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Deutscher in US-Haft: Verabredung mit einem angeblichen Auftragskiller

SPIEGEL TV

Dennis G. ist ein ausgebildeter Scharfschütze - und soll Teil eines Killerkommandos gewesen sein. DER SPIEGEL und SPIEGEL TV berichten über die unglaubliche Geschichte des Deutschen. Autorin Karin Assmann beschreibt ihr Treffen mit dem angeblichen Auftragskiller.

Einen Rat hat er noch: Einen Sport-BH soll ich tragen, wenn ich zu Besuch komme. Einen Sport-BH? Für einen Besuch im Gefängnis? Ich will noch am Telefon meiner Phantasie freien Lauf lassen, aber der Vollzugsbeamte am anderen Ende der Leitung will das Gespräch beenden. Und ich will Dennis G. besuchen und niemanden verärgern, also bedanke ich mich und lege auf.

Dennis G. sitzt in einer Festung. Hätte er ein Fenster in seiner Zelle im neunten Stock des Metropolitan Correctional Center, dann könnte er die Brooklyn Bridge sehen. Das Bundesgefängnis mit der edlen Adresse 150 Park Row ist das einzige seiner Art in Manhattan. 800 Männer und Frauen warten hier auf ihren Prozess. Seit September vorigen Jahres ist der 28-Jährige aus Hannover einer von ihnen.

Ein Auftragskiller soll er gewesen sein. Ein Kokainschmuggler und gefährlicher Scharfschütze, der seine Eliteausbildung bei der Bundeswehr für böse Zwecke einsetzen wollte. So jedenfalls steht es in der Anklageschrift, und so erzählte es Staatsanwalt Preet Bharara, als er stolz seinen großen Fang verkündet.

Wie Dennis G. selbst dazu steht, will ich wissen und schaffe es, auf die Liste der zugelassenen Besucher des Deutschen zu gelangen. An einem Freitag darf ich ab 12 Uhr vorbeikommen.

Erschöpft und erniedrigt

Im Gefängnis angekommen fragt mich auf dem Weg zu Dennis G. der Mann am letzten Wachposten vor der Eingangstür, ob ich Anwältin sei. Wenn nicht, dann soll ich mich in das Häuschen setzen, das 20 Meter hinter mir steht. Es sieht aus wie eine Bushaltestelle, verglast und völlig überhitzt. Ein paar Bänke und ein Stehpult mit Formularen. "Ausfüllen und warten." Der Umgangston wird immer ruppiger, je näher ich meinem Ziel komme.

Der Warteraum füllt sich. Frauen mit Kleinkindern, müde und unaufgeregt. Ich bin in einer anderen Welt. Jetzt merke ich, dass wir uns alle für den Besuch verkleidet haben: Schuhe mit Gummisohlen, hochgeschlossene Oberteile und ich könnte wetten, alle tragen wir Sport-BHs. Ohne Ösen oder sonstige waffenähnliche Befestigungen, die einen Alarm auslösen könnten, wenn wir durch die Sicherheitsschleuse gehen.

Noch ist es allerdings nicht soweit. Ein Beamter sammelt unsere Formulare ein, und zehn Minuten später ruft er uns einzeln auf. Wir bekommen jeweils einen Spind zugeteilt, allesamt in Knie- und Oberschenkelhöhe direkt neben und untereinander. Was folgt, ist ein gemeinschaftliches Quetschen und Fluchen, hinter uns die Wärter, die zuschauen wie einige von uns auf allen Vieren den letzten Zipfel unserer Mäntel in die viel zu kleinen Schränke stopfen und uns gegen die Türen stemmen. Wir sind erschöpft, erniedrigt, bereit für unseren Besuch im neunten Stock.

Das Schloss in der Stahltür knackt, und wir gehen los. Einmal noch die Hand durch ein Loch im Panzerglas stecken und unter eine Lampe halten. Zuvor haben wir einen unsichtbaren Stempel auf unsere Haut bekommen. Erscheint das Gefängnislogo unter dem Licht, geht es weiter zu den Aufzügen.

Ein Mann in Orange

"Wir sind gleich da", sagt unser uniformierter Begleiter und gibt einem Aufzugführer per Funk das Kommando: "Die Drei in die Neun." Als sich die Tür öffnet, gehe ich in den Besucherraum. Ich frage mich, welches Gefängnis die Hollywood-Regisseure jahrzehntelang als Vorlage hatten - das MCC in Manhattan war es nicht. Auf dem Boden abgenutztes Linoleum und an der Decke Rohre, eines davon mit orangefarbenen Fetzen verziert. Ich habe kaum Zeit, über den Sinn der Dekoration nachzudenken, da tropft es von einem zweiten Rohr. Die Lache neben dem Mülleimer wird immer größer.

"Du da hinten, setz dich auf den Stuhl", brüllt mich die Wärterin an. Sie zeigt auf einen rosafarbenen Plastikstuhl, wie alle anderen an die Wand gelehnt. Neben dem Stuhl ein zweiter, ebenfalls rosa. Das ist wohl die Ecke für Dennis G. Nein, nicht den direkt an der Tür, da kommt er hin, ich soll mich links daneben setzen.

Die Gittertür zum Vorraum geht zu. Wir sitzen im Kreis, das Ganze hat etwas von Gruppentherapie. In der Ecke ein weißer Kasten mit Blickfenster, dahinter eine Überwachungskamera.

Die Stahltür neben mir geht auf. Dennis G. schaut erwartungsvoll in die Runde. Als er sich neben mich setzt, zieht er die hochgekrempelten Hosenbeine seines übergroßen orangefarbenen Overalls hoch. Die Schuhe, die Socken, alles leuchtend orange. Er schaut auf sich herab, dann wieder in die Runde und zu mir und schüttelt langsam mit dem Kopf. So als sei ihm plötzlich klar, wie weit auseinander sie sind, die beiden Welten, und wie weit entfernt er ist von seinem alten Leben.

"Was willst du wissen?", fragt er. Wir haben eine Stunde Zeit.

Sie wollen erfahren, was Dennis G. erzählte? Lesen Sie die Geschichte "Der Bonus-Job" über Dennis G. in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe oder hier im digitalen SPIEGEL.

SPIEGEL TV berichtet über den unglaublichen Fall von Dennis G.: An diesem Sonntagabend auf RTL ab 22.15 Uhr.

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