Fall Dominique Strauss-Kahn: Schlussakt in zwölf Minuten

Von und Jonathan Stock, New York

Das US-Kriminalverfahren gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist offiziell eingestellt. Das Schlusskapitel verlief ähnlich bizarr wie der Anfang. Zurück bleiben ein entthronter Ex-Banker, eine erniedrigte Klägerin - und ein blamiertes Justizsystem.

AFP

New York - Unweit der Brooklyn Bridge gibt es diesen Raum, in dem über die Zukunft des einst mächtigsten Bankers der Welt entschieden wird. Saal 1324, am Ende des langen Flurs im 13. Stock des Manhattan Criminal Court, 100 Centre Street: erbaut Ende der dreißiger Jahre, sieben schmale Holzbankreihen, der Marmor am Boden an einigen Stellen herausgebrochen, die Fenster schmutzig vom Staub der Stadt.

"In God We Trust" ist das einzige Feierliche hier. Es steht in goldenen Lettern am Kopfende, über dem schwarzen Lederstuhl des Richters.

Als Dominique Strauss-Kahn, 62 und ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds, am Dienstag um 11.44 Uhr im schwarzen Anzug hereinkommt, wirkt er wie ein Großstädter, der in einer schäbigen Vorortkneipe Geld wechseln will: Er muss hier rein, will aber nicht. Er blickt nicht auf die Journalisten zu seiner Rechten, geht etwa ein Dutzend Schritte und setzt sich dann auf den Stuhl, den ihm sein teurer Staranwalt Benjamin Brafman zurechtschiebt. Seine Frau Anne Sinclair ist vorher schon eingetreten, lächelnd.

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DSK-Verfahren: Zwölf Minuten Schlussakt
Vor dem Gerichtsgebäude hat sich Strauss-Kahn bei seiner Ankunft von Demonstranten anhören müssen, dass er ein perverser Vergewaltiger sei. Als er später herauskommt, schwingt sich eine Frau im weißen Hemd auf das Absperrgitter und schreit ihm dreimal hinterher: "Du bist ein kranker Bastard, und deine Frau ist noch kranker!"

Es gibt auch andere: "Dominique, du bist unschuldig", steht auf einem Plakat, das eine Frau offenbar afrikanischer Abstammung hochhält.

"Mutige Entscheidung"

Gerade mal zwölf Minuten dauert der Schlussakt dieses wohl sensationellsten US-Justizdramas seit Generationen. Als Joan Illuzi-Orbon, die als stellvertretende Staatsanwältin Manhattans den Fall betreut, ans Pult vortritt, ist allen im Gerichtssaal längst klar, was sie erwartet. Strauss-Kahns Anwalt Brafman wird es später eine "mutige Entscheidung" nennen.

Unter dem Aktenzeichen 02526/2011 hat die Staatsanwaltschaft schon am Vortag um 15.20 Uhr stellvertretend für "die Einwohner des Staats New Yorks" eine Empfehlung auf Einstellung des Verfahrens gegen den Ex-Banker eingereicht. Die 25 Seiten, die diese historische Blamage der US-Justiz als Akt des gesunden Menschenverstands darstellen, sind auch für Laien überraschend verständlich geschrieben.

Darin sind alle Punkte aufgelistet, die die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin in Frage stellen, der 33-jährigen Hotelangestellten Nafissatou Diallo, in deren Namen Strauss-Kahn angeklagt ist. Alle Beweise, wie etwa die ärztliche Untersuchung Diallos, deuteten zwar darauf hin, dass es zu einem "raschen Geschlechtsverkehr" gekommen sei - aber eben nicht zwingend auch darauf, dass dieser Geschlechtsverkehr eine Vergewaltigung gewesen sei. Unzucht, doch keine Straftat.

"Der Prozess steht und fällt mit ihrer Aussage", heißt es in dem Antrag. Da die Staatsanwälte Diallo aber nicht mehr glauben, könnten sie auch keine Jury mehr bitten, ihr zu glauben. "Die Klägerin war in so gut wie jedem einzelnen Gespräch unaufrichtig mit uns", beschwert sich Illuzi-Orbon im Gerichtssaal und wird dabei fast laut, als sie fortfährt: "Als wir sie einmal mit einer offensichtlichen Lüge konfrontiert haben, bestritt sie einfach, sie uns jemals erzählt zu haben." Es sei nun mal unmöglich, jemanden "unter diesen Umständen zu vertrauen".

"Wir haben dem nichts hinzuzufügen", fügt Ben Brafman hinzu. Damit erklärt Richter Michael Obus - der diese einstudierte Darbietung geduldig verfolgt - den Fall für abgeschlossen und die Sicherheitsauflagen gegen Strauss-Kahn für aufgehoben. Und das war's dann.

Strauss-Kahn steht auf, dreht sich um, und zum ersten Mal, seit er im Saal ist, lächelt er etwas schief. Er weiß noch nicht so richtig, wo er hinsehen soll. Dann erfasst ihn wieder der Tross der Sicherheitsbeamten, und er verschwindet.

Erdbeben verhindert Pressekonferenz

Es ist eine vernichtende Niederlage vor allem für Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance. Der hat schon andere, prominente Sexfälle hier in der Stadt verloren. Diesmal gibt er offenbar lieber gleich auf, statt eine langgezogene Demütigung zu riskieren. Hinterher verbreitet er eine Erklärung: Sein Büro kämpfe weiterhin für alle Opfer sexueller Verbrechen, auch und sogar jene mit "imperfekter Vergangenheit".

Doch selbst dann wird Vance noch vom Pech verfolgt. Eine Pressekonferenz, die er zu dem Fall einberuft, wird vorzeitig abgebrochen, als das Ostküsten-Erdbeben das Gebäude erschüttert. Kaum ist er ans Podium getreten, ziehen ihn die Bodyguards auch schon wieder fort. "Ich bin okay, ich bin okay", murmelt er.

Es ist ein Ende, so bizarr wie der Anfang dieses spektakulären Falls. Strauss-Kahn darf gehen, er darf nach Frankreich zurück, doch richtig zufrieden kann hier keiner sein. Zweifel und Ressentiments werden bleiben, auf allen Seiten.

Denn noch immer wissen allein Dominique Strauss-Kahn und Nafissatou Diallo, was sich an jenem 14. Mai wirklich in Zimmer 2806 des Sofitel-Hotels in Manhattan zugetragen hat - zwischen 12.06 Uhr, als die Frau laut Schlüsselkartensystem die Suite betrat, und 12.13 Uhr, als Strauss-Kahn seine Tochter anrief, mit der er zum Lunch verabredet war.

Zivilklage als Verzweiflungsakt

Und nun, wo der Fall eingestellt ist, wird es wohl auch nie mehr herauszubekommen sein, zumindest nicht im Rahmen eines Kriminalverfahrens. Strauss-Kahn musste bisher nicht unter Eid aussagen. Eine Jury konnte nie entscheiden. Der Fall ist schon vor dem Prozess abgebrochen worden, im sogenannten "Pre-Trial-Verfahren", der Beweisfindungsphase.

Zwar hat Diallo inzwischen auch noch eine Zivilklage gegen Strauss-Kahn erhoben. Doch auch das ist ein Verzweiflungsakt: Sonst geschieht das nach dem Kriminalprozess.

Die Beweislast ist in US-Zivilverfahren geringer, sie ziehen sich aber oft lange hin. Auch muss Strauss-Kahn dazu nicht persönlich erscheinen. In diesem Fall dürfte die Glaubwürdigkeit Diallos ohnehin so schwer beschädigt sein, dass es auch da nur noch wenig Hoffnung gibt. Dass die Frau ihre Version seither in dramatischen TV- und Magazininterviews offenbart hat, dürfte daran ebenfalls nichts ändern - ein weiterer ungewöhnlicher Schritt, der Insider verblüffte.

Diallos Anwalt Kenneth Thompson, ein in New York gut bekannter Bürgerrechtsvertreter, kritisiert die Staatsanwaltschaft scharf: "Die Klage ist im Namen des Volkes gestellt worden, und sie hätte auch vom Volk entschieden werden müssen, von einer Jury." Cyrus Vance habe "eine unschuldige Frau im Stich gelassen".

Strauss-Kahn lässt anschließend eine Erklärung verbreiten, in der er sich froh zeigt, dass "dieser Alptraum für mich und meine Familie" zu Ende sei. Er hoffe nun auf "so etwas wie ein normales Leben". Benjamin Brafman zufolge - der seinen Mandanten jetzt jovial "Dominique" nennt - will Strauss-Kahn erst mal nach Washington, wo er ein Haus besitzt, um private Dinge zu richten.

Für viele ausländische Journalisten ist es auch ein Abschiedstreffen in den USA. Die meisten französischen Reporter, die den immer zäher werdenden Prozess in den vergangenen Monaten begleitet haben, freuen sich auf die Heimkehr. "Ob er es gemacht hat?", sagt einer. "Weißt du was? Ich weiß es nicht. Das einzige, worüber ich nachdenke, ist mein Flug nach Frankreich."

Die Moderatorin eines großen französischen TV-Senders rekapituliert den Moment, da sie im Juli eine Woche lang vor der Luxuswohnung in der Franklin Street ausharrte, in der Strauss-Kahn seinen Hausarrest verlebte. "Es passierte nichts, absolut nichts", sagt sie fast schon nostalgisch. "Einmal ging ein Fenster auf, das war dann eine Sondersendung."

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1. Blamiertes Justizsystem
Michael Giertz 24.08.2011
Zitat von sysopDas US-Kriminalverfahren gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist offiziell eingestellt. Das Schlusskapitel verlief ähnlich bizarr wie der Anfang. Zurück bleiben ein entthronter Ex-Banker, eine erniedrigte Klägerin - und ein blamiertes Justizsystem. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,782023,00.html
Kann man auch auf die Mannheimer Staatsanwaltschaft anwenden. So viel fehlgeleitete Selbstherrlichkeit wie in diesen beiden "Verfahren" habe ich selten gesehen. Normalerweise müssten Kachelmann und Strauss-Kahn mit hohen Geldsummen entschädigt werden; nicht von den Klägerinnen, sondern von den Justizbeamten ...
2. Mission accomplished
chocochip 24.08.2011
Zitat von sysopDas US-Kriminalverfahren gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist offiziell eingestellt. Das Schlusskapitel verlief ähnlich bizarr wie der Anfang. Zurück bleiben ein entthronter Ex-Banker, eine erniedrigte Klägerin - und ein blamiertes Justizsystem. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,782023,00.html
Mission accomplished, Strauß-Kahn entmachtet... Um Nichts Anderes ging es der US-Regierung, die diese Schmierenkomödie in Auftrag gegeben hat. Und die Medien haben eifrigst mitgespielt. Unser westliches Rechtssystem ist eine Farce ohne Ende, von Rechtsstaat kann keine Rede mehr sein, die Strafe hat Strauß-Kahn schon lange ereilt.
3. Rechthaber
ColynCF 24.08.2011
Zitat von Michael GiertzKann man auch auf die Mannheimer Staatsanwaltschaft anwenden. So viel fehlgeleitete Selbstherrlichkeit wie in diesen beiden "Verfahren" habe ich selten gesehen. Normalerweise müssten Kachelmann und Strauss-Kahn mit hohen Geldsummen entschädigt werden; nicht von den Klägerinnen, sondern von den Justizbeamten ...
Wenigstens haben die Amis noch vor der förmlichen Anklageerhebung gemerkt, dass sie damit nicht durchkommen. Die Mannheimer Staatsanwalt mit ihrer Juristen-typischen Halsstarrigkeit hat den Fall ja bis zum bitteren Ende durchgezogen. Wie bei Harry Wörz. Lieber einen Menschen ruinieren und sich am Ende eine Klatsche von Deutschlands höchsten Richtern holen, als mal zugeben, dass man sich vielleicht tatsächlich geirrt haben könnte (allein dieser Konjunktiv ist den Mannheimer Staatsanwälten schon zu viel). Wieder einmal zeigen uns die Amis, dass sie mit ihrer Flexibilität und Einsichtsfähigkeit den deutschen Rechthabern überlegen sind.
4. Erinnerung
jujo 24.08.2011
Die Anwaltsserie "Boston legal" hatte ja ähnliche bizarre Fälle gezeigt. Das Leben schreibt immer noch die besten Drehbücher. Auf solche Stories wie die Fälle Strauss Kahn oder Kachelmann muss erst mal jemand kommen, meine Fantasie reicht dazu nicht aus.
5. "I had no sexual relationship with this woman"
Demokrator2007 24.08.2011
Zitat von sysopDas US-Kriminalverfahren gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist offiziell eingestellt. Das Schlusskapitel verlief ähnlich bizarr wie der Anfang. Zurück bleiben ein entthronter Ex-Banker, eine erniedrigte Klägerin - und ein blamiertes Justizsystem. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,782023,00.html
Der Medienzirkus wird immer bizarrer. Früher hat man Beweise gesammelt und ist dann vor Gericht gezogen. Heute reicht es, wenn irgendjemand irgendetwas behauptet und eine Filmkamera ist gerade in der Nähe.
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