einwirkung mit scharfer Gewalt gegen den Hals" getötet, so die Staatsanwaltschaft.

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Bodenfelde: Jan O. gesteht
Warum mussten die beiden Kinder sterben? Als Motiv nannte Jan O., er habe bei Nina sexuelle Absichten gehabt. Das Mädchen habe sich jedoch gewehrt und geschrien. Er habe die 14-Jährige gewürgt, damit sie ruhig sei. Tobias musste wohl sterben, weil Jan O. befürchtete, er könne Ninas Leiche entdecken oder ihn später bei der Polizei verraten.

Beide Motive, so sagte O.s Verteidiger, zeigten, dass der arbeitslose 26-Jährige nicht aus "Mordlust" gehandelt habe. Davon waren die Ermittler bislang ausgegangen. Zudem meine er nicht, dass Jan O. das Potential zum Serienmörder habe. Das hatten Beamte ebenfalls behauptet.

Was geschah zwischen Zusammentreffen und Tat?

O.s Geständnis ist wichtig - für die Ermittler und den bevorstehenden Prozess. Denn außer Jan O. kennt niemand die genauen Abläufe des Geschehens. "Wir wissen bislang nicht, was zwischen der ersten Begegnung des Täters mit seinen Opfern und der Tat geschehen ist - das weiß nur er", sagte einer der Ermittler. Erst mit den konkreten Details könne man das Verbrechen restlos rekonstruieren - und dann auch mit anderen Fällen vergleichen. Noch sei nicht ausgeschlossen, dass Jan O. in der Vergangenheit schon einmal getötet habe.

Sein Verteidiger hatte Jan O. geraten, persönlich vor dem Haftrichter auszusagen anstatt ein schriftliches Geständnis abzulegen. Damit ist auch ein wichtiger Grundstein für die folgende Hauptverhandlung gelegt. Denn sollte Jan O. im Prozess die Aussage verweigern oder etwas Gegenteiliges behaupten, kann dieses Geständnis vor dem Haftrichter verlesen und damit als Aussage im Verfahren gewertet werden.

Dieses richterliche Protokoll gilt als Beweis, weil Richter als unparteiisch gelten. Anders die polizeilichen Vernehmungen: Sie können vor Gericht nicht als Beweismittel verwertet werden.

Wichtig bei der persönlichen Einlassung: Der Eindruck, den ein Täter hinterlässt, wenn der Haftrichter Fragen stellt. "Er stellt die Fragen, die uns Ermittler besonders interessieren. Dabei wird jede emotionale Regung registriert. Das Nonverbale spielt eine wichtige Rolle", so ein Ermittler.

Auch das nun vorliegende DNA-Ergebnis belastet den 26-Jährigen: Nach den Untersuchungen des Landeskriminalamts Niedersachsen stammt eine Blutanhaftung an einem der Kleidungsstücke von Tobias.

Hätte die Polizei Tobias' Tod verhindern können?

Die Polizeidirektion Göttingen hat unterdessen Kritik an ihrer Suche nach der ermordeten Nina zurückgewiesen. Die Beamten hätten intensiv und vorschriftsmäßig nach dem vermissten Mädchen gesucht, sagte Polizei-Vizechef Roger Fladung. Er sehe keine Versäumnisse. Zuvor waren Vorwürfe laut geworden, dass der ebenfalls ermordete Tobias noch leben könnte, wenn die Beamten intensiver nach Nina gesucht hätten.

Ninas Leiche hatte knapp eine Woche unentdeckt in der Nähe ihres Elternhauses gelegen. Tobias war erst fünf Tage nach ihr - nur fünf Meter entfernt - getötet worden.

Jeder Vermisstenfall sei neu zu beurteilen, sagte Andreas Borchert, Kriminaldirektor und Dozent an der Polizeiakademie Niedersachsen. "Gemessen an den Informationen, die uns vorlagen, haben wir alles Notwendige getan, um Nina zu finden."

Nina war am Dienstag um 14.30 Uhr von ihrer Mutter auf der Polizeiwache von Bodenfelde als vermisst gemeldet. Da war das Mädchen schon mehrere Stunden tot. Der genaue Todeszeitpunkt konnte anhand der Obduktion nicht mehr festgestellt werden.

Die Beamten vor Ort bestätigten, dass Ninas Mutter angegeben hatte, dass die 14-Jährige in der Vergangenheit häufiger verschwunden sei, sich aber dann nach Stunden wieder gemeldet habe. Zudem hatten Mitschülerinnen des Mädchens ausgesagt, dass Nina ihnen gegenüber angekündigt habe, sie wolle von zu Hause abhauen.

Nachdem Ninas Mutter auch sagte, es habe kurz vor ihrem Verschwinden Streit gegeben, habe "alles zusammengepasst", so Borchert. "Wir sind nicht von einem Verbrechen ausgegangen, sondern davon, dass ein Mädchen von zu Hause weggelaufen ist und sich nun irgendwo versteckt."

Beamte der Dienststellen Bodenfelde und Uslar hätten nach dem Mädchen gefahndet: Die Familie wurde befragt, sämtliche Adressen von Freunden und Bekannten abgeklappert. Zudem wurden Bauwagen, Holzhütten und andere Unterschlupfmöglichkeiten durchsucht.

Dazu kamen Aussagen von mehreren Augenzeugen, die behaupteten, Nina nach ihrem Verschwinden lebend gesehen und sich sogar mit ihr unterhalten zu haben. "Es gab keinerlei Hinweise für uns, dass Nina einem Verbrechen zum Opfer gefallen war", so Borchert.

Nina wurde am Freitag nach einer bewegenden Trauerfeier beerdigt. Rund 500 Freunde, Angehörige und Mitschüler nahmen Abschied von dem Mädchen. Tobias wird am Samstag beigesetzt.

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