Fall Carolin Gestorben am 15. Juli

Ihr Kind wurde vergewaltigt und erschlagen - der größte Alptraum aller Eltern. Sich über ihre Schuldgefühle und Hilflosigkeit klar zu werden, haben Jörg und Martina Scholz bereits durchgemacht. Nun hält sie nur noch die Suche nach einem Sinn im scheinbar Sinnlosen am Leben.

Von , Graal-Müritz


Graal-Müritz - Das Ostseeheilbad Graal-Müritz sieht aus wie eine Postkartenidylle. 4000 Menschen leben hier. Malerische Villen blicken aufs Meer, reetgedeckte Häuschen ducken sich in die Landschaft, Wellen plätschern an den Strand. Kinder fassen sich auf der Straße an den Händen, keiner geht allein. "Schön", "ruhig", "liebenswert" - so preist sich der Touristenort auf seiner Homepage an. Kann man sich hier einen grausigen Mord vorstellen? "Rein statistisch kann das gar nicht sein", sagt Diplomingenieur Jörg Scholz. "Hier ist es doch sicher", sagt er. Und weiß es besser.

Bis zum 15. Juli 2005 lebte die Familie Scholz - Vater Jörg, Mutter Martina, Sohn Martin und Tochter Carolin - hier; in einem Neubauviertel in Graal-Müritz, mit weißen Häusern, gepflegten Grünanlagen und abschließbaren Metallbügeln auf den Parkplätzen. Die Straßen sind verkehrsberuhigt. Hier grüßen die Anwohner auch Fremde, weil sie glauben, dass man sich bestimmt um zwei Ecken kennt. Die Straßen heißen Pilzweg, Heidelbeerweg, Löwenzahnweg.

Seit dem 15. Juli 2005 lebt die Familie Scholz in der Hölle. An diesem warmen Sommertag kommt die 16-jährige Carolin von ihrem Ferienjob in einem Mutter-Kind-Heim nach Hause, beschwingt und voller Tatendrang, weil sie sich nach einem Streit mit ihrem Freund versöhnen will. Er wohnt in Gelbensande, einem Nachbarort. Zwischen Graal-Müritz und Gelbensande liegt ein Wald, die Rostocker Heide, das größte zusammenhängende Waldgebiet Norddeutschlands. Carolin soll eigentlich nicht allein durch den Wald fahren, ihre Eltern bringen sie normalerweise mit dem Auto.

"Wir haben Carolin immer sehr behütet", sagt Jörg Scholz. Er sitzt im Esszimmer, hinter ihm steht ein Computer. Von hier betreut er Carolins Homepage, die er nach ihrem Tod eingerichtet hat. Immer wieder schaut er zur Tür, als könne er den 15. Juli zurückholen. An dem Tag, an dem Carolin sterben wird, steht sie an dieser Stelle und sagt, dass sie sofort aufbrechen will. Jörg Scholz wartet auf eine Telefonkonferenz, er kann nicht weg. Carolin schlägt vor, sie könne mit dem Rad fahren, neun Kilometer durch den Wald. Sie verspricht ihrem Vater anzurufen, wenn sie angekommen ist. Dann lässt er sie gehen.

Tausendmal wird er sich später das Hirn zermartern: Warum habe ich sie gehen lassen? Warum habe ich sie nicht gefahren? Ich hätte die Konferenz verschieben können. Dann würde sie heute noch leben. "Können Sie sich vorstellen", sagt er und lässt den Kopf in die Hände sinken, "können Sie sich vorstellen, welche Vorwürfe ich mir mache?"

Wieso kam der "menschliche Vulkan" frei?

Carolin kommt nie in Gelbensande an. Die Rostocker Heide ist ein zauberhafter Naturwald, auf der Erde wuchert saftig grünes Moos, Kiefern und Laubbäume knarren im Wind, Rehe staksen durchs Unterholz. Den Waldboden durchziehen kleine Gräben. In einem davon liegt die Leiche von Carolin. Sie wird erst drei Tage nach ihrem Verschwinden gefunden. Das Mädchen wurde vom Rad gezerrt und vergewaltigt. Jemand hat mit einem Stein so brutal auf ihr Gesicht eingeschlagen, dass sie nicht mehr zu erkennen ist.

Als Täter wird im November der 29 Jahre alte Maik S. aus Gelbensande verurteilt. Erst eine Woche vor dem Mord an Carolin ist er aus dem Gefängnis entlassen worden, sieben Jahre wegen Vergewaltigung und Freiheitsberaubung. Das Urteil nun: lebenslängliche Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Genugtuung empfinden die Angehörigen des Opfers nicht. "Maik S. ist uns ziemlich gleichgültig", sagen die Eltern von Carolin. Sie interessieren sich für den Fehler im System, sie wollen wissen, wie es dazu kommen konnte, dass die "tickende Zeitbombe", der "menschliche Vulkan" freikam.

Eines Abends sitzen Jörg und Martina Scholz auf dem Dach ihres Hauses. Hat das alles überhaupt noch einen Sinn? Das Leben? Essen? Sich jeden Tag aus dem Bett zu zwingen? Sie überlegen, ob sie springen sollen. Vermutlich würde man nicht einmal sterben, wenn man vom Dach der Doppelhaushälfte spränge. Eher wurde man sich etliche Knochen brechen. Der Drang zu springen schwindet wieder. "Das können wir immer noch machen", denken sich Carolins Eltern. Von nun an stürzen sie sich in die Suche nach dem Sinn ihres Leidens. Die beiden, 43 und 42 Jahre alt, wollen verhindern, dass so etwas wieder passiert und wenden sich an die Politik - an dieser Aufgabe halten sie sich fest, sie treibt sie an, hält sie vielleicht sogar am Leben. Sie saugen Informationen auf, alle Einzelheiten, jedes Detail. Dann geht es ihnen ein bisschen besser.

Was ist also schief gelaufen im Fall Maik S.? Hätte irgendjemand verhindern können, was im Wald geschah? Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik befasst sich nun ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag mit solchen Fragen - auch dank des unermüdlichen Engagements der Familie Scholz. Seit 2004 gibt es die Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen eine nachträgliche Sicherungsverwahrung anzuordnen (siehe Kasten). Im Fall von S. hätte dies zumindest sorgfältiger geprüft werden müssen, meinen Jörg und Martina Scholz. Und eigentlich hätte man S. dann, davon sind die beiden überzeugt, nicht ohne weiteres entlassen dürfen.

Der Justizapparat kommt zu einem anderen Ergebnis - von der Staatsanwaltschaft bis zum Minister. Die zuständige Sachbearbeiterin in Stralsund habe eine dauerhafte Unterbringung des Häftlings geprüft und nach Absprache mit Kollegen verworfen. Die rechtlichen Möglichkeiten, um eine nachträgliche Sicherungsverwahrung bei Gericht zu beantragen, seien nicht vorhanden gewesen. Diese Entscheidung trägt Justizminister Erwin Sellering (SPD) auch weiterhin mit. Sollte der Ausschuss doch Pannen der Justiz aufdecken, könnte Sellering das zum Verhängnis werden, glauben Kritiker. Schließlich ist im September Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern.

Besonders umstritten ist ein Gutachten vom März 2005 - nicht einmal vier Monate vor der planmäßigen Entlassung von Maik S. -, das klären sollte, ob S. frühzeitig entlassen werden kann. Die Psychologin rät in dem Gutachten dringend davon ab. Sie halte den Häftling für gefährlich. Carolins Eltern verstehen nicht, warum bei solchen Aussagen nicht auch in der Staatsanwaltschaft die Alarmglocken schrillen. Sie quälen sich in die erste Sitzung des Untersuchungsausschusses. Eigentlich wollen sie sich das nicht immer wieder antun, zu hören, wenn Menschen Paragrafen herunterrattern und damit ihre Tochter meinen. "Aber wir wollen auf keinen Fall etwas Entscheidendes verpassen, das sind wir Carolin schuldig." Deswegen gehen sie hin. Die eine Angst siegt über die andere.

"Netzwerk von Fehlern und Alltagsschlampereien"

Ulrich Born, einst Justizminister in Mecklenburg-Vorpommern, ist Vizevorsitzender des Untersuchungsausschusses. Er spricht von einer ganzen Reihe von "gravierenden Pannen" im Fall Maik S. Dieser sei fünfeinhalb Jahre ohne Therapie "weggesperrt" und bei seiner Entlassung nicht austherapiert gewesen, obwohl die Dringlichkeit einer Therapie im Urteil von 1998 mit aufgenommen wurde. Etliche Beteiligte seien schlecht informiert und unzureichend weitergebildet gewesen, sagt der CDU-Politiker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ein Therapeut habe einen wichtigen Fragebogen zur Beurteilung von S. falsch ausgefüllt und nicht einmal bemerkt, dass ihm Fehler unterlaufen seien.

Carolins Eltern wünschen sich nicht unbedingt eine Verschärfung der Gesetze, sondern eine konsequente Anwendung der bestehenden. Der Justiz wirft Jörg Scholz Ignoranz vor. "In dem ganzen Prüfungsprozess gab es ein Netzwerk von Fehlern und Alltagsschlampereien, wie sie passieren, wenn man nicht kontrolliert wird", sagt er. "Wer bei solchen Entscheidungen leichtfertig Fehler macht, riskiert das Leben eines anderen."

An der Stelle in der Rostocker Heide, wo Carolin von ihrem schwarzen Mountainbike gerissen wurde, erinnert eine Tafel an ihr Schicksal. Fotos, Stofftiere, Kerzen, Abschiedsbotschaften. Es ist nicht weit bis zu den nächsten Häusern, 200 Meter bis zur Straße. Man hört Hunde bellen. Ein blondes Mädchen geht die Straße am Waldrand entlang. Ob sie keine Angst habe in diesem Wald, den die Boulevardzeitungen "Todeswald" nannten? "Ach nein", sagt das Mädchen und lächelt. "Mir passiert schon nichts."



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