Von Julia Jüttner, München
"Suchthilfe bei Jugendlichen muss immer Jugendhilfe sein", sagt Kronthaler. Dazu gehöre auch, Eltern zu befähigen, wieder Erziehungsverantwortung zu übernehmen und ihnen unterstützende Hilfe anzubieten. Auch darum kümmern sich die Mitarbeiter im easyContact House.
Die Jugendlichen müssen putzen, Küchendienst schieben und ihre Schulden regulieren. Sie bekommen einen Haustürschlüssel, dürfen auswärts übernachten. Am Wochenende gehen die Mädchen meist zum Bummeln in die Innenstadt, die Jungen zum Skaten oder Abhängen in die Parks. Was lasch klingt, bezeichnet Kronthaler als "durchdachtes Konzept". "Es ist kein regelloses Haus", betont er.
Sebastian und Christoph halten sich nicht an alle Regeln. Sie sind es gewohnt, zu rebellieren, ihre Grenzen auszuloten, zu provozieren. Wie bei allen Bewohnern des Condrobs-Hauses sind andere Hilfsangebote bei ihnen bereits gescheitert. Das easyContact House ist ihre letzte Chance und - glaubt man Kronthaler - die erste, bei der sie den Weg in ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben mitgestalten dürfen.
Regelbruch gehört daher zum Alltag. "Wenn wir bei jedem Verstoß den Betroffenen rausschmeißen", sagt Kronthaler, "bauen die Jugendlichen nie Vertrauen auf, die Basis für die Brücke in ein gesundes, normales Leben."
Als Dominik Brunner sterben muss, hat Sebastian gerade gegen eine dieser Vorschriften verstoßen. Der 17-Jährige hatte die Fliesen im Bad mit seinen Tags, einer Art Graffiti-Unterschrift, versehen. Für jenen Samstag hatte er Hausarrest. Er hätte die Kacheln säubern sollen.
Warum verweigert man einem Suchtkranken den Zutritt?
Christoph T. dagegen hält sich an jenem Samstag an die Regeln: Dem 17-Jährigen wurde nach eigenen Angaben über das Wochenende der Zugang zum easyContact House verweigert. Er soll in der vorangegangenen Nacht die Aufsicht terrorisiert haben.
Warum wird ein suchtgefährdeter Jugendlicher in einer Situation weggeschickt, in der er ohnehin keine Anlaufstelle hat?
"Jedes Handeln der Jugendlichen hat Konsequenzen, auch in unseren Einrichtungen werden Klienten mit ihrem Handeln konfrontiert, auch entlassen, oder sie verbringen ein Wochenende bei ihren Eltern", sagt Kronthaler. Mit dem verhängten Zutrittsverbot habe die Einrichtung "den Grundstein allen Übels gelegt", hält Christophs Anwalt Tom Heindl aus München dagegen. "Christoph wäre sonst nie auf die Idee gekommen, mit den anderen beiden abzuhängen."
Statt im easyContact House verbringen Sebastian und Christoph die Nacht auf Samstag bei Markus, der noch bei seinen Eltern in Johanneskirchen wohnt. Per SMS melden sie sich bei einem Betreuer ab. Das wird laut Christoph dann akzeptiert, wenn der Freund, bei dem übernachtet wird, dem Haus bekannt ist.
Markus ist auch der Polizei bekannt: Wegen Körperverletzung und Diebstahl ist er vorbestraft und saß bereits wegen schwerer räuberischer Erpressung im Jugendarrest. Er hatte einer Rentnerin eine Pistole an den Kopf gehalten und Geld erpresst. Sein älterer Bruder Peter, nach Angaben seiner Mutter Markus' Vorbild, sitzt im Gefängnis. Um die Familie kümmern sich seit Jahren die Behörden.
15 Dosen Bier, Wodka und eine Flasche Jack Daniels
Im Supermarkt decken sich an jenem Vorabend des 12. September die drei Jugendlichen laut Ermittlungsakten mit 15 Dosen Bier, Wodka und einer Flasche Jack Daniels ein. Am nächsten Tag hängen die Jungen in einem Park ab. Die Condrobs-Betreuer erinnern Sebastian via Handy an seinen Hausarrest, der 17-Jährige verspricht, zu kommen - und bleibt doch weg. Am Nachmittag kommt es schließlich zu jenem Gewaltexzess, den Dominik Brunner nicht überlebt. Laut Obduktionsbericht erleidet der Münchner Manager 22 Verletzungen. Sebastian und Markus müssen laut Anklage wie von Sinnen auf den 50-Jährigen eingedroschen und -getreten haben.
"Diese Tat war nicht vorhersehbar, ebenso wenig solch ein Impulsdurchbruch", sagt Kronthaler. "Wir waren auf einem guten Weg. Wir haben viele Erfolge in unserer Arbeit." Zum Beispiel vor wenigen Wochen erst habe eine 19-Jährige eine Ausbildung als Mediendesignerin begonnen. Mit 16 Jahren war sie bei Condrobs gelandet, hatte mit Hilfe des Vereins erst den Hauptschul-, dann den Realschulabschluss nachgeholt. Kronthaler bezweifelt, dass es das Mädchen gepackt hätte, hätte man sie in eine geschlossene Einrichtung gestopft und "weggesperrt".
"Wir brauchen spezielle Angebote für die Unter-21-Jährigen, die sich einreden, ihr Drogenproblem im Griff zu haben", sagt Kronthaler. Laut Jahrbuch "Sucht 2010" sind in Deutschland 323 Einrichtungen verzeichnet, die speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet sind. Viel zu wenig, meint Kronthaler. "Am besten wäre natürlich: Man spricht die Betroffenen auf der Straße an, nimmt sie mit und steckt sie in eine Entgiftungskur - aber das funktioniert nicht."
Die Erfahrung habe gezeigt, dass die Jugendlichen häufig sofort rückfällig werden und in eine neue Abwärtsspirale rutschen. In Kronthalers Stimme klingt Entschlossenheit mit. "Diese Jugendlichen haben es alle verdient, eine Chance zu kriegen und in unserer Gesellschaft zu leben. Es gibt keine Alternative zur Hilfe - auch für die Schwierigsten!"
Christoph T. hat es nach Angaben seines Anwalts zum ersten Mal geschafft, von Drogen und Alkohol loszukommen - als er im Knast saß.
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