Fall Chantal: Das Versagen der Ämter

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Schon wieder ist ein Kind gestorben, obwohl die Behörden ausreichend Hinweise auf die problematische Situation der Familie hatten - und schon wieder ist dies in Hamburg geschehen. Nach dem Tod der elfjährigen Chantal wird immer deutlicher, wie leichtsinnig die Ämter vorgingen.

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dapd

Trauer um Chantal: Das Mädchen starb an einer Methadon-Vergiftung

Hamburg - Immer wieder schauten Mitarbeiter des Jugendamts vorbei, mal meldeten sie sich vorher an, mal kamen sie überraschend, wie es üblich ist zur Überprüfung von Pflegeeltern. Noch Anfang Januar, so heißt es im Bezirksamt Mitte, soll ein Sozialarbeiter Wolfgang A. und Sylvia L. in ihrer Wohnung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg besucht haben.

Im Haushalt des Paares lebten dessen zwei leibliche Kinder und zwei Pflegekinder: Eine Enkelin war bereits 2005 in die Obhut von Wolfgang A. und Sylvia L. gegeben worden, Chantal kam 2008, ihr Vater war drogenabhängig, die Mutter Alkoholikerin.

Wenige Tage nach dem Besuch des Sozialarbeiters war Chantal tot. Sie starb am 16. Januar an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon. Ermittler fanden in der Garage der Pflegeeltern und an Wolfgang A.s Arbeitsplatz Methadon-Tabletten. In der Wohnung soll es recht chaotisch zugegangen sein, Chantal hatte nicht einmal ein eigenes Bett.

Das eine Amt verließ sich auf das andere

Nie wieder dürfe ein Kind "durchs Rost" fallen, so formulierte es der damalige Oberbürgermeister Hamburgs, Ole von Beust, vor rund sechseinhalb Jahren. "Wir müssen mehr Verantwortung für Kinder übernehmen", sagte er, seine Rede bekam den Titel "Hamburger Appell".

Zuvor war Jessica im Alter von sieben Jahren gestorben, sie war verhungert. Die Eltern waren nicht zum Arzt gegangen, das Mädchen wog zuletzt 9,5 Kilo, für ein zweijähriges Kind wäre das schon eher wenig. Ihr Kinderzimmer glich einem Verlies, es war nicht geheizt und abgedunkelt.

Zuvor war Michelle gestorben, ein Mädchen von drei Jahren, es litt an Unterernährung, eine Gehirnschwellung führte schließlich zu ihrem Tod. In beiden Familien hatten die Behörden ausreichend Hinweise, dass die Eltern eher eine Bedrohung für die Kinder darstellen könnten, als für Behütung zu sorgen. In beiden Seiten passierte von Seiten der Behörde lange Zeit: nichts.

Beusts Appell folgten Taten: Eine Kinderschutz-Hotline wurde eingeführt, Stellen wurden im Bereich Jugendschutz geschaffen.

Wolfgang A. und Sylvia L. nehmen seit Jahren an einem Substitutionsprogramm teil. Das soll schon bekannt gewesen sein, als 2005 das damals zuständige Bezirksamt Harburg entschied, dass das Enkelkind bei dem Paar bleiben durfte.

Weil ein Verwandtschaftsverhältnis besteht, konnte in diesem Fall von der Richtlinie abgewichen werden, die es verbietet, Kinder in Familien zu geben, in denen Drogen eine Rolle spielen. Beim Abwiegen der Vor- und Nachteile ist es möglich, sich für einen Verbleib des Kindes in dessen sozialem Umfeld zu entscheiden - trotz Bedenken.

Als drei Jahre später das Bezirksamt Mitte zu entscheiden hatte, ob Chantal der Familie anvertraut werden kann, war die Ausgangslage eine andere - doch eine neue Überprüfung blieb aus. "Wir haben uns auf die Prüfung durch Harburg verlassen", sagte der Chef des Bezirksamts Mitte Markus Schreiber (SPD) der "Welt". Zudem wurde damals der Einschätzung des freien Trägers Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) vertraut, der keine Bedenken hatte. Der VSE hatte die Pflegeeltern seit Ende 2007 beraten und bis zu Chantals Tod nach eigenen Angaben "zu keiner Zeit" Anhaltspunkte für einen Drogengebrauch oder die Einnahme von Methadon.

Die Leiterin des Jugendamts blieb, weil kein passender Job frei war

Es sei ein großer Fehler gewesen, dass man sich auf die Einschätzung aus Harburg und des VSE verlassen habe, räumt Schreiber nun ein - doch es war nicht der einzige. Vor dem Familienausschuss der Hamburger Bürgerschaft sagte er am Dienstagabend, es habe fünf Hinweise aus dem Umfeld der Familie auf Drogenkonsum gegeben. In Chantals Akten sollen auch Vorwürfe vermerkt sein, die Pflegeeltern würden oft bis spät in die Nacht feiern.

"Dem ist nicht genug nachgegangen worden", sagte Schreiber. Tatsächlich wurden Wolfgang A. und Sylvia L. von Sozialarbeitern mit den Vorwürfen konfrontiert. Doch dabei entstand offenbar der Eindruck, die Familie werde gemobbt, es handele sich um gezielte Diffamierungen aus der Nachbarschaft.

"Bei den zuständigen Sozialarbeitern hat teilweise eine Betriebsblindheit geherrscht", sagte Schreiber vor dem Familienausschuss. Es sei aus Sicht des Bezirksamts nicht nachzuvollziehen, dass über so lange Zeit Hinweisen auf eventuelle Mängel und Risiken nicht nachgegangen wurde. "Eine Vertrauensbasis zwischen Sozialarbeiter und Pflegefamilie darf nicht zu solchen Fehleinschätzungen führen", so der Bezirksamtsleiter.

Sein Vertrauen zur Leiterin des zuständigen Jugendamts war anfangs groß - zumindest nach außen hin. Am Dienstag stellte er sie dann von ihren Aufgaben frei. Der "Welt" gegenüber räumte er ein, dass sie bereits 2009 versetzt werden sollte. Zuvor war Lara-Mia im Alter von neun Monaten gestorben, ebenfalls im Stadtteil Wilhelmsburg. Das Mädchen war unterernährt, die Familie dem Jugendamt bekannt. Offenbar kamen schon damals große Zweifel an der Eignung Wolters auf, sie blieb aber im Amt, da "keine angemessene Stelle für sie gefunden" werden konnte, so Schreiber.

Ungewöhnlich hohe Zahl an Methadon-Tabletten

Schreiber steht selbst massiv in der Kritik. "Wenn jemand seinen Laden nicht im Griff hat, muss das politische Konsequenzen geben", sagte Christiane Blömeke, familienpolitische Sprecherin der Grünen. Ihre Fraktion fordert, ebenso wie die CDU, Schreibers Rücktritt.

Wie schwerwiegend die Fehler der Sozialarbeiter waren, ermittelt die Staatsanwaltschaft: Sie geht dem Verdacht der Verletzung der Fürsorgepflicht nach. Zudem läuft ein Ermittlungsverfahren gegen die Pflegeeltern, es besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung.

Offen ist auch die Frage, wieso Wolfgang A. und Sylvia L. eine derart große Menge an Methadon-Tabletten besaßen: Insgesamt 31 Stück fanden die Ermittler. Nur in Ausnahmefällen dürfen Teilnehmer von Substitutionsprogrammen die Ersatzdroge zu Hause einnehmen, normalerweise wird sie in der Praxis verabreicht. Der Arzt hat zu entscheiden, ob das Paar ausreichend zuverlässig ist, in der Regel muss dabei auch berücksichtigt werden, ob Kinder im Haushalt leben.

Und selbst wenn eine Erlaubnis erteilt wird: Maximal darf eine Wochendosis ausgehändigt werden, das sind höchstens zehn Tabletten. Laut dem Hamburger Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers ist dies allerdings bisher nicht Gegenstand der Ermittlungen.

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